Rundschau: Bube, Dame, Werwolf, Ass

Ansichtssache26. April 2014, 10:00
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coverfoto: crown/del rey

Andy Weir: "The Martian"

Gebundene Ausgabe, 369 Seiten, Crown/Del Rey 2014

Die Kommentare zu Andy Weirs großartigem Roman "The Martian" gliedern sich im Wesentlichen in zwei Lager: "Robinson Crusoe auf dem Mars" und "MacGyver auf dem Mars" - mit einer beträchtlichen Schnittmenge aus beidem. Die Grundidee ist ja auch bestechend: Als eine Mars-Expedition der nahen Zukunft zu einer hastigen Abreise vom Roten Planeten gezwungen wird, bleibt eines der Mitglieder durch eine Verkettung unglücklicher Umstände allein zurück und wird für tot gehalten. Doch Mark Watney lebt. Und ist wild entschlossen, das Unmögliche zu schaffen und die Jahre bis zum Eintreffen der nächsten Expedition zu überleben.

Und da sitzt Mark nun auf Acidalia Planitia nördlich des Marsäquators in seinem Mini-Habitat ohne Kommunikationsverbindung zur Erde. Und rechnet durch, wie lange seine Vorräte reichen - "I'm pretty much fucked", lautet folgerichtig der erste Satz des in Tagebuchform geschriebenen Romans. Energie und dank Recycling auch Atemluft sind noch das geringste Problem, die Nahrungsvorräte hingegen werden lange vor jeder Rettungsmöglichkeit aufgebraucht sein. Bis Mark - er war sowohl der Mechaniker als auch der Botaniker der Expedition - eine erste rettende Idee hat. Warum nicht die paar Kartoffeln nützen, die die NASA für ein marsianisches Thanksgivingmahl mitgeschickt hat, und das Habitat samt sämtlichen Außenstellen - es geht um jeden halben Quadratmeter! - in eine Mini-Plantage umwandeln? Düngen kann er selbst: My asshole is doing as much to keep me alive as my brain.

Die große marsianische Knoff-Hoff-Show

"The Martian" ist die Erfindung eines neuen Subgenres, der Heimwerker-Hard-SF. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, so etwas schon einmal in solch atemberaubender Detailausgestaltung gelesen zu haben. Mark ist über alle Maßen erfindungsreich, wenn es darum geht, die wenigen ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen zu nutzen und umzufunktionieren. Da wird in lebensgefährlicher, aber leider alternativloser Weise Wasser aus Sauerstoff- und Wasserstoffvorräten erzeugt. Da dient das Plutonium einer Radionuklidbatterie durch seine Wärmeabstrahlung kurzerhand als Heizkörper. Und mit Klebeband lassen sich sowieso wahre Wunderwerke vollbringen. 

Der US-amerikanische Autor Andy Weir hat sich für seinen Debütroman ohne jede Frage mächtig in die Themen Astronomie, Physik, Chemie und Raumfahrttechnologie reingekniet, damit Marks Patentlösungen zumindest theoretisch möglich sind. Ob das alles in der Praxis und im Detail tatsächlich so funktionieren würde, da maße ich mir mangels mechanischen Talents keine Meinung an. Ich akzeptiere das jetzt genauso, wie ich es damals hingenommen habe, wenn MacGyver aus einem Kondom und einer Hustinette ein Amphibienfahrzeug gebaut hat. Als positives Zeichen darf man jedoch werten, dass nicht nur Hard-SF-Autoren wie Stephen Baxter und Larry Niven Weirs Recherchearbeit Lob aussprechen, sondern auch NASA-Astronaut Chris Hadfield.

Marks Meisterstück dürfte eine lange Überlandfahrt zur Bergung der alten "Pathfinder"-Sonde sein, über die er es tatsächlich schafft, wieder Kontakt zur Erde aufzunehmen ("Now that NASA can talk to me, they won't shut the hell up ... I mostly ignore them. I don't want to come off as arrogant here, but I'm the best botanist on the planet"). Auf der Erde verfolgt inzwischen längst die ganze Weltbevölkerung via Satellit Marks Überlebenskampf, während die NASA unter Hochdruck an Rettungsplänen feilt. Diese zweite Handlungsebene gibt übrigens eine recht gute Auflockerung - um nicht zu sagen: Atempause - ab. Denn "The Martian" ist mit 370 Seiten zwar kein megalanger Roman, aber lange genug, dass ein Gefühl von Enge aufkommen könnte, wenn wir nur bei Marks Perspektive blieben. Für ihn ist Enge natürlich der Alltag.

