Medienprozess um Tobenden in der Bank

1. April 2014, 05:30
62 Postings

Nach einem Artikel über sein Gerichtsverfahren verlor ein junge Mann seinen Job. Er klagte die Zeitung - obwohl sein Verteidiger den Bericht eingefädelt hatte

Wien - Kann man als Journalist einem Verteidiger trauen? Um diese Frage dreht sich der Medienprozess gegen "Österreich", den ein 22-jähriger Arbeiter gegen den Verlag angestrengt hat. Der Grund ist ein Artikel über ein Gerichtsverfahren gegen ihn. Dieser war mit mehreren Fotos bebildert, auf denen er, trotz Augenbalken, in Kombination mit seinem eher seltenen Vornamen erkennbar war.

Das hatte verheerende Konsequenzen: "Der Chef hat mich noch am gleichen Abend angerufen und gesagt, ich brauch gar nicht mehr kommen, weil ich in der Zeitung war", erzählt R. Richter Stefan Romstorfer. "Aber auch Kunden haben mich angesprochen, und meine Familie hat ja auch erst so von dem Prozess erfahren." Ein Prozess, der sich übrigens nicht um ein Schwerverbrechen gedreht hat: R. wurde zu einer niedrigen bedingten Strafe verurteilt, weil er betrunken in einer Bank getobt hatte. Bilder aus der Überwachungskameras, die aus dem Gerichtsakt stammten, fanden den Weg in Zeitung und Internet.

Foto im Gerichtssaal

"Österreich"-Anwalt Peter Zöchbauer sieht allerdings keine Schuld beim Journalisten. Denn: "Der Verteidiger von R. hat die Bilder zur Verfügung gestellt und gesagt, dass eine Veröffentlichung in Ordnung ist. Da muss man von einer Einwilligung ausgehen. Noch dazu, da er sich mit seinem Mandanten im Gerichtssaal sogar noch extra ablichten ließ und den Journalisten kannte."

Eine durchaus nachvollziehbare Argumentation. Diese hatte im ersten Rechtsgang auch zur Abweisung des Schadenersatzbegehrens von R. geführt, was allerdings vom Oberlandesgericht aufgehoben wurde. 

Der Verteidiger verteidigt sich als Zeuge nun damit, dass er dem Journalisten klargemacht habe, sein Mandant dürfe nicht identifizierbar sein. Dass er die Bilder ermöglicht habe, stimme aber. Was nicht unbedingt zu seinem Schaden war: Wurde er doch im Artikel schließlich als "Topanwalt" tituliert. Sein Mandant sagt unter Wahrheitspflicht aus, der Verteidiger habe nie mit ihm über Medienarbeit gesprochen.

5000 Euro Schadenersatz

Romstorfer dreht schließlich die Entscheidung seiner Kollegin aus dem ersten Verfahren um und verurteilt den Verlag, nicht rechtskräftig, zu insgesamt 5000 Euro Schadenersatz. Seine Argumentation: Ein Verteidiger vertrete zwar grundsätzlich seinen Mandanten umfassend, dürfe aber nichts unternehmen, was diesem schade. Der Journalist hätte daher dezidiert R. fragen müssen, ob er mit einer Veröffentlichung einverstanden gewesen wäre.

Zerstört wurde das Leben von R. schlussendlich nicht: Er fand nach vier Monaten einen neuen Job. (Michael Möseneder, derStandard.at, 01.04.2014)

Share if you care.