Mysteriöse Giganten im Mittelmeer

3. April 2014, 18:45
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In mediterranen Gewässern lebt eine eigenständige Finnwal-Population - Wie viele der Riesen es gibt, wohin sie wandern und wo sie den Winter verbringen, ist noch weitgehend unerforscht

Rom - Ein sonniger Tag auf dem Mittelmeer. Plötzlich gerät einige hundert Meter vom Schiff entfernt die Meeresoberfläche in Bewegung. Irgendetwas Großes ist aufgetaucht, schlägt Wellen und lässt Gischt spritzen. Ein Wal? Nein, nicht möglich, nicht hier, in der Badewanne Europas.

Ein Irrtum. Das Mittelmeer beherbergt neben mehreren Delfin-Arten auch Populationen von zwei Großwal-Spezies: den Pottwal (Physeter macrocephalus) und den Finnwal (Balaenoptera physalus), die zweitgrößte Tierart der Welt. In den Ozeanen der südlichen Erdhalbkugel können ausgewachsene Finnwale eine Länge von 25 Metern erreichen, doch in unseren Breiten werden sie im Durchschnitt 18 bis 20 Meter lang.

Einige dieser Riesen sind überaus wanderfreudig. Im Nordatlantik kreuzen sie an den Küsten Grönlands und vor Spitzbergen auf, aber auch in den Gewässern rund um die Kanaren. Die Mittelmeer-Finnwale scheinen sich genetischen Analysen zufolge jedoch kaum mit ihren atlantischen Artgenossen zu vermischen - eine getrennte Subpopulation, deren Angehörige ihre mediterrane Heimat wahrscheinlich auch nicht verlassen.

Die Datenlage ist allerdings dürftig. "Wir haben keine Ahnung, wie viele dieser Tiere im Mittelmeer leben", sagt die Biologin Antonella Arcangeli vom Forschungsinstitut Ispra in Rom dem STANDARD. Die internationale Artenschutzorganisation IUCN geht von weniger als 10.000 Exemplaren aus. Laut einer Studie aus den Neunzigern dürfte es damals gut 3500 Finnwale in einem Teil des westlichen mediterranen Beckens gegeben haben. Zuverlässigere Zahlen fehlen.

Erstaunlicherweise herrscht nicht nur über die Populationsgröße Unklarheit, auch die Migrationsrouten von B. physalus werfen der Forschung noch viele Fragen auf. Im Sommer halten sich viele Finnwale im Ligurischen Meer nördlich der Insel Korsika und in den angrenzenden Seegebieten auf. Dieser Wal-Treff ist Experten schon länger bekannt. In den Wintermonaten jedoch sind die Meeressäuger dort nur selten zu beobachten. Offenbar zieht es die meisten von ihnen in andere Gefilde, aber wohin? Das weiß man noch immer nicht genau, sagt Antonella Arcangeli. Von Februar bis April versammeln sich viele Finnwale in der Nähe der Insel Lampedusa, aber nicht jedes Jahr, betont die Expertin: "Und wir wissen nicht, wo sie den Rest des Winters sind."

Verteilte Nahrungssuche

Arcangeli und manche ihrer Kollegen vermuten inzwischen, dass die Tiere vielleicht gar keine festen Wanderrouten haben, zumindest nicht während der kalten Jahreszeit. Stattdessen könnten sich die Giganten auf der Suche nach Nahrung einfach im Mittelmeer verteilen. Dadurch würden sie meistens auch nicht in größerer Zahl auftreten und deshalb unbemerkt bleiben - trotz eines individuellen Gewichts von mehreren Dutzend Tonnen.

Im Frühling wandern zahlreiche Finnwale wieder in Richtung Ligurisches Meer. Dort erwartet sie bald ein reichliches Mahl: Es bilden sich riesige Schwärme aus Kleinkrebsen, vor allem der Art Meganyctiphanes norvegica. Sie sind gewissermaßen der mediterrane Krill und die Leibspeise der schwimmenden Riesen.

