Was heißt überhaupt "genug"?

Leserkommentar1. April 2014, 11:51
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Über die Idealisierung des dekadenten Lebens im Film "The Wolf of Wall Street"

"Mehr. Mehr. Mehr. Mehr. Mehr. Mehr. Ist nie genug" heißt es in der Ankündigung des Films "The Wolf of Wall Street". Dieser zeigt uns ebensolche Bilder: Ein junger aufstrebender Broker strebt nach mehr. Mit einem rhetorischen Geschick vermag er es, Aktien zu verkaufen, Unsummen an Geld anzuhäufen, eine Horde an Gleichgesinnten dazu zu motivieren, es ihm gleichzumachen.

Ein stetes und unaufhaltsames Mehr mündet in pompösem und verschwenderischem Wohlstand, in einer sich wiederholenden Schleife des "Nie genug", bis hin zum Betrug, zur Illoyalität gegenüber Nahestehenden und zur Gefährdung des eigenen Lebens.

Der Film zeigt uns in besonders deutlicher Weise, welche Bilder der Mainstream in der Gegenwart inszeniert: ein rastloses Streben nach mehr, ein "Unvermögen zum Genug" sowie die Idealisierung eines dekadenten Lebens. Eine besonders markante Veranschaulichung dessen liefert die lebensgefährliche Fahrt des Protagonisten über das Mittelmeer, um hinterzogene Millionen in der Schweiz für sich zu sichern, für die das Begräbnis einer Angehörigen hintangestellt wird.

Trotz aller Fragwürdigkeit bietet ein solches Leben immer noch Anlass zur Idealisierung: Am Ende des Films sieht man den verurteilten Aktienbetrüger bei einem Vortrag vor einer Schar an Leuten, die ihn mit großen Augen anhimmeln. Ihn umgibt die Atmosphäre eines überschwänglichen Lebens, das erstrebenswert scheint und welches immerhin wert ist, einen Hollywood-Film mit Starbesetzung daraus zu machen.

Idealisierte Rastlosigkeit

Ist es nicht fragwürdig, dass unsere Gegenwart solche Bilder, die uns ein abgründiges Leben der Rastlosigkeit vor Augen führt, so idealisierend inszeniert? Sollten wir nicht einmal die Frage stellen: Können wir eine Lebensart des "Genug" überhaupt vorstellen und anschaulich machen? Sollten wir nicht folgendes Desiderat vorbringen: Wenn wir anders leben wollen, dann brauchen wir andere mediale Bilder! Wir brauchen Geschichten, Erzählungen, Symbole oder emotionale Helden, die uns vor Augen führen, was es bedeutet, "genug zu haben" und für Momente Ruhe und Sättigung zu erfahren.

Was wir brauchen

Wir benötigen ein "kollektives Narrativ", das neben Bildern auch Fragen und Antworten bietet, woher etwa die problematische Rastlosigkeit kommt, was es bedeutet, anzukommen und zufrieden zu sein, ob dies einem Stillstand und einer Konservativität gleichkommt oder doch noch Raum zur Entwicklung freilässt. Es braucht eine Kultur des "Vermögens zum Genug", die in all unsere Lebensbereiche hineindringt: die Partnerschaft, den Besitz, den Konsum, die Reisen, die Erlebnisse etc. Wir brauchen Bilder solcher Erfahrungen, die vorführen, was Goethes Faust nicht konnte, nämlich zum Augenblick zu sagen: "Verweile doch, du bist so schön", anstelle eines: "Es ist nie genug, wir wollen mehr!" (Florian Schmidsberger, Leserkommentar, derStandard.at, 1.4.2014)

Florian Schmidsberger (Jahrgang 1986) studierte in Wien Philosophie (Diplom) sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (Bakkalaureat). Gegenwärtig arbeitet er in der Philosophie an einem Doktorat zu Gefühlen, absolviert eine Ausbildung zum Psychotherapeuten und arbeitet als "Program Manager" für den Universitätslehrgang "Psychotherapeutisches Propädeutikum" an der Universität Wien.

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