Taube Menschen hören zum ersten Mal: Zweifel und Kritik an Videos

3. April 2014, 11:16
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Kritiker: Implantate sind kein Allheilmittel, Videos streuen falsche Hoffnung

Joanne Milne bricht in Tränen aus, als ihr die Namen der Wochentage vorgelesen werden. Laut Medienberichten konnte sie diese nämlich noch nie zuvor laut ausgesprochen hören. Der 39-jährigen Britin wurde für das Video, das Ende März online ging und seither fast drei Millionen Mal geteilt wurde, der Schalter ihres Hörschnecken- oder Cochlea-Implantats umgelegt - und die zuvor gehörlose Frau konnte zum ersten Mal hören. Nun melden sich aber Gehörlose, die Kritik an diesem und anderen Videos von ähnlichen Momenten üben.

Emily Howlett veröffentlichte am Mittwoch einen Blogeintrag, der Zweifel an der Sensation anmeldet. Zwar empfinde sie Mitgefühl für die Situation der Britin und Respekt davor, dass diese so tapfer gewesen sei, ihren Weg öffentlich zu machen. Doch verwundert es die Bloggerin, dass Milne, obwohl sie angeblich noch nie zuvor gehört hat, ihren eigenen Akzent erkennt und bemerkt, dass ihre Stimme zu hoch klingt. Howlett gibt allerdings nicht der Frau die Schuld an der offensichtlichen Falschinformation, sondern den Medien, die sich nur für Sensationen interessieren würden.


Joanne Milne wurde vergangene Woche mit diesem Video in den Medien bekannt.

Kritik aus Österreich

Die amerikanische Bloggerin Lilit Marcus, selbst Tochter gehörloser Eltern, ging in ihrem Beitrag noch einen Schritt weiter. Sie rief ihre Leser dazu auf, das Teilen der Videos zu beenden. Ihrer Meinung nach würden die Beiträge vermitteln, dass Gehörlose "kaputt sind" und "repariert werden müssen". So habe etwa ihr Vater nicht die Möglichkeit auf ein solches Implantat. Die Gesellschaft würde ihm durch die Videos vermitteln, dass er für immer "kaputt" sei. Außerdem berichtet sie von Betroffenen, die nach einer entsprechenden Cochlea-Operation eine Therapie benötigten, um die neuen Eindrücke verarbeiten zu können, und nicht alle Patienten würden dadurch ihr gesamtes Hörvermögen zurückbekommen. Das aber werde in den Videos nicht erzählt.

Dem pflichtet Helene Jarmer bei. Die Vorsitzende des Österreichischen Gehörlosenbundes sieht in der Verbreitung dieser spezifischen Momentaufnahmen die Gefahr, dass Cochlea-Implantate als Allheilmittel wahrgenommen werden. Dabei ist es nicht allen gehörlosen Menschen möglich, ein solches Implantat zu erhalten. Vor allem Kinder vor ihrem fünften Geburtstag und Erwachsene, die spät ertaubt sind, qualifizieren sich für dieses Hilfsmittel - das laut Jarmer eben nur ein Hilfsmittel ist: Denn Gehörlosigkeit könne nicht geheilt werden, sondern bleibe eine Behinderung.


Sloan Churman stellte ihren Moment 2011 ins Internet.

Sprache ist wichtig, egal ob gesprochen oder gebärdet

Die Wirkung dieser Videos ist nach Ansicht Jarmers, die seit 2009 als erste gehörlose Abgeordnete für die Grünen im Nationalrat sitzt, weniger für Erwachsene als vielmehr für Eltern von Kindern problematisch: "Diese setzen dann alles auf die Karte Cochlea-Implantat, um ihr Kind wieder hören zu lassen." Dazu bedürfe es aber einer umfassenden Aufklärung. Neben finanziellen Belastungen müsse auch die Vor- und Nachbehandlung ausführlich besprochen werden.

Angenommen, ein Kind im Alter von einem Jahr eignet sich für das Implantant, dauert es ein weiteres halbes bis ganzes Jahr bis zur Operation. Durch Tests muss zuvor noch festgestellt werden, ob das Kind wirklich kein Hörvermögen besitzt. Nach dem Eingriff können logopädische Förderungen und Nachbetreuungen weitere drei Jahre in Anspruch nehmen. Das bedeutet, dass das Kind bis zu seinem fünften Lebensjahr keine Sprache besitzt. Gebärdensprache wird oft nicht mehr zur Verfügung gestellt.

Dabei plädiert Jarmer dafür, dass es keine Entweder-oder-Entscheidung mehr sein sollte, sondern Gebärdensprache und Cochlea-Implantat gleichzeitig eingesetzt werden. Das unterstützt auch die Sprachwissenschafterin Gisela Szagun von der Universität Oldenburg. In einem Artikel der "Neuen Züricher Zeitung" über Cochlea-Implantate betonte sie, dass Kinder in den ersten vier Lebensjahren eine Sprache brauchen, egal ob gesprochen oder gebärdet. Erfolge die Sprachentwicklung mit dem Implantat zu langsam, könnten sie durch Gebärdensprache ein Symbolsystem aufbauen.

Einzelne Person in den Mittelpunkt stellen

Auch Lukas Huber, Generalsekretär des Österreichischen Gehörlosenbundes, glaubt, dass durch die Verbreitung von solch emotionalen Videos falsche Hoffnung gestreut wird. Er plädiert dafür, dass bei der Aufklärung über die Implantate die gesamte einzelne Person im Mittelpunkt stehen sollte und nicht nur die technische Errungenschaft. Immerhin seien die Ergebnisse noch immer stark individuell abhängig.

Huber sieht auch die Situation in Österreich problematisch, da betroffene Eltern bei HNO-Erstberatungen oft den Eindruck erhalten würden, kein neutrales Bild über Gehörlose und Gebärdensprache vermittelt zu bekommen. So enthält die aktuelle Informationsbroschüre des Implantatherstellers MED-EL im Gegensatz zu früher keine Information über Gebärdensprache. (Bianca Blei, derStandard.at, 3.4.2014)

  • Es ist ein emotionaler Moment, als Sloan Churmans Implantat aufgedreht wird.
    screenshot: youtube

    Es ist ein emotionaler Moment, als Sloan Churmans Implantat aufgedreht wird.

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