Palliativmedizin: Sich in der letzten Lebensphase wohlfühlen

1. April 2014, 16:42
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"Leben bis zuletzt" ist der Titel einer Enquete in Wien - Selbstbestimmung ein zentrales Thema

Kontrolle ist eine der vielen Leiteigenschaften der Menschen im 21. Jahrhundert. "Was uns alle vereint, ist das Wissen, dass wir alle eines Tages einmal sterben müssen", eröffnet Waltraud Klasnic, Präsidentin des Dachverbandes Hospiz Österreich, die Diskussion. Der Tod ist zwar eine Tatsache, wird aber von der Mehrheit der Bevölkerung solange als möglich verdrängt. Die Österreichische Hospizbewegung ist angetreten, einen Diskurs über Leben und Sterben zu eröffnen.

Mut spielt eine Hauptrolle

Worüber sich die Veranstalter - der Dachverband Hospiz Österreich und die Österreichische Palliativgesellschaft (ÖPG) - besonders freuten: Zur Enquete "Leben bis zuletzt" im Wiener Museumsquartier hatten sich nicht, wie erwartet, nur 80 TeilnehmerInnen sondern insgesamt 280 Interessierte angemeldet. Zu Palliativbetreuung und Hospiz gebe es, so Klasnic, viele verschiedene Zugänge: Haltung, Aussage, Angebot und Mut spielen die Hauptrollen. In einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, geht es darum, leistbare Angebote für Menschen in der letzten Lebensphase zu schaffen. Nach vielen Jahren habe es das Thema endlich in die Regierungserklärung geschafft. Es gebe das politische Bekenntnis aller Parteien - nun ginge es darum, die dringend notwendigen Forderungen auch umzusetzen.

Bunte Auswahl

Angebot und Nachfrage stehen bei der Palliativversorgung nämlich in einem groben Missverhältnis, wurde in einer Datenerhebung des Hospiz Österreich ganz klar festgestellt. Egal, ob stationär in Spitälern, Hospizen und Tageshospizen, oder ambulant zur Betreuung der Menschen durch Palliativkonsilardienste oder mobile Teams zu Hause: Die flächendeckende Finanzierung ist nicht gewährleistet. Das soll sich ändern, wünscht sich Herbert Watzke, Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft. Wäre diese Tatsache nämlich gewährleistet, würde sich das auch auf die immer wieder neu aufflackernde Diskussion zur aktiven oder assistierten Sterbehilfe auswirken.

Gegen beides sprechen sich ÖGP und der Dachverband Hospiz aus. "Wir haben das Privileg als Ärzte, mit Menschen in der letzten Phase arbeiten zu dürfen. Nur ein ganz geringer Prozentsatz will Sterbehilfe, die überwiegende Mehrheit der Menschen konfrontiert sich mit der neuen Situation, man beschäftigt sich mit der Erkrankung und will weiterleben," erlebt Watzke täglich. Er spricht sich ganz dezidiert gegen die Sterbehilfe aus. Würde man gesunde Menschen fragen, ob sie Sterbehilfe wollen, würden sie wohl ja sagen, weil sie die Situation, mit der eigenen Vergänglichkeit umzugehen, einfach nicht kennen. "Würde man Gesunde Menschen fragen, wie sie sterben wollen, wäre ihre Einschätzung also grundfalsch."

Legale Sterbehilfe

Eine Volkbefragung zur Sterbehilfe hält er in einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, für ein vollkommen falsches Signal. "Es gibt legale Wege über Patientenverfügungen. Viele Menschen in der letzten Lebensphase bekommmen eine Lungenentzündung. Man könnte vereinbaren, dass diese Infektion dann nicht mehr behandelt wird. Aber auch dagegen entscheiden sich die meisten Patienten", sagt er. Es ginge darum, Wissen über die letzte Lebensphase unter die Menschen zu bringen. Watzke will, dass die Palliativversorgung in Österreich auf sicheren Beinen steht und finanziert wird - nicht nur für alte Menschen, sondern generell für jeden, der sie braucht, das können auch Kinder und Jugendliche sein.

Woran es strukturell krankt? "Gesundheit und Soziales sind zwei getrennte Bereiche in Österreich, diese Dualität verhindert Lösungen", bestätigt Karl Bitschnau, vom Dachverband Hospiz in Vorarlberg. Er setzt sich ebenfalls für einen Rechtsanspruch auf Hospiz- und Palliativversorgung ein. Es müsse Teil der Regelversorgung sein und für jeden leistbar. "Das Leben", sagt Bistschnau, "ist ein Prozess und verläuft in Phasen, in der Selbstbestimmung und Fürsorge wichtig sind". Auch das Lebensende verlaufe in Phasen und dafür brauche man entsprechend spezialisierte Strukturen. Oft, so Bitschnau, dauert das Leben auch am Lebensende noch Jahre. Die Gesellschaft muss sich dafür rüsten. (Karin Pollack, DerStandard.at, 1.4.2014)

  • Fürsorge als Leistung der Solidargemeinschaft: Am Lebensende wird sie wichtig.

    Fürsorge als Leistung der Solidargemeinschaft: Am Lebensende wird sie wichtig.

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