Utopien kennen keine Individuen

2. April 2014, 18:16
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"Tempel" heißt die aktuelle Schau des Atelier van Lieshout in der Galerie Krinzinger. Wie immer handelt es sich dabei um ein Spiel mit Utopien und alternativen Lebensmodellen

Wien - Auf der grünen Wiese wirkt die Architektur archaisch, wie die Ruine einer frühchristlichen Kirche auf kreuzförmigem Grundriss. Diese sakrale Aura ging zwar in der Halle der Art Basel, wo die Installation Hagioscoop des Atelier van Lieshout (AVL) 2013 im Rahmen der Unlimited gezeigt wurde, etwas verloren; dafür kam der Charakter früher Lehmhäuser - erzielt mit einem Gemisch aus PU-Schaum, Fiberglas und Sand - stärker zur Geltung.

Im Inneren wird der Tempel jedoch tatsächlich zur Höhle und erinnert an die alten unterirdischen Städte im Tuffgestein Kappadokiens, wo einst frühe Christen Unterschlupf fanden: AVL sieht dort eine Küche, spartanische Schlafnischen, Ställe und eine Zimmermannswerkstatt vor. Eine Art Downgrading ins historische Jahr Null, als sich mit der Geburt des berühmten Zimmermannssohnes eine neue Glaubensgemeinschaft ankündigte.

Und so wie im Mittelalter Menschen, die nicht Teil der Gemeinde waren, dank des Hagioskops - eines Mauerlochs - trotzdem "das Heilige betrachten" durften (heilig, griechisch: hagios; beschauen, griechisch: skopein), so kann man hier im nachgebauten Modell eine von AVLs Utopien betrachten: das Farmhaus einer Alternativgesellschaft, die ihre Konsequenzen aus dem Leben in einer Gesellschaft des übermäßigen Konsums und der limitierten Rohstoffe gezogen hat. Sehr radikal und darin wie immer provokant, spielt AVL-Gründer Joep van Lieshout so auf die Rückkehr zum Handwerk, auf das Sich-selbst-Befähigen an und spinnt seine seit Jahren verfolgten Ideen zu Autarkie, Energie- sowie Lebensmittelgewinnung weiter.

Fiese Utopien

Ganz ungebrochen sind seine Utopien freilich nie, und deswegen stellt er den guten auch ein paar fiese zur Seite: dem neun Monate in Rotterdam gelebten Freistaat AVL Ville (2001) etwa das Prinzip Call Center, das er als modernes KZ beschrieb, weil dort "Aus-Selektierte" in den Kreislauf als Nahrung oder Heizmaterial rückgeführt würden. Die gesellschaftliche Debatte zu Themen wie Effektivität und Produktivität stimuliert van Lieshout immer wieder auf der Ebene der Provokation.

So zu lesen sind auch die präsentierten Objekte aus der Serie New Tribal Labyrinth, zu der ideologisch auch Hagioscoop zählt. Aber auch die neuen Lebensmodelle haben bei AVL dämonische Züge: So etwa die Cow of the Future, ein auf Organe der Milchproduktion reduzierte Lebenseinheit.

Und das Individuum? Das ist im Werk von AVL nicht anwesend. Es ordnet sich den Prinzipien der Arbeit unter, versklavt sich. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 3.4.2014)

Bis 10. 5.
Galerie Krinzinger
Seilerstätte 16, 1010 Wien

www.galerie-krinzinger.at

  • Atelier van Lieshout, "Food Reaktor", 2013.
    foto: galerie krinzinger

    Atelier van Lieshout, "Food Reaktor", 2013.

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