Fehlende Forschung von heute sind Arbeitslose von übermorgen

31. März 2014, 18:01
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Wirtschaftsforscher warnen vor Unterfinanzierung der Grundlagenforschung

Wien - Wirtschaftsforscher Christian Keuschnigg gibt der österreichischen Bundesregierung Nachhilfe in Sachen Zukunftsplanung: "Familien sparen im Laufe des Erwerbslebens ein Vermögen für die Ausbildung der Kinder, um sie für die Zukunft zu rüsten", schreibt der Direktor des Instituts für höhere Studien (IHS) in einem offenen Brief an Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Vizekanzler und Finanzminister Michael Spindelegger (ÖVP). Und fordert ein paar Zeilen später, der Staat sollte genauso agieren wie diese Familien und trotz Hypo Alpe Adria und Budgetlochs genügend Mittel für die Zukunft, in diesem Fall für die kompetitive Grundlagenforschung zur Verfügung stellen.

Keuschnigg ist einer von achtzehn Wissenschaftern, Finanzexperten, Bankern und Gewerkschaftern, die bisher offene Briefe an die österreichische Bundesregierung verfasst haben. Alle Briefe sind auf der Website des Wissenschaftsfonds FWF abrufbar, denn der Hauptgeldquelle für heimische Grundlagenforschung drohen die Mittel auszugehen. Sein derzeitiges Budget von knapp über 200 Millionen Euro droht 2016 auf 100 Millionen Euro zurückgefahren zu werden. Das hätte einen sofortigen Stopp von Bewilligungen der Projektanträge und der Anstellung von jungen Wissenschaftern zur Folge (DER STANDARD berichtete).

Sehr dicke Bretter

Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) hat zwar, wie berichtet, für 2016 bis 2018 mindestens 1,6 Milliarden Euro zusätzlich für Unis, FHs, FWF und Forschungseinrichtungen wie die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gefordert, um den Normalbetrieb aufrechterhalten zu können. Doch er hat auch selbst angesichts der Bankenkrise vom "Bohren dicker Bretter" bei Verhandlungen mit dem Finanzministerium gesprochen. Dem Vernehmen nach waren die Gespräche zwischen Wissenschafts- und Finanzministerium auf Beamtenebene bisher nicht von Erfolg gekrönt. Eine Online-Petition mit derzeit 45.000 Unterschriften - unter anderem von Forschungsrat Hannes Androsch, Infineon-Chefin Monika Kircher und Bank-Austria-Vorstandsvorsitzendem Willibald Cernko - unterstützt Mitterlehners Forderung. Sie soll demnächst übergeben werden.

Auch Jürgen Janger vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) warnt vor dem Einbruch der kompetitiven Mittel für Grundlagenforschung. In einem hochentwickelten Land wie Österreich müsse die simple Formel gelten: "Die fehlende Spitzenforschung von heute sind die Arbeitslosen von übermorgen." Er weist auf die Ausbildungsarbeit an den Hochschulen hin. "Alle Unternehmen, die Erfolg haben wollen, suchen bestens ausgebildete Arbeitskräfte - und die finden sie vor allem an den besten Universitäten."

Janger fordert trotz Bankenpleite Mittel für jene Bereiche, "wo man am meisten bewegen kann, und das ist zum Beispiel die Grundlagenforschung". Er erinnert an die 2011 von der Regierung verabschiedete Forschungsstrategie, in der von einem Wachstum der Mittel für die Grundlagenforschung die Rede ist, insbesondere der kompetitiv vergebenen Mittel. "Wenn man nun davon weggeht, heißt das, dass man die damals formulierten Ziele nicht mehr verfolgen will." 2011 wollte die österreichische Bundesregierung "Innovation-Leader" in Europa werden. "Davon müssten wir uns dann endgültig verabschieden." Zuletzt ist Österreich im entsprechenden Ranking von Platz sechs auf Platz zehn abgerutscht. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 1.4.2014)

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