Alte Snowboards zu neuen Longboards: Aus der Haft ins Leben

7. April 2014, 18:43
98 Postings

Resozialisierung und Nachhaltigkeit: Zwei Neo-Unternehmerinnen gestalten in Wien gebrauchte Snowboards zu neuwertigen Longboards um. Mit der Produktion der Einzelstücke verdienen Ex-Haftinsassen Geld für den Schritt in ein geregeltes Leben

Wien - Es ist nicht lange her, da verbrachte Melanie Ruff noch viel Zeit zwischen menschlichen Schädeln. Für ihre Doktorarbeit an der Universität Stuttgart forschte die 32-Jährige an den psychischen und sozialen Folgen der im Ersten Weltkrieg massiv angestiegenen Zahl an Schussverletzungen im Kopfbereich. Die vorgezeichnete akademische Karriere wurde aber bald von ihrer Leidenschaft für Longboards, die verlängerte Variante der Skateboards, durchkreuzt.

Auf einer USA-Reise vor zwei Jahren hatten Ruff und ihre gleichaltrige Partnerin Simone Melda die Initialzündung: Ausrangierte Snowboards würden doch eine ideale Grundlage bieten, um daraus die Silhouette der kürzer und schmäler dimensionierten Longboard-Decks auszuschneiden – Räder montiert und aus Sperrmüll wird ein Trendsportgerät.

Es ist ein typisches Beispiel für Upcycling; die Veredelung gebrauchter Waren, die in der Wegwerfgesellschaft sonst auf der Müllhalde landen würden, zu neuwertigen Produkten. Das umweltfreundliche Geschäftsmodell für Ruffboards war geboren.

Kapitalakquirierung und Unternehmensrecht

Ganz so einfach gestaltete sich die Umsetzung freilich nicht. Ruff, die Geisteswissenschafterin und HTL-Absolventin für Bauingenieurwesen, und Melda, gelernte Zahntechnikerin und heute im IT-Support tätig, mussten sich erst in der Welt von Kapitalakquirierung, Unternehmensrecht und Marketingstrategien orientieren lernen.

Wie alle Gründerinnen führten sie die Wege zu Investoren, Banken und Steuerberatern, füllten sie vielseitige Formulare für Förderungsansuchen und Verträge aus. Ende 2013 ließen Ruff und Melda die Gesellschaft in Wien in das Firmenbuch eintragen.

Die Unterstützung, die die beiden seitens der Stadt erfuhren, war laut Ruff vorbildlich. "Wien ist für Jungunternehmer, die keine herkömmliche Biografie haben und keine herkömmlichen Produkte machen, ein großartiger Standort", sagt die gebürtige Steirerin. Für das Startup-Unternehmen schrieb die Gemeinde sogar die städtische Gewerbeordnung um. Weil es für die Skate- und Longboardherstellung bisher keine Gewerbegruppe gab, wurde der alte Beruf Wagner kurzerhand um diese Zweige ergänzt.

Zwei-Frau-Manufaktur war keine Dauerlösung

Die ersten Prototypen schälten die Neo-Unternehmerinnen noch eigenhändig mit der Stichsäge aus den Wintersportgeräten. Weil Ruff als Geschäftsführerin und Melda als Verkäuferin und Designerin reichlich zu tun hatten, war die Zwei-Frau-Manufaktur allerdings keine Dauerlösung.

Gemeinsam mit Entwicklern von Industriebetrieben wie Doka und Filzwieser erarbeiteten sie einen Herstellungsprozess, der es auch ungelernten Arbeitnehmern erlaubt, aus jedem beliebigen Snowboard ein Longboard zu fertigen. Damit formte sich neben dem Umwelt- auch der zweite Aspekt aus, auf dem die Unternehmensphilosophie von Ruffboards laut Eigenbeschreibung beruht: der soziale.