Heimwerken auf der Meta-Ebene

"The Martian" ist die nächste dieser neuen Selfpublishing-Erfolgsgeschichten à la Hugh Howeys "Silo" (Howey hat passenderweise auch einen Blurb auf dem Buchcover beigesteuert). Ursprünglich 2011 als E-Book veröffentlicht, entwickelte sich der Roman zu einem derartigen Erfolg, dass er von der Verlagsgruppe Random House gekauft und heuer als Hardcover wiederveröffentlicht wurde. (Links oben das Cover der US-Version von Crown, rechts die britische von Del Rey.) Und damit nicht genug: Die Twentieth Century Fox hat sich bereits für die Filmrechte interessiert. Die möchten offenbar nach Universals "Apollo 13" und "Gravity" von Warner Bros ihr eigenes Stück Weltraumunfall-wird-zur-Heldengeschichte haben. Mit US-typischer "Du schaffst alles, wenn du nur willst"-Philosophie, Pioniergeist und zu Tränen rührendem "Rettungsaktion, bei der die ganze Welt mitmacht"-Plot. Wenn das kein Leinwanderfolg wird, weiß ich auch nicht.

Ursprünglich dachte ich, die bestechend einfache Prämisse der Geschichte wäre der Grund für ihre Popularität. Beim Lesen hat sich allerdings rasch herausgestellt, dass es in Wirklichkeit der Ton ist, in dem sie erzählt wird. Allein auf dem Mars: Das schreit ja förmlich nach Verzweiflung oder bestenfalls nach Melancholie. Doch nix da. Mark verzagt abgesehen von einem einzigen kurzen Wutanfall niemals. Er geht ein Problem nach dem anderen an, analysiert es und findet eine Lösung. Und gönnt sich zwischendurch mal ein Päuschen mit Aufzeichnungen alter TV-Serien. 

"He's stuck out there. He thinks he's totally alone and that we all gave up on him. What kind of effect does that have on a man's psychology? ... I wonder what he's thinking right now", rätseln sie bei der NASA. Hätten sie zu der Zeit schon Kontakt gehabt, hätte die Antwort sie eher verblüfft: "How come Aquaman can control whales?", denkt Mark da nämlich gerade. Geekige Verweise in grade dem richtigen Ausmaß tragen das ihrige zur Auflockerung des Romans bei, der zu ganz wesentlichen Teilen von seinem Humor lebt. Da hat Mark (bzw. Weir) ein echtes Händchen für, das muss man ihm lassen. Sogar der alte Busenwitz (.Y.) kann zünden, wenn er mit dem richtigen Timing serviert wird.

Empfehlung!

Wenn man streng ist, muss man natürlich kritisieren, dass Mark als Hauptfigur zu idealisiert dargestellt wird. Wär er kein scharfsichtiger Analytiker, der jedem Problem penibel und unglaublich diszipliniert auf den Grund geht, hätte er schon nach wenigen Seiten in den Marssand gebissen. Trotzdem wird er - ist schließlich viel liebenswerter - als Witzbold dargestellt, der am laufenden Meter zitierfähige Pointen liefert. Ein unerschütterlicher Optimist ist Mark sowieso. Und wenn er endlich Kontakt zur Erde bekommt, dann ist sein erster Gedanke vollkommen selbstlos: Sagt meiner Crew, dass sie keine Schuld trifft. Andere könnten vielleicht einen gewissen Groll hegen, wenn man sie allein auf einem Planeten hocken lässt, aber so tickt unser Mark eben nicht.

... andererseits kann einem beim Lesen auch Schlimmeres begegnen als die sympathischste Hauptfigur seit langem. Ich war abwechselnd gespannt, verblüfft und gerührt, habe oft gegrinst und ein paar Mal laut aufgelacht. Kurz: "The Martian" ist ein echter Pageturner.

P.S.: Danke an User "shutterbug" für den Tipp! Da hätte ich echt was verpasst.

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