Bunter als die graue Kutte: Mönche in Südkorea

    1. April 2014, 16:22
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    Blogger Alexander Reisenbichler nimmt uns diesmal mit zu Mönchen in Südkorea und gibt einen Einblick in das Leben dieser Menschen

    Dieser Artikel wird sich nicht mit der Geschichte des koreanischen Buddhismus beschäftigen, auch die Doktrinen der einzelnen Sekten sind nicht sein Gegenstand, sondern die Personen, die dahinter stehen, also die Mönche. Nur soviel sei gesagt: Da die buddhistische Religion während der Choseon-Dynastie (1392-1910) unterdrückt und aus den Städten verbannt wurde, befinden sich die meisten Tempel in wunderschönen Landschaften, in den Bergen, am Meer und in kleinen abgelegenen Tälern, die man manchmal nur zu Fuß erreichen kann.

    Der westliche Besucher hat die Möglichkeit, an einem Temple-Stay-Programm (zwischen 20 und 40 Dollar pro Nacht, dauert normalerweise zwei Tage) teilzunehmen, in dem man das Leben im Tempel und die Rituale kennenlernen kann. In einigen Tempeln werden auch Führungen auf Englisch angeboten und man kann sich mit Mönchen unterhalten. Möchte man tiefer in das Klosterleben eintauchen, gibt es die Möglichkeit (auf Anfrage, das ist nicht Teil des Temple-Stay-Programms) sich als freiwillige Aushilfe, z.B. in der Küche oder bei sonstigen Arbeiten, zu melden. Essen und Unterkunft sind dann kostenlos. Anhand einiger ausgewählter Beispiele werde ich Einblick in das Leben von Mönchen geben, die ich teilweise schon einige Jahre kenne. Die Welt hinter den Klostermauern ist nicht so uniform wie die grauen Mönchskutten vermuten lassen.

    Von den Drogen zum Glauben

    Gak-seong Seunim* ist Südkoreaner, wuchs jedoch in den USA auf und ist kulturell Amerikaner. Drogenmissbrauch und eine Schlägerei mit einem Polizisten, der ihn rassistisch diskriminierte, brachten ihn fast ins Gefängnis (er wurde nicht verurteilt, sonst hätte er nicht Mönch werden können), aber der Richter erlaubte ihm stattdessen, ein Jahr lang in einem buddhistischen Tempel in den USA zu verbringen. Danach kam er nach Südkorea und wollte seine Laufbahn als Mönch fortsetzen. Es fiel ihm alles andere als leicht, erzählte er mir bei einem Bier bei uns zu Hause. Normalerweise dürfe er ja den Tempel nicht verlassen, aber der für ihn verantwortliche Mönch verstand, dass er kulturelle Anpassungsschwierigkeiten habe. Sein Koreanisch war nicht sonderlich gut, auch an die strikten Vorschriften im Tempel konnte er sich nicht gewöhnen. "Ich bin Amerikaner, habe keine Ahnung von den kulturellen Normen in Korea und bin jetzt in einem Tempel, in dem die Regeln noch strenger als draußen sind," beklagte er sich. In der Nacht hatte er in unsere Sockenlade gekotzt. Während er mir am Vorabend seine Probleme schilderte, hatte er wohl ein Bier zuviel getrunken. Derzeit lebt er in einem Tempel in Seoul und hat seine anfänglichen Adaptionsschwierigkeiten überwunden.

    Gelehrter und Normenbrecher

    Hyeon-muk Seunim lebte fünfzehn Jahre lang in Indien, Pune, wo er Pali (die Sprache in der die ältesten buddhistischen Schriften abgefasst wurden) studierte. Von Zen-Buddhismus hielt er nicht viel, seiner Meinung nach eine verfälschte Form des Buddhismus, die vom ursprünglichen Buddhismus stark abwich. Zen-Buddhismus wird als konservativ angesehen, im Unterschied zum Westen, wo diese Richtung als modern, liberal und sogar hip gilt. Er war ein großartiger Philosoph und buddhistischer Gelehrter, der mir die Philosophie des Buddhismus näherbrachte. Auf seine liberale Einstellung war er sehr stolz und das Brechen von Normen war eine Begleiterscheinung. Er trank Kaffee, rauchte Zigaretten, hatte auch schon einen Joint geraucht und trank gerne einmal ein Bier oder einen Schnaps. Während südkoreanische Buddhisten ihm dies teilweise  nicht verübelten und es manchmal sogar als 'in' und 'alternativ' werteten, stieß er bei Anna und Pierre aus Frankreich auf Ablehnung, die sich einen ständig meditierenden asketischen Mönch vorgestellt haben, einem Ideal, dem Hyeon-muk Seunim ganz und gar nicht entsprach. Er war eigentlich ein buddhistischer Gelehrter, der Rituale komplett ablehnte und kaum meditierte. In manchen buddhistischen Tempeln wird man von Tempelangestellten angehalten, Geld zu spenden. Dies war Hyeon-muk Suenim äußerst zuwider und er hielt die Tempelangestellte an (zu dieser Zeit war er der Abt des Klosters, die höchste Position im Tempel), dies zu unterlassen. Als sie weiterhin Besucher um Spenden baten, warf er sie hinaus.

