Wahlkampf von Tür zu Tür: Wenn der Politiker zweimal klingelt

2. April 2014, 05:30
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Die Wiener Stadtregierung entdeckt den Wahlkampf an der Haustür neu: Trotz allgegenwärtiger (sozialer) Medien sei das persönliche Gespräch wichtiger denn je, lautet die Überzeugung. Das bringt mitunter erstaunliche Erlebnisse an der Haustür mit sich

Wien - Die Klubklausur der Wiener SPÖ vergangene Woche in Rust am Neusiedler See war so etwas wie der inoffizielle Wahlkampfauftakt der Partei. Ob U-Bahn-Linie 5 oder die Gratisnachhilfe für Pflichtschüler, es wurden Zuckerln für die potenziellen Wählerinnen und Wähler präsentiert und die Genossinnen und Genossen auf den nahenden Wahlkampf eingeschworen. Bis zur Wiener Gemeinderatswahl sind es zwar noch rund eineinhalb Jahre, die EU-Wahlen im Mai nutzt die Partei jedoch bereits, um ein erprobtes Konzept zu verfeinern.

Wie schon bei der Nationalratswahl im Herbst 2013 will die SPÖ so viele Einwohner der Bundeshauptstadt wie nur möglich zu Hause besuchen. Konkret: Jeder zweite Wiener soll Besuch von der SPÖ erhalten.

Der Hausbesuch ist in der Regel nicht angekündigt und dauert im Schnitt fünf Minuten. "Es geht einerseits darum, aktuelle Botschaften zu überbringen, andererseits auch darum, die Anliegen, Sorgen, Wünsche und Ängste der Besuchten mitzunehmen", sagt Landesparteisekretär Christian Deutsch zum STANDARD.

"Revolutionäre Kleinarbeit"

In der Wiener SPÖ gibt es die Tradition der Hausbesuche schon lange. "Es kann keine so gut gemachte Plakatkampagne geben, die das persönliche Gespräch ersetzen würde", sagt Deutsch, der in diesem Zusammenhang Otto Bauer zitiert, der den Informationsaustausch im persönlichen Gespräch als "revolutionäre Kleinarbeit" bezeichnet hat.

Dem Zufall will die Partei freilich nichts überlassen und hat sich daher mit internationalen Experten ausgetauscht. Deutsch traf den Franzosen Guillaume Liegey, der den Wahlkampf für François Hollande konzipiert hatte. In Frankreich wurden im Präsidentschaftswahlkampf fünf Millionen Hausbesuche durchgeführt. Die wichtigste Erkenntnis für Deutsch: "Wenn es die Zeit erlaubt, auch noch ein zweites Mal vorbeizuschauen." Liegey lernte bei US-Präsident Barack Obama, der im Vergleich zu 2008 beim Wahlkampf 2012 verstärkt auf Offline-Kommunikation setzte. "In der Fülle von Informationen hat auch Obama gesehen, dass das persönliche Gespräch durch nichts ersetzt werden kann", sagt Deutsch.

Bei Zeugen Jehovas gelernt

Experten in der direkten Kommunikation haben auch die Grünen in ihren Reihen, wenngleich sie nicht immer in politischer Sache unterwegs waren. Bundesrat Marco Schreuder hat als Sohn von Zeugen Jehovas schon in seiner Kindheit an vielen Türen geläutet. Nun war er einer von vielen Wiener Grünen, die im Vorfeld der Bürgerbefragung zur Mariahilfer Straße von Tür zu Tür unterwegs waren - "mit Renderings statt mit dem 'Wachtturm'". Was Schreuder erlebt hat, sobald sich die Türen öffneten, bezeichnet er als "extrem lehrreich".

Einerseits bekomme man ein Gefühl dafür, was die Leute so bewegt, andererseits lerne man viel über die Stadt. "Wer glaubt, dass im sechsten und siebenten Bezirk lauter junge, hippe Einzelunternehmer wohnen, die Freitag-Taschen tragen, der hat sich getäuscht." Zusätzlich habe er den Mini-Wahlkampf auch als grünes Teambuilding erlebt. Wer (ehrenamtlich) mitgehen wollte, der fand sich am frühen Abend in der Parteizentrale in der Lindengasse ein und wurde einem Partner zugeteilt. Da kamen sich durchaus Grüne näher, die in ihrem bisherigen politischen Leben noch gar nichts miteinander zu tun hatten.

Joachim Kovacs, grüner Klubobmann in Ottakring, sieht Hausbesuche auch als neue Form der Bürgerbeteiligung: "Ich kenne das gut aus dem 16. Bezirk in Bezug auf das Parkpickerl. Da kommen bei Informationsveranstaltungen oft nur Leute mit viel Zeit, das ist kein Abbild der Bezirksbevölkerung." Wenn man von Tür zu Tür gehe, sei es wichtig, ein konkretes Thema im Gepäck zu haben. Die Mietpreise wären so ein Thema, findet Kovacs.

Top-Hausbesucher

Das glaubt auch Ulrike Pilgram aus Wien-Landstraße, die eine der fleißigsten Hausbesucherinnen im sechsten und siebenten Bezirk war. Während Wahlkampfzeiten, aber auch außerhalb sollte man dieses Instrument durchaus verstärkt einsetzen: "Es braucht einen Anlass. Sonst würde man die Leute überfordern."

Etwa 28.000 Haushalten im sechsten und siebenten Bezirk haben grüne Politiker im Jänner und Februar einen Besuch abgestattet, von der Vizebürgermeisterin bis zum Bezirksrat. Für die SPÖ soll im EU-Wahlkampf auch Spitzenkandidat Eugen Freund an den Türglocken läuten. Ehrenamtliche Mitarbeiter werden durch das Erstellen von Ranglisten von den Roten motiviert, sich zu beteiligen. Die "Siegerin" im Vorfeld der Nationalratswahl 2013 absolvierte ganze 2997 Hausbesuche. (Andrea Heigl, Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, 2.4.2014)

  • An 28.000 Türen haben die Grünen im Vorfeld der Mahü-Befragung geläutet. Die Wiener SPÖ hat für den EU-Wahlkampf ähnliche Pläne.
    foto: istockphoto

    An 28.000 Türen haben die Grünen im Vorfeld der Mahü-Befragung geläutet. Die Wiener SPÖ hat für den EU-Wahlkampf ähnliche Pläne.

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