Rundschau: Bube, Dame, Werwolf, Ass

Ansichtssache26. April 2014, 10:00
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coverfoto: septime

James Tiptree Jr.: "Doktor Ain"

Gebundene Ausgabe, 440 Seiten, € 23,90, Septime 2014

Der stämmige Bürger rauschte an der Vorzimmermieze vorbei und platzte durch die Innentür. Mit diesem ersten Satz der ersten veröffentlichten Kurzgeschichte von James Tiptree Jr. begann 1968 eine Karriere wie keine andere. Und es ist ein überaus passender Satz, denn er bringt auf den Punkt, was Tiptrees früheste Erzählungen vor allem anderen auszeichnet: Tempo. Es schwindelt einen beim Lesen geradezu, wenn in dieser Debüt-Erzählung ("Geburt eines Handlungsreisenden"/"Birth of a Salesman") ein Logistik-Unternehmen damit beschäftigt ist, absurde Produkte via Transmitternetz zu Planeten mit absurden Namen zu schicken, wo sie bei diversen Alienvölkern absurde Reaktionen auslösen. Mit dem Ergebnis eines bürokratischen Regel-Overkills, der hier in einen Telefonwirbel sondergleichen mündet. Am Ende ist man platt.

"Geburt eines Handlungsreisenden" ist das, was ich gerne Wirtschaftswunder-SF nenne: Ein überzeichnetes, aber tendenziell positives Bild der modernen Zeit. Im Grunde hätte es auch schon zehn oder vielleicht sogar zwanzig Jahre früher geschrieben werden können. Zu Beginn ihrer SF-Karriere war Alice B. Sheldon, die sich hinter dem Pseudonym James Tiptree Jr. verbarg, zwar schon eine deutlich überdurchschnittliche Stilistin - aber eben doch noch eher konventionell unterwegs. 

Anfangs war es noch Humor ...

Die Vor- und Zurück-Politik, mit der der Septime-Verlag Tiptrees Gesamtwerk veröffentlicht, erweist sich allmählich als überaus raffiniert. Den Anfang machten die späten "Quintana Roo"-Geschichten, die mit ihrem Magischen Realismus einen sanften Übergang vom Mainstream-Programm des Verlags zum SF-Werk Tiptrees bildeten. Es folgten mit "Zu einem Preis" und "Houston, Houston!" Erzählungen aus Tiptrees goldener Schaffensperiode. Und nun geht es zurück zu den Anfängen, die vielleicht noch nicht Tiptrees spätere Brillanz zeigen - aber zumindest schon mal sehr unterhaltsam sind.

Zu dieser Frühphase gehören auch "Treu dir, Terra, auf unsere Art ("Faithful to Thee, Terra, in Our Fashion"), das im Grunde die Formel des "Handlungsreisenden" wiederholt und sie auf einen Planeten anwendet, auf dem Wettrennen mit allen möglichen und unmöglichen Tieren veranstaltet werden. Dito zwei in fidelem Ton erzählte Geschichten, in denen es die Menschheit mit Außerirdischen zu tun bekommt: Riesige Superfrauen von der Capella auf der Jagd nach männlichen Sexsklaven in "Mama kommt nach Hause" ("Mama Come Home"), fundamentalistische Missionare von Cygnus in "Hilfe" ("Help"). In beiden Geschichten gilt es, die Eindringlinge auszutricksen, zudem ließ Sheldon hier ihre eigene Geheimdienst-Vergangenheit einfließen, was entscheidend zum späteren Tiptree-Mythos beitragen sollte.

