Britischer Minister macht Insassen das Lesen schwer

2. April 2014, 08:37
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Zugang zu Gefängnisbüchereien wird erschwert, Bücherpakete von Angehörigen werden verboten

London - Schnellere Abschiebung ausländischer Verurteilter, weniger Freigang, härtere Haftbedingungen: Seit seinem Amtsantritt vor 18 Monaten profiliert sich der britische Justizminister Chris Grayling als strenger Verfechter von Law and Order. Mit seiner jüngsten Initiative aber scheint der Konservative übers Ziel hinausgeschossen zu haben: Strafgefangene dürfen Bücher nur noch bei gutem Benehmen ausborgen, Bücherpakete sind verboten. Zehntausende Bürger unterzeichneten Protestpetitionen, namhafte britische Autoren wie Salman Rushdie, Ian McEwan und Nick Hornby laufen Sturm gegen die Einschränkung.

40 Prozent aller Insassen in Großbritannien lesen so gut (oder schlecht) wie ein Elfjähriger, dazu kommen viele Analphabeten. In vielen Anstalten dienen Bibliotheken nicht nur zur Buchausleihe, sondern als Fortbildungsstätte, wo gut ausgebildete Häftlinge Mitgefangenen Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen erteilen. Die Einsparungen der letzten Jahre bedeuteten aber, dass manche Sträflinge nur noch 20 Minuten pro Woche in die Bücherei dürfen.

Disziplinierung

Graylings Buch-Erlass hat nichts mit Einsparungen zu tun, sondern dient der Disziplinierung der Gefangenen – und seiner eigenen Popularität. Buchpakete von Angehörigen und Freunden sind neuerdings verboten, die Liste erlaubten Lesestoffs wird vom Londoner Ministerium zentral verwaltet und restriktiv gehandhabt. Pakete von außerhalb brauche es nicht, findet Grayling. Notfalls könnten die Gefangenen Bücher kaufen. Der Durchschnittsverdienst hinter Gittern liegt allerdings bei 12 Euro pro Woche.

Mit Verweis auf die Öffentlichkeit – "die wünscht das so" – will der Minister die Strafgefangenen "einer spartanischen Behandlung" unterziehen. Sogar konservative Parteifreunde rücken deshalb von Grayling ab. "Er erhält den Preis als rückschrittlichstes Regierungsmitglied", soll ein Minister der Daily Mail gesagt haben.

Der englische PEN-Club und die 150 Jahre alte Howard-Liga für Gefängnisreformen machen nun Druck. Mehr als 80 Autoren haben ein Protestschreiben unterzeichnet. Darin gesteht man den Behörden ausdrücklich das Recht zu, durch geeignete Maßnahmen Gefangene zu belohnen oder zu bestrafen – "Bildung und Lesen sollten aber nicht Teil dieser Vorgehensweise sein."

Lesungen als Protest

Unter den Unterzeichnern ist auch ein Parteifreund Graylings: Jeffrey Archer war einst Vizegeneralsekretär der Konservativen, ehe er mit Thrillern zum Bestseller-Autor avancierte. Wegen Meineids saß er für einige Monate im Knast.

Ihren eigenen Protest hat Hofpoetin Carol Ann Duffy entwickelt: Die Schottin veranstaltete vor dem Londoner Gefängnis Pentonville eine Lesung, die Schauspieler Vanessa Redgrave und Samuel West beteiligten sich an der Aktion. Geholfen hat es bisher nicht. Nun drohen PEN-Club und Howard-Liga dem Justizminister mit alten Paragraphen: Einer Expertise des Menschenrechtsanwalts Geoffrey Robertson zufolge verstößt Graylings "grausame und ungewöhnliche Strafe" gegen die 1689 vom Parlament verabschiedete Freiheitscharta Bill of Rights. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 2.4.2014)

  • Der britische Schauspieler Samuel West bei einer von Hofdichterin Carol Ann Duffy veranstalteten Protestlesung gegen die Maßnahmen des Justizministers Grayling in den Gefängnissen.
    foto: reuters/melville

    Der britische Schauspieler Samuel West bei einer von Hofdichterin Carol Ann Duffy veranstalteten Protestlesung gegen die Maßnahmen des Justizministers Grayling in den Gefängnissen.

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