Verantwortlich für dieses üppige Futterangebot sind ost- und nordwärts gerichtete Meeresströmungen, die in dieser Region während der wärmeren Jahreshälfte kaltes und nährstoffreiches Tiefseewasser an die Oberfläche befördern. Dies kurbelt das Wachstum von Phytoplankton - einzelligen Algen - an, was wiederum die Lebensgrundlage für die sich rasch vermehrenden Kleinkrebse ist. Die Nutznießer auf den höheren Stufen der Nahrungspyramide sind Fische und Wale.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten berichteten Fachleute jedoch über eine Abnahme der Anzahl von Finnwal-Sommergästen im besagten Seegebiet. Aus dem etwas weiter südlich gelegenen Tyrrhenischen Meer dagegen werden seitdem mehr Sichtungen gemeldet. Antonella Arcangeli und ihr Forscherteam sind der Sache nachgegangen.

Von 2007 bis 2011 wurden in den Sommermonaten zweimal wöchentlich Beobachter auf einer Fähre zwischen dem Festland und der Insel Sardinien postiert. Jeder einzelne Meeressäuger, der in Sichtweite kam, wurde identifiziert und registriert. Das Schiff fuhr immer dieselbe Route, was die Zählergebnisse statistisch vergleichbar machte. Gleichzeitig nutzten die Forscher Satellitenaufnahmen zur detaillierten Kartierung des Phytoplankton-Wachstums im Untersuchungsgebiet.

Die Ergebnisse der Studie bestätigen den vermuteten Trend. Insgesamt wurden 233 Finnwale beobachtet, die meisten Sichtungen fanden in den Monaten Juni und August statt. Das Tyrrhenische Meer ist offenbar nicht nur mehr Durchzugsgebiet, sondern auch Sommerquartier der mediterranen Giganten geworden. Erwartungsgemäß hielten sich die Wale hauptsächlich in Arealen mit hoher Planktondichte auf. Dort war auch das Wasser vergleichsweise kühl. Ein detaillierter Bericht wurde kürzlich im Fachmagazin "Marine Biology" (Bd. 161, S. 427) publiziert.

Plastik im Blut

Möglicherweise ist der Klimawandel für das verstärkte Auftreten von B. physalus in den Tyrrhenischen Gewässern verantwortlich, meint Antonella Arcangelis. "Wahrscheinlich verändern sich die Strömungen und Wassertemperaturen." Dadurch würden sich die Gebiete mit starker Planktonproduktion verlagern.

Es könnten allerdings auch noch andere Faktoren im Spiel sein. Intensiver Schiffsverkehr und seismische Proben bei der Suche nach Erdöl machen den mediterranen Walen vielerorts das Leben schwer. Auch im Ligurischen Meer. Es gibt dort sehr viel Lärm, betont Arcangeli. Vielleicht weichen die Tiere dem aus. Tourismus könnte ebenfalls ein Störfaktor sein. Die Wissenschafterin berichtet über unreguliertes "Whale Watching" an der nordwestitalienischen Küste. Man rücke den Meeressäugern zunehmend mit kleinen Booten auf die Pelle. "Das ist eine wachsende Branche."

Eine weitere Bedrohung geht von der Verschmutzung aus. Das Blut von Finnwalen aus dem Mittelmeer ist deutlich mit Phthalaten kontaminiert. Diese Weichmacher, erklärt Arcangeli, stammen aus Mikro-Plastikpartikeln. Angesichts solcher Probleme habe eine genaue Zählung der Riesen keine Priorität. "Viel wichtiger ist, dass wir mehr erfahren über ihr Verhalten, ihre Wanderrouten und ihren Gesundheitszustand." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 2.4.2014)

  • Ein bekannter Wal-Treff liegt im Ligurischen Meer, aber auch im Tyrhennischen Meer häufen sich die Sichtungen von Finnwalen.
    foto: tui de roy/minden pictures/corbis

    Ein bekannter Wal-Treff liegt im Ligurischen Meer, aber auch im Tyrhennischen Meer häufen sich die Sichtungen von Finnwalen.

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