"Ausnahmezustand Mensch Sein": Neun Sprachen auf der Bühne

Video2. April 2014, 14:39
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Erstmals setzen Brunnenpassage und Volkstheater in Wien ein Community-Arts-Theaterprojekt um - mit neun Sprachen auf und doppelt so vielen hinter der Bühne

"Wenn ich König wäre, wäre alles anders", sagt Prospero, Herzog von Mailand, gestrandet auf einer Insel und den Irrungen seines Selbst schonungslos ausgesetzt. Auf der Bühne schwirren dutzende Darsteller herum. "Was ist mit der Vergangenheit?", fragt eine Schauspielerin. Plötzlich eine andere Sprache, ein Monolog auf Dari. Regisseur Daniel Wahl bewegt sich ständig durch den Saal, gibt Anweisungen. Es folgt eine Gesangseinlage: "Sugar Man" von Rodriguez.

Schauplatz: die Bühne des Wiener Volkstheaters. Hier probt das 30-köpfige Ensemble für "Ausnahmezustand Mensch Sein" - eine Koproduktion von Brunnenpassage und Volkstheater, angelehnt an Shakespeares "Der Sturm", die am Freitag Premiere feiert.

Was so chaotisch wirkt, folgt einer komplexen Frage: Was mache ich, wenn alles aus den Fugen gerät? Prospero, der behauptet, von seinem Bruder verraten worden zu sein, und ins Exil geschickt wurde, verübt einen Rachefeldzug. Das Stück reist mit seinem Protagonisten in das Innerste des Menschseins – mit all seinen Ausnahmezuständen. Und diese werden von allen gemeinsam gespielt, eine klare Rollenverteilung gibt es nicht. Regisseur Daniel Wahl sagt über diesen Ansatz: "Wir haben versucht, diesen Ausnahmezustand nicht im Sinne von Shakespeare in einzelne Figuren aufzuteilen, sondern ihn in den großen Körper dieser 30 Spieler zu nehmen und als einen inneren Konflikt zu sehen. Letztendlich geht es um Schuld, Verzeihen und Eigenverantwortung."

"Ausnahmezustand Mensch Sein" von Clemens Mädge.

"Kein Migrantenstück"

Erstmals setzt die Brunnenpassage, "KunstSozialRaum" in Ottakring, gemeinsam mit dem Volkstheater ein Community-Arts-Theaterprojekt mit einem internationalen Team um. Die 30 Darstellerinnen und Darsteller sind unterschiedlich alt und haben verschiedenste kulturelle Hintergründe. "Wir haben neun Sprachen auf und 19 verschiedene Sprachen hinter der Bühne", sagt Anne Wiederhold, künstlerische Leiterin der Brunnenpassage. Viele davon sind seit Jahren an Projekten der Brunnenpassage beteiligt - etwa dem Brunnenchor, den Tanzklassen oder dem DJing-Projekt, aus dem das "Kollektiv Brunnhilde" entstanden ist, das für die Tongestaltung des Stücks zuständig ist. "Auch das Werbematerial ist in 19 Sprachen gedruckt worden, damit wir Wienerinnen und Wiener unterschiedlichster Herkunft erreichen", so Wiederhold.

"Aber wir sind kein 'Migrantenstück'", betont sie. "Wir bringen keine Schicksale, keine 'LeistungsträgerInnen' auf die Bühne. Das gab es schon, und es hatte sicherlich seine Notwendigkeit." Ihre neue Produktion hingegen sehe Vielfalt als Normalität an. "Wir machen einfach zeitgenössisches Theater", sagt Wiederhold.

Dass die Arbeit in einem so großen Ensemble eine Herausforderung sein kann, erzählt Petra Grošinić, die das DJane-Kollektiv Brunnhilde leitet: "Es ist ein Zusammenspiel. Wir müssen wirklich aufeinander hören." Auch Darstellerin Sanja Govorčin meint: "Am Anfang war es ein bisschen schwierig, weil jeder ein anderes Bild davon hat, wie die Figur zu spielen ist. Denn: Man ist nie eins, sondern immer das Ganze." (Text: Jelena Gučanin, Video: Siniša Puktalović, daStandard.at, 2.4.2014)

"Ausnahmezustand Mensch Sein" von Clemens Mädge
(nach William Shakespeares "Der Sturm")

Eine Koproduktion von Brunnenpassage und Volkstheater, begleitet und unterstützt von Karl Markovics, Premiere am 4. April im Volkstheater

Mehr Infos und Tickets gint es hier.

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