Am Arbeitsmarkt schwer vermittelbare Personen, im Speziellen jüngere Haftentlassene, erhalten die Möglichkeit, mit der Produktion der Unikate Geld zu verdienen – und damit den wichtigen Schritt in ein geregeltes Leben zu tun. "Wir glauben, dass vielen zu voreilig eine zweite Chance verwehrt wird", sagt Ruff, die sich selbst als "Macherin" bezeichnet: "Die Eigenschaften, die ich mir selbst zuschreiben würde, werden sonst eher als männlich wahrgenommen."

Neustart nach dem Strafvollzug

Eine erste Kooperation gingen sie und ihre Partnerin mit dem Verein Neustart ein, der Ex-Insassen bei der Resozialisierung begleitet. In einer Werkstätte in Wien-Meidling fabrizieren die Arbeiter nun bei einem Stundensatz von rund 14 Euro die Longboards. Ein Siegel nach Vorbild des TÜV benötigen die Bretter nicht, da sie kein für den Straßenverkehr zugelassenes Verkehrsmittel sind. Der Werkstättenleiter, ein Tischler, prüft die Exemplare vor der Auslieferung.

Das Ausgangsmaterial kommt dabei oft von Skischulen, die sich ihrer gebrauchten Snowboards entledigen, oder von Sportartikelhändlern, die Ruffboards unverkäufliche Rückläufer überlassen. Auf einer zweiten Schiene werden Hobbysportler angesprochen, ihr eigenes ausgedientes Snowboard zum individuellen Longboard umarbeiten zu lassen.

"Pummerin" und "Die fesche Sopherl"

Fertige Ruffboards gehen ab 229 Euro über den virtuellen Ladentisch im Online-Shop. In Zukunft sollen die Longboards auch im physischen Handel angeboten werden, Gespräche dazu laufen mit einigen Läden in Wien. In der Siebdruckeria am Yppenplatz können einzelne Exemplare, deren Formen Namen wie "Die fesche Sopherl" und "Die Pummerin" tragen, schon jetzt getestet werden.

Laut Businessplan müssen Ruff und Melda etwa 500 Bretter pro Jahr in der vorrangig urbanen Zielgruppe absetzen, um beide Teilhaberinnen ernähren zu können und die Firma auf gesunden Beinen zu halten. Mitgerechnet ist dabei schon der Spendenanteil, der im Rahmen einer geplanten Ute-Bock-Edition an den Flüchtlingshilfeverein gehen soll.

Anklang fand das Konzept bereits bei der Abstimmung zur European Social Innovation Competition. Aus mehr als 1.250 Einreichungen wurde Ruffboards unter die letzten 30 Projekte gewählt. Beim Semifinale im Mai erhoffen sich Ruff und Melda vorerst einen Platz unter den letzten zehn Bewerbern. Es soll nur ein Zwischenziel bleiben – den drei Finalisten wird schließlich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso eine Finanzspritze in Form eines 30.000-Euro-Schecks überreichen. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 7.4.2014)

  • Melanie Ruff (links) und Simone Melda in der Werkstatt.
    foto: carolina frank

    Melanie Ruff (links) und Simone Melda in der Werkstatt.

  • Von der Skizze …
    foto: carolina frank

    Von der Skizze …

  • … über den eigentlichen Herstellungsprozess der Bretter, bei dem auch die Steifigkeit erhöht wird, …
    foto: carolina frank

    … über den eigentlichen Herstellungsprozess der Bretter, bei dem auch die Steifigkeit erhöht wird, …

  • … bis zum fertigen Longboarddeck haben Ruff und Melda alle Schritte selbst konzipiert.
    foto: carolina frank

    … bis zum fertigen Longboarddeck haben Ruff und Melda alle Schritte selbst konzipiert.

  • Nur die Achsen und die Rollen, die weicher und breiter als bei herkömmlichen Skateboards und dadurch leichter zu fahren sind, kaufen die beiden zu.
    foto: carolina frank

    Nur die Achsen und die Rollen, die weicher und breiter als bei herkömmlichen Skateboards und dadurch leichter zu fahren sind, kaufen die beiden zu.

Share if you care.