Baselworld 2014: Schön flach halten!

14. April 2014, 16:35
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Bei der 42. Baselworld zeigte die Uhrenbranche demonstrativ Selbstbewusstsein - und ein neues dünnstes Werk der Welt mit Handaufzug

Es ist eine Messe der Superlative. Für eine fünfminütige Taxifahrt sind 30 Franken, rund 25 Euro, zu berappen. Hotels bis hin zur kleinsten Pension im Umkreis von 50 Kilometern um Basel sind Monate im Voraus restlos ausgebucht. Von den hohen Zimmerpreisen gar nicht zu sprechen. Selbst Privatquartiere kosten das Dreifache der üblichen Preise. So mancher Vermieter soll sich während der Baselworld, der größten, wichtigsten und teuersten Uhren- und Schmuckmesse der Welt, finanziell saniert haben.

Doch davon lässt sich kaum jemand aus der Branche abhalten: Knapp 1500 Aussteller präsentierten von 27. März bis 3. April vor rund 150.000 Besuchern aus hundert Ländern ihre Produkte. Darunter über 3500 Journalisten. Wer jeden Stand besuchen und durch alle Hallen marschieren wollte, käme auf rund 30 Kilometer Gehweg.

Die Anziehungskraft der Messe wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass viele Unternehmen hier einen Großteil ihres Umsatzes generieren: "Wir machen beinahe die Hälfte unseres Jahresgeschäfts während der Baselworld", sagt etwa Jean-Frédéric Dufour, Chef der Uhrenmarke Zenith, die Teil der LVMH-Gruppe ist. Das sei ein guter Return on Investment, denn die Baselworld kommt auch die Aussteller teuer. Für einen prestigeträchtigen Stand in Halle 1.0 wird ein Millionenbetrag fällig.

Zu der Basismiete von 420 Schweizer Franken - etwas weniger als 350 Euro - pro Quadratmeter kommen noch die Kosten für den Standbau selbst, Strom, Wasser und WLAN dazu. Sylvie Ritter, Managing Director des Messeveranstalters MCH, hat eine klare Meinung dazu: "Die Marken sind nicht hier, weil sie uns lieben. Hier geht's um Geschäft."

Highend-Familientreffen

Patek Philippe war zwar schon im vergangenen Jahr am selben Ort: in Halle 1.0. Doch zu ihrem 175-Jahr-Jubiläum leistete sich die Genfer Kultmarke einen neuen Stand. Einen milchig-weißen Kubus, mehrstöckig und scheinbar schwebend hinter Glasfassaden. Rund um diesen Stand und ebenfalls hinter Glas zeigte die Highend-Manufaktur ihre tickenden Neuigkeiten. "In Basel sind die Wege kürzer, hier treffe ich all unsere Partner. Es ist unsere größte Presseplattform", sagt Patek-Philippe-Chef Thierry Stern. Es sei fast wie ein Familientreffen.

Bei Hublot liebt man es etwas lauter. Ebenfalls unter dem Dach der LVMH-Gruppe befindlich, gibt die Marke die erste Pressekonferenz am sogenannten Medientag. Schon eine halbe Stunde vorher ist kaum ein Durchkommen - viele werden von der Security vor dem Stand abgewiesen und müssen den Auftritt des Hublot-Präsidenten Jean-Claude Biver auf Bildschirmen davor mitverfolgen.

Biver, gebürtiger Luxemburger, 64 Jahre alt und eine Art Wunderwuzzi der Branche - er rettete Blancpain, brachte Omega wieder auf Schiene und führte Hublot zum Erfolg -, war gewohnt aufgekratzt. Biver hat so ziemlich alles erreicht, was es in diesem Markt zu erreichen gibt - dennoch steht er vor einer neuen Herausforderung: dem "Schlusssprint", wie er es nennt. Denn die LVMH-Gruppe hat ihm Anfang des Jahres die Aufsicht über die Uhrenmarken Zenith und TAG Heuer übergeben. "Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich um gut funktionierende Marken kümmern soll", sagte Biver. "Das ist neu für mich."

Ein Kaliber - zwei Marken

Dass LVMH uhrmacherische Synergien innerhalb der eigenen Gruppe nutzt, zeigt sich zum Beispiel daran, dass das "El Primero"-Chronografenkaliber von Zenith auch in Bulgari-Uhren verbaut wird. Mit der "Octo finissimo" lieferte Bulgari zudem einen der Showstopper der Messe ab: Der Zeitmesser beherbergt das weltweit flachste Tourbillon-Handaufzugswerk. Es ist nur 1,95 Millimeter hoch.

Damit zeigt sich auch bei der Baselworld ein Trend hin zu flacheren Uhren - es sei hier etwa auf die Piaget Altiplano 900P verwiesen, die im Jänner beim Genfer Uhrensalon gezeigt wurde. Breguet stellte wiederum eine ultraflache Uhr mit Tourbillon vor: die Classique Tourbillon extra-plat automatique mit einer Werkhöhe von drei Millimetern, deren Prototyp vergangenes Jahr in Basel gezeigt wurde.

Die Modelle werden aber nicht nur flacher, sondern auch "weiblicher". Dass immer mehr Frauen ihre Liebe zu mechanischen Zeitmessern entdecken, hat sich in den letzten Jahren bereits abgezeichnet. Nun kommt ein ganzer Schwung mechanischer Damenuhren respektive Unisex-Uhren auf den Markt. So baut Chopard nun auch die edlen L.U.C-Kaliber, die lange Zeit Herrenuhren vorbehalten waren, in die "Schmuckuhren" der Happy-Sport-Linie ein.

Zenith bringt mit der "Synopsis" (Automatik, Kaliber El Primero 4613) mit 40 Millimeter großem Gehäuse einen Zeitmesser für schlankere Handgelenke auf den Markt. Dies mag zudem ein Zeichen von Understatement sein. Dass Patek Philippe, Spezialist für Gold- und Platinuhren, nun auch auf Edelstahl setzt, deutet ebenfalls in diese Richtung. (Markus Böhm, Rondo, DER STANDARD, 4.4.2014)

  • Durch den Zukauf uhrmacherischen Know-hows behauptet sich Bulgari auch in der Haute Horlogerie. Mit der "finissimo" der Octo-Linie krönt sich der italienische Schmuckriese zum "König der Ultradünnen": Nur 1,95 Millimeter hoch ist das dünnste Tourbillon-Werk der Welt mit Handaufzug (Gehäusehöhe: 5,15 mm, Durchmesser: 44 mm). 120.000 Euro.
    foto: hersteller

    Durch den Zukauf uhrmacherischen Know-hows behauptet sich Bulgari auch in der Haute Horlogerie. Mit der "finissimo" der Octo-Linie krönt sich der italienische Schmuckriese zum "König der Ultradünnen": Nur 1,95 Millimeter hoch ist das dünnste Tourbillon-Werk der Welt mit Handaufzug (Gehäusehöhe: 5,15 mm, Durchmesser: 44 mm). 120.000 Euro.

  • Für manche Hersteller ist die Baselworld dazu da, sich dezent in Understatement zu üben- andere wollen stolz herzeigen, was technisch und gestalterisch mittlerweile machbar ist.

    >>> Zur Ansichtssache

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