"Stories We Tell": Geschichten, die man besser nicht erfinden könnte

31. März 2014, 17:00
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Mit "Stories We Tell" unternimmt die kanadische Schauspielerin und Regisseurin Sarah Polley eine dokumentarische Exkursion in ihre eigene Familiengeschichte - Überraschungen inklusive

Wien - Am Anfang des Films steht eine ebenso naheliegende wie folgenschwere Erkenntnis: "Wenn du mitten in einer Geschichte steckst, dann hat sie überhaupt nichts von einer Geschichte." Im Nachhinein übernimmt die Tendenz das Ruder, Ordnung zu schaffen, den Ereignissen einen Anfang, einen Höhepunkt und einen Schluss zu verleihen. Nach diesem Modus verfahren mündliche Überlieferungen ebenso wie Dokumentarfilme. Wenn sie sich dabei der Tatsache bewusst sind, dass das Erzählen ein Kunstgriff ist, dann ist schon viel gewonnen.

Stories We Tell, "Geschichten, die wir erzählen", heißt folgerichtig Sarah Polleys Dokumentarfilmdebüt. Die kanadische Schauspielerin, Jahrgang 1979, wurde international als jugendliche Darstellerin in Atom Egoyans eindringlicher Russell-Banks-Adaption The Sweet Hereafter (1997) bekannt. 2006 stellte sie ihre erste Regiearbeit, das Alzheimerdrama Away from Her mit Julie Christie vor, 2011 folgte die Tragikomödie Take This Waltz. Damals arbeitete Polley bereits an dem sehr persönlichen Dokumentarfilmprojekt.

Der Film gibt sich gleich einmal als solcher zu erkennen: Equipment wird aufgebaut. Einer der Schauplätze ist ein Tonstudio, Polley überwacht und korrigiert die Aufnahmen vom Mischpult aus. Die Protagonisten und Protagonistinnen, die man später als engste Angehörige und Freunde der Polleys kennenlernt, werden mit kurzen Szenen eingeführt, in denen sie jeweils ihr Unbehagen vor der Kamera ansprechen - oder aber versuchen, Einfluss auf ihre Regisseurin zu nehmen. Dann sollen sie "die Geschichte erzählen, vom Anfang bis heute".

Hauptfigur: eine Abwesende

Hauptfigur des Films ist eine Abwesende: Diane MacMillan, Schauspielerin. 1965 begegnet diese ihrem Kollegen Michael Polley. Die beiden verlieben sich, sie heiraten, bekommen Kinder. Michael verabschiedet sich von der Bühne, wechselt in einen solideren Beruf. Die Ehe wird "schal". Im Nachhinein dominiert die Einschätzung, die quirlige Diane ("Mit ihr konnte man Spaß auf Partys haben", aber auch: "Sie war eine Frau mit Geheimnissen") habe ihren introvertierten Mann mit seinen Bühnenfiguren verwechselt und sich von vornherein in den Falschen verliebt.

1978 geht Diane wegen eines Engagements für mehrere Monate nach Montréal. Die räumliche Trennung tut der Ehe gut, Michael besucht Diane, irgendwann ist sie schwanger: Im Jänner 1979 wird Nachzüglerin Sarah geboren. Diane stirbt 1990 an Krebs.

Zwei Jahrzehnte später unternimmt ihre jüngste Tochter zunächst den Versuch, aus (widersprüchlichen) Erinnerungen von Angehörigen und Freundinnen, aus Home-Movies und Dokumenten ein Bild dieser Frau zu gewinnen. Und allmählich wird auch der Zuseherin klar, dass sie dabei am Ende mehr zutage gefördert haben wird, als die verschüttete Geschichte ihrer Mutter.

Dabei zieht Polleys Film die Möglichkeit einer dokumentarischen Beweisführung und Wahrheitsfindung auf produktive Weise in Zweifel. Es sei schon viel, heißt es einmal, wenn sich der Rauch ein wenig lichte. Entscheidende Lebensmomente, die nie dokumentiert, aber immer erinnert wurden und jetzt erzählt werden, bildet die Regisseurin in Super-8-Szenen nach (ohne diese Inszenierung als solche auszuweisen). Diese Szenen werden durch den Kommentar nicht fixiert - vielmehr können sie mehrfach, unter verschiedenen Blickwinkeln auftauchen, sich so einer eindeutigen Lesart entziehen.

Eine Art Bewusstseinsstrom

Zusätzlich werden diese nachgetragenen Aufnahmen mit tatsächlichen Home-Movies verschnitten. Darunter ein Screentest in Schwarz-Weiß, der Diane Ain't Misbehavin' singen lässt, während der Kommentar eine weitere Facette dieser Frau und der Familiengeschichte enthüllt.

Das Resultat solcher Montagen ist eine Art Bewusstseinsstrom, eine Reflexion von Perspektiven. Eine mehrstimmig erzählte Geschichte, die allerhand Wendungen nimmt - und ein "brutal piece of directing", wie Michael Polley angesichts der professionellen Ungerührtheit seiner Tochter einmal - durchaus anerkennend - meint. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 1.4.2014)

  • Blick durch den Sucher der Kamera aufs eigene Leben: Sarah Polley und "Stories We Tell".
    foto: polyfilm

    Blick durch den Sucher der Kamera aufs eigene Leben: Sarah Polley und "Stories We Tell".

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