Aufschlag für den schlimmeren Melzer

1. April 2014, 17:40
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Gerald Melzer, der jüngere Bruder von Jürgen, debütiert am Wochenende im ÖTV-Davis-Cup-Team

Wien - Gerald Melzer (23) hat mit seinem Bruder Jürgen (32) nie ein Problem gehabt. Der Umkehrschluss ist zulässig. Der Altersunterschied von neun Jahren mag eine gewisse Rolle gespielt haben. Eifersüchteleien, Neid oder gar Konkurrenzkampf sind sich einfach nicht ausgegangen. Gerald macht es überhaupt nichts aus, über den großen Bruder zu sprechen. Er sei Vorbild, Hilfe, Ansporn und immer für ihn da gewesen. "Obwohl er als Tennisprofi durch die Welt gereist ist und oft weg war. Logisch, dass ich mich den Vergleichen stellen muss."

In dieser Woche weilt Gerald in Bratislava, er debütiert ab Freitag im Davis Cup gegen die Slowakei. Im Einzel ist Dominic Thiem wohl gesetzt, der zweite Solist wird Andreas Haider-Maurer oder eben Melzer sein. "Natürlich will ich mich im Training aufdrängen, es ist eine Ehre, sehr aufregend." Der ältere Bruder schuftet derweil in Marbella fürs Comeback. Die außer Betrieb gewesene Schulter muss wieder an den Spitzensport gewöhnt werden, die Rückkehr auf die Tour ist für Mitte April in Monte Carlo geplant. Seinem Bruder wünscht er für Bratislava das Allerbeste. "Er wird seinen Weg machen, er könnte sich in absehbarer Zeit um Rang 50 platzieren. Das wäre toll für ihn." Jürgen ist aufgrund langwieriger Verletzungen auf Platz 60 abgerutscht.

Gerald sagt, er sei nie so solide wie der Bruder gewesen. "Ich war schlimmer und verrückter." Jürgen widerspricht. "Er hat keine Häuser angezündet und keine Züge zum Entgleisen gebracht. Ich glaube, wir waren das Traumbrüderpaar aller Eltern." Gerald hat sich nie davon abhalten lassen, Tennis zu spielen. Trotz der familiären Hypothek. "Ich war gierig nach den gelben Bällen. Es hat mir keiner abgeraten, schon gar nicht Jürgen. Ich bekam den Freiraum."

Als Gerald 15 Jahre alt war, schlug der gemeine Verletzungsteufel zu, drei Knie- und zwei Knöcheloperationen. "Erst mit 17 konnte ich an vernünftiges Training denken." Gerald bestritt Future-Turniere, flog in die entlegensten Gegenden, nach Ruanda, Burundi oder Uganda. "Man hat das Gefühl, etwas wert zu sein. In Österreich kommen zu solchen Turnieren zwei Zuschauer. Dort waren die Tribünen voll, die Leute begeistert." Heuer im Februar gewann er in Mexiko seinen ersten Challenger. "Das war gut fürs Selbstbewusstsein, ich habe mich als Tennisspieler etabliert."

Seit dieser Woche ist er die Nummer 150, das ist das beste Ranking seiner bisherigen Karriere. "Es passt absolut, am Ende des Jahres will ich Top 100 sein. Die Qualifikation für ein Grand-Slam-Turnier wäre auch schön." Der kleine Melzer, der um sieben Zentimeter länger als der große ist (190 zu 183), hat erkannt, "dass mir die Zeit nicht davonrennt. Ich spüre noch Reserven in mir. Speziell beim Service und bewegungstechnisch ist einiges drinnen. Wäre das nicht der Fall, könnte ich ja wegen fehlender Perspektiven sofort aufhören."

Gerald wird von Ingo Neumüller trainiert. "Funktioniert." Jürgen hat fünf ATP-Titel und 8,8 Millionen Dollar Preisgeld eingespielt, er war im April 2011 die Nummer acht. Gerald kann null Titel und 136.000 Dollar anbieten. "Es ist ein Nullgeschäft. Mein Bruder hat mir auch finanziell geholfen. Er hat es aus Überzeugung getan." Der junge Melzer sagt nicht, "dass mein Ziel die ersten zehn sind. Die Nummer eins werden auch andere. Ich bin Realist." Abgesehen davon störe es ihn, "dass die Leistungen meines Bruders nie ausreichend gewürdigt wurden. Er kam in der Öffentlichkeit nicht gut rüber. Unverständlich."

Für Gerald hat sich das Tennis in jedem Fall ausgezahlt. "Es ist bereits jetzt eine enorme Lebenserfahrung gewesen." Sollte die Slowakei am Wochenende besiegt werden, geht es im September um den Aufstieg in die Weltgruppe. "Mit meinem Bruder. Und vielleicht auch mit mir." (Christian Hackl, DER STANDARD, 2.4.2014)

  • Die Melzers (rechts Gerald) im Fachgespräch.
    foto: apa/parigger

    Die Melzers (rechts Gerald) im Fachgespräch.

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