... doch dann folgt das Grauen

Der Titel des aktuellen Bands ist ebenfalls gut gewählt, denn die dazugehörige Erzählung "Doktor Ains letzter Flug" ("The Last Flight of Dr. Ain") gilt als erster Wendepunkt in Tiptrees Schaffen. Hier klingt bereits vieles an, was später als typisch Tiptree gelten sollte: Eine zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung - in diesem Fall zwischen einem Biologen und niemand Geringerem als Gaia selbst -, die Gleichsetzung von Liebe und Tod und so ganz nebenbei die Auslöschung der ganzen Menschheit. Zudem wählte Tiptree hier erstmals einen Aufbau, der die LeserInnen bis zum finalen Schlag in den Magen im Ungewissen belässt. Wie es Tiptree-Biografin Julie Phillips im Nachwort ausdrückt: Die Geschichte scheint am Ende anzufangen, aber beim Lesen entdecken wir, dass wir uns mitten in einer Kriminalgeschichte befinden und wir das Opfer sind.

Die übrigen Geschichten lassen sich am ehesten auf den gemeinsamen Nenner "Begegnungen mit dem Fremden" bringen. In "Ich bin zu groß, aber ich spiele gern" ("I'm Too Big, but I Love to Play") manifestiert sich ein gigantisches interstellares Vakuumwesen in Menschengestalt, scheitert mehrfach auf buchstäblich explosive Weise daran, sich dem menschlichen Denken anzupassen, macht aber unverdrossen weiter. Thematisch verwandt "Dein haploides Herz" ("Your Haploid Heart"), in dem ein Biologe ein Alienvolk daraufhin untersucht, ob es sich als menschlich klassifizieren lässt. Im Eifer zu gefallen hat die betreffende Spezies ihre biologische Vergangenheit vergessen - und ist deshalb drauf und dran, sich selbst auszulöschen.

Im Vergleich dazu nimmt sich das humorvolle "Glück ist ein wärmend Raumschiff" ("Happiness Is a Warm Spaceship") eher seicht aus: Die Geschichte handelt vom korrekten Admiralssohn Quent, der im Rahmen eines galaktischen Integrationsprogramms mit einer Schiffscrew voller exzentrischer Außerirdischer konfrontiert wird. Immerhin zeigt die Erzählung, dass in Tiptrees früher Phase ein Happy End nicht unbedingt ausgeschlossen war: Siehe auch "Beam uns nach Hause" ("Beam Us Home"), in dem ein begabter Junge der festen Überzeugung ist, dass er einst von einem Raumschiff heimgeholt werden wird - selbst dann noch, als er als Soldat in einem dreckigen Dschungelkrieg steckt.

Erzählerische Fundgrube

Weniger Glück hat der Jungforscher Evan in "Und auf verlorenen Wegen fand ich diesen Ort" ("And I Have Come upon This Place by Lost Ways"), der sich dem schematisierten Denken seiner älteren Kollegen widersetzt und sich im Alleingang aufmacht, das Geheimnis eines fremden Planeten zu ergründen. Denn belohnt wird sein Mut nicht: Heldentum, das paradoxerweise zum Tod führt, beschreibt Phillips ein weiteres Tiptree-typisches Motiv. "Der Schnee ist geschmolzen, der Schnee ist fort" ("The Snows Are Melted, the Snows Are Gone") schließlich liefert uns ein archaisches Bild: ein Mädchen, das von einem Mann durch die Wildnis verfolgt wird. Doch ist in dieser neoeiszeitlichen Welt der Mann die eigentliche Beute ...

Mir würden spontan an die 20 Kurzgeschichten einfallen, mit denen ich illustrieren könnte, warum James Tiptree Jr. eine derart herausragende Erscheinung war. An "Schuld" ("Fault") konnte ich mich nicht mehr erinnern - zu Unrecht offenbar. Als früher thematischer Vorläufer zum bekannten "The Man Who Walked Home" erzählt die Geschichte von einem Mann, der aus der Zeit fällt. Ein außerirdisches Volk hat ihn für ein Vergehen damit bestraft, dass er seine Umgebung immer stärker verzögert wahrnimmt - eine vermeintlich sanfte Strafe mit schrecklichen persönlichen Folgen. Anfangs Unverständliches fügt sich am Ende dieses Frühwerks nahtlos zusammen - eine echte Wiederentdeckung! Was zugleich für die gesamte Tiptree-Neuausgabe gilt, die zum Glück noch mit einer ganzen Reihe weiterer Bände aufwarten wird.

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