"Nicht Geiz ist geil, Gier ist geil"

Interview2. April 2014, 10:09
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Uraufführung von "Die Schüsse von Sarajevo": Erwin Steinhauer, der einen Beamten spielt, über Gier und Monarchie

STANDARD: Den "Schüssen von Sarajevo" liegt ein Roman von Milo Dor zugrunde. Woher rührt das Interesse so vieler Theater, aus Romanen Stücke zu gewinnen? Werden so wenige gute neue Stücke geschrieben?

Steinhauer: Ich glaube, es werden genug gute zeitgenössische Bühnenstücke geschrieben. Die Intendanten vertrauen nur nicht darauf, dass das Publikum diese Stücke auch annimmt. Vielleicht unterschätzt man das Publikum, vielleicht möchte man Teile der zahlenden Kundschaft auch nicht vergraulen. Die Experimentierfreudigkeit ist nicht wahnsinnig ausgeprägt. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger macht immerhin Kehlmann und Turrini. Aber es gibt noch eine ganz andere Generation von Autoren, die zu zeigen wichtig wäre.

STANDARD: Wen hätten Sie da im Auge?

Steinhauer: Roland Schimmelpfennig.

STANDARD: Auch Stücke nach Thomas-Mann-Romanen sind nicht automatisch Selbstläufer.

Steinhauer: Die Produktion Joseph und seine Brüder hier am Haus geht gut. Aber man könnte dem Publikum durchaus mehr zutrauen. Es besteht eine gewisse Sättigung, erfolgreiche Stücke in der hundertsten Inszenierung noch einmal zu machen. Nicht noch ein Klassiker, nicht noch ein Horváth! Darum diese Tendenz, Filme für die Bühne zu adaptieren und eben auch Romane. Bei uns kommt noch der äußere Anlass dazu, der 28. Juni 1914. Ich muss gestehen, dass der ursprüngliche Roman Milo Dors eine andere Gewichtung besitzt, mit dem Thema vielleicht auch historischer umgeht als die Fassung von Milan Dor und Stephan Lack.

STANDARD: Was erzählen "Die Schüsse von Sarajevo"?

Steinhauer: Die geschichtlichen Tatsachen des Ersten Weltkriegs kann sich jeder Interessierte selbst aneignen. Wer zu faul zum Googeln ist, kann sich ein Buch kaufen. Geschichtsunterricht auf der Bühne ist sterbenslangweilig.

STANDARD: Der Interessierte fährt vorher zur Themenausstellung auf die Schallaburg?

Steinhauer: Zum Beispiel. Bei uns geht es im Grunde um die Tragik der Hauptfigur, des Untersuchungsrichters Leo Pfeffer, den ich spiele. Ihm obliegt es, den Hergang des Attentats auf Franz Ferdinand zu klären.

STANDARD: Eine vielschichtige Figur. Ein jüdischer Intellektueller strandet in Sarajevo. Er ist wohlmeinend. Er verkörpert alle Tugenden des österreichischen Liberalismus und muss die Erfahrung machen, dass mit Rechtschaffenheit und Rechtlichkeit allein ein Krieg nicht zu verhindern ist. So weit richtig?

Steinhauer: Entscheidend ist, von wo jemand herkommt. Pfeffer besitzt drei Ebenen. Er ist der absolut loyale Untersuchungsrichter, der den Habsburgern dankbar ist, dass er als kroatisch-jüdischer Sohn eines Sattlermeisters aus Osijek in Wien studieren durfte.

STANDARD: Er ist ein "Ziehsohn" Kaiser Franz Josephs?

Steinhauer: Auf der zweiten Ebene ist er seiner Grundhaltung nach ein Pazifist und eben kein Nationalist. Eher schon hat seine serbische Geliebte (Julia Stemberger) nationalistische Anwandlungen. Bleibt die Privatperson Pfeffer übrig, die alle Haltungen opfert, um mit der Geliebten zusammenbleiben zu können. Der Ausgang des Stückes ist offen. Für mich als Schauspieler stellt sich die Frage, wo liegen die Übergänge zwischen den einzelnen Facetten der Figur?

STANDARD: Sie haben, wenn es auch schon einige Zeit her ist, jahrelang zum Ensemble des Burgtheaters gehört. Belustigen oder kränken Sie die aktuellen Entwicklungen dort?

Steinhauer: Es macht mich insofern traurig, als ich genau weiß, dass alle lügen. Ich kenne Silvia Stantejsky seit 1982, weiß, was sie für eine Frau ist, und dass sie nie Ungesetzlichkeiten machen würde, außer sie wird gebeten, gewisse Dinge nicht so ernst zu nehmen. Das ist aber der Beginn. Das Haus ist chronisch unterdotiert, so wie die Staatsoper auch. Jetzt werden die Verantwortlichkeiten hin- und hergeschoben. Und jeder lügt.

STANDARD: Die Krise hat schon viel früher begonnen?

Steinhauer: Vor Jahren hat man das totgeschwiegen. Das geht jetzt nicht mehr. Es wird genauer hingesehen und recherchiert.

STANDARD: Aber es stimmt doch zum Beispiel, dass sich große Schauspieler ihre Gage abends bar an der Abendkasse haben auszahlen lassen?

Steinbauer: Das weiß ich nicht, das ist mir nie geglückt (lacht). Es gibt ältere Kollegen, die sagen, ich mache diese Lesung nicht, wenn ich nicht im Brustbeutel vor der Lesung die Gage spüre. Sonst bin ich ganz schlecht! Das gibt es. Aber in meiner Generation ... Man muss kämpfen, die Verdienstmöglichkeiten werden weniger. Die Burg ist noch immer ein Schloss. Für die Gagen dort fehlt bei uns hier an der Josefstadt, wo eisern gespart wird, jedes Verständnis.

STANDARD: Sind das Décadence- Erscheinungen?

Steinhauer: Die Gier ist größer geworden. Wer an den Futtertopf kommt, langt tiefer hinein. Das ist ein Symptom der Zeit. Nicht Geiz ist geil. Gier ist geil. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 2.4.2014)

Erwin Steinhauer (62) machte als Kabarettist von sich reden, ehe er zum Charaktermimen ("Herr Karl") avancierte. Jetzige Bühnenheimat ist das Josefstadt-Theater. Aktuell singt er Hermann Leopoldi und rezitiert Karl Kraus.

  • Das Stück "Die Schüsse von Sarajevo" (Dor/Lack) feiert in der Inszenierung von Herbert Föttinger am Donnerstag Uraufführung. Neben Steinhauer: Julia Stemberger.
    foto: apa/roland schlager

    Das Stück "Die Schüsse von Sarajevo" (Dor/Lack) feiert in der Inszenierung von Herbert Föttinger am Donnerstag Uraufführung. Neben Steinhauer: Julia Stemberger.

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