Abwärts geht es zuletzt immer schneller

1. April 2014, 17:03
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Christian Bale und Casey Affleck verkörpern in Scott Coopers Film "Out of the Furnace" Working-Class-Brüder, die mit dem Niedergang ihrer Lebenswelt ringen

Wien - Der "Rust Belt", der Rostgürtel, umfasst jene Region im Nordosten der USA, in der sich einmal die größte Ballung von Industriebetrieben befand. Der Niedergang dieser Branche dauert nun schon ein halbes Jahrhundert an. Das hat im Kino, speziell im "blue collar drama", in Filmen über die Arbeiterklasse zu einer guten Portion Nostalgie veranlasst. Mit dem Ausverkauf der Eigenbetriebe ist ein Stück Identität verlorengegangen und damit verbunden ein Ethos, das auf Fortkommen durch ehrliche Handarbeit aufbaute.

Für den US-Film "Out of the Furnace" - im Deutschen, biblischer: "Auge um Auge" - bietet ebendiese Vorgeschichte die Folie für ein Drama um zwei gegensätzliche Brüder, die in eine Abwärtsspirale geraten. Christian Bale spielt den sanftmütigen Russell, er vertritt die Tradition, indem er noch einmal den Weg aller Männer seiner Familie einschlägt und sich als Stahlarbeiter in der längst maroden lokalen Fabrik verdingt. Für den jüngeren, unsteten Rodney (Casey Affleck) ist dies keine Option mehr. Er hat im Irak gekämpft, und seitdem er zurück ist, treibt ihn nur Wut an. Mit Glücksspiel und illegalen Boxkämpfen, die mit bloßen Fäusten ausgetragen werden, reagiert er auf den Mangel an Angeboten im eigenen Land.

Gewalt in den Backwoods

Mit dieser aufgeladenen Konstellation ist allerdings erst die eine Hälfte des Films umrissen. Eine wie ein böses Omen an den Anfang des Films gesetzte Szene macht deutlich, dass im hügeligen Umfeld gen New Jersey noch schlimmere Gefahren lauern: Woody Harrelson zeigt in einem wüsten ersten Auftritt, welche Gewalt in seiner Figur steckt. Harlan ist ein psychopathischer Drogen- und Wettbaron, einer dieser klassischen Hillbilly-Parts. Er verweist auf jenes Hinterwäldler-Milieu, das sich in einer Region durchzusetzen droht, wenn sich diese vom gesellschaftlichen Ganzen abkapselt. Rodney wird mit Harlan Bekanntschaft schließen.

Vor rund vier Jahren hat Regisseur Scott Cooper mit seinem ungewöhnlich sicheren Debüt "Crazy Heart" schon einen Film realisiert, der eine Art Abgesang war: Jeff Bridges begeisterte als abgewrackter Countrybarde, der nicht so recht mit der Zeit gehen wollte. In "Out of the Furnace" sind Coopers Ambitionen größer, aber seine Lösungen überzeugen in diesem Fall nur bedingt. Für die Bedeutsamkeit, die gesellschaftliche Tragweite, die er sucht, erweist sich das Brüder-Drama als etwas zu schematisch, ja vorhersehbar.

Zugleich wirkt der stimmig eingefangene Schauplatz - gedreht wurde an Originalschauplätzen in Braddock, die Fabrik ist dementsprechend oft im Bild - mit seiner Vielzahl an schillernden Nebenfiguren überladen: Forest Whitaker als überforderter Sheriff, Sam Shepard als gütiger Ersatzvater, Willem Dafoe als zwielichtiger, dennoch wohlwollender Bookie - sie wirken alle ein wenig dazu abkommandiert, das Setting mit ihrer Präsenz zu veredeln.

Cooper, der das Drehbuch gemeinsam mit Brad Ingelsby geschrieben hat, spitzt das Drama im Verlauf immer weiter zu. Er bevorzugt dabei weniger erzählerische Nuancen als kräftige Bilder: Einmal parallelisiert er den brutalen Schlagabtausch im Ring mit der Jagd nach einem Hirsch. Ungleich subtiler ist die Leistung von Christian Bale, der in dieser vergleichsweise stillen Rolle sein großes Talent umso mehr zu demonstrieren vermag: Wie dieser herzensgute Mann mehrmals in seinem Leben zu spät kommt, ist das bewegendere Drama dieses Films. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 2.4.2014)

Ab 4.4. im Kino

  • Zwei Männer, die sich nicht gut riechen können: Woody Harrelson (li.) und Christian Bale laufen in Scott Coopers "Out of the Furnace" ("Auge um Auge") auf eine Konfrontation zu.
    foto: tobis

    Zwei Männer, die sich nicht gut riechen können: Woody Harrelson (li.) und Christian Bale laufen in Scott Coopers "Out of the Furnace" ("Auge um Auge") auf eine Konfrontation zu.

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