    Musik und Philosophie

    Hyeon-chong Seunim trat dem Orden erst spät bei, er wollte dem weltlichen Alltagsleben entfliehen. Er liebt philosophische Diskussionen, in seinem Zimmer im Tempel stapeln sich unzählige Bücher über westliche und östliche Philosophie, Geschichte, Buddhismuskunde, Hinduismus, Christentum sowie Musik aus aller Welt. Hier trifft westliche Klassik auf pakistanische Sufi-Musik und psychedelische Bands aus aller Welt. Sein Interesse an Mahayana-Buddhismus brachte ihn nach Indien, Pune, wo er Sanskrit lernen wollte. Doch schon bald verschoben sich seine Interessensgebiete. Er reiste nach Varanasi und lauschte den Klängen indischer Instrumente bis in die Morgenstunden. Er fuhr mit dem Bus nach Dharamsala und diskutierte mit tibetischen Mönchen, rauchte Joints und las Jack Kerouac auf Dachterassen in Manali. Zurück in Pune ging er eine Beziehung mit einer Iranerin ein und genoss seine Freiheit. Nach einem Jahr beschloss er, vorzeitig nach Südkorea zu kommen, geplagt von Schuldgefühlen, aber auch reich an neuen Erfahrungen. In den ersten Monaten trank er fast täglich in seinem Zimmer und hörte Musik, er wollte seinem Mönchleben eine neue Richtung geben, aber er wußte noch nicht wie. "Ich spiele mit dem Gedanken nach Myanmar zu gehen um dort zu meditieren, das Vipassana-System dort ist sehr strikt, genau das richtige für mich," meinte er als wir bei mir zu Hause Musik hörten. Wie immer brachte er mir ein paar gebrannte CDs mit, dieses Mal das Album 'Just a Poke' von der Gruppe Sweet Smoke und den pakistanischen Punjabi Sufi-Sänger Sain Zahoor Ahmed. Bei einem Liederabend in einer alternativen Schule trat er als Leadsinger auf und sang 'Highway to Hell' von AC/DC.

    Ruhe und Genügsamkeit

    Go-hyeon Seunim lebt in einem kleinen Tempel in den Bergen, ein sehr ruhiger und genügsamer Mönch. Der Tempel ist sehr klein, beherbergt zwei Mönche und drei Tempelangestellte. Eines Tages verliebte er sich, legte seine Mönchskutte ab und heiratete. Es gibt zwar in Südkorea auch buddhistische Orden, in denen es den Mönchen erlaubt ist zu heiraten, doch sind diese in der Unterzahl und Go-hyeon Seunim gehörte einem anderen Orden an. Nach der Hochzeit bekam er in seinem alten Tempel eine Anstellung als Tempelangestellter und verdiente so seinen Unterhalt für seine neu gegründete Familie. Nach einem Jahr wurde seine Frau schwanger und die Familie wurde um einen gesunden Knaben erweitert.


    Der Umweltaktivist und Tierschützer

    Mu-ju Seunim ist ein in ganz Südkorea bekannter Mönch, dessen Bild oft in den Tageszeitungen zu sehen ist, weshalb er auch außerhalb der buddhistischen Gemeinde kein Unbekannter ist. Bürgerrechtler, Umweltaktivist, Organisator von Anti-Regierungsdemonstrationen, Tierschützer - es gibt nichts wo sich dieser Mönch, der immer eine Wollmütze trägt, nicht engagiert. Er organisierte einen Protestmarsch durch Südkorea, um gegen das Vier-Flüsse-Projekt zu demonstrieren, das leider in der Zwischenzeit fertiggestellt wurde. Er stellte eine Kooperation zwischen einem Tempel und der Zurück-aufs-Dorf-Bewegung her, in der der Tempel den Bauern landwirtschaftliche Produkte ohne chemische Zusätze abkaufte, die Schüler einer alternativen Schule wurden in der Tempelküche verköstigt und Leute aus der Stadt hatten die Möglichkeit, in der Organisation zu arbeiten und sich so den Lebensunterhalt am Land zu finanzieren, wo Arbeitsplätze rar sind. Wenn er Zeit hat, arbeitet er auf dem Kooperationsbauernhof, sonst führt er ein stilles, einfaches Leben. "Diese Auszeit brauche ich, meine zahlreichen Aktivitäten rauben mir meine Energie, Sitzungen, Interviews, Diskussionen, das ist sehr anstrengend. Hier auf dem Land kann ich meine Lebensenergiebatterien wieder voll aufladen," erzählt er mir lachend.

    Der allzu Weltliche

    Joeng-u Seunim war ehrgeizig und arbeitete sich bis zum Abt eines Klosters empor. Diese Position gedachte er für seine Zwecke auszunutzen. Als Abt ist man nicht nur das geistliche Oberhaupt eines Tempels, sondern praktisch auch das weltliche, d.h. er hat auch Zugang zu den Finanzen, die in Tempeln nicht sehr strikt kontrolliert werden. Korruption, Ausschweifung und Betrug sind leider auch Teil der Geschichte des Buddhismus in Südkorea. 1978 sorgte der Roman 'Mandala' von Kim Seong-dong für Aufsehen, in dem der junge Mönch Beobun nach Erleuchtung sucht und auf seinen Wanderungen nicht nur dem anarchischen, zynischen und unorthodoxen Mönch Jisan trifft, sondern auch Korruption, Neid, Hass und Betrug.

    Joeng-u Seunim fuhr einen neuen Jeep, doch viele Mönche bekommen Geld- und Sachspenden und Mönche in großen, neuen Autos sind keine Seltenheit. Also blieb der Vorwurf der Geldunterschlagung nur ein Gerücht. Auch eine Geliebte soll er haben, munkelte man im Dorf, eine Tempelangestellte. Nach einer internen Untersuchung konnte ihm nachgewiesen werden, dass er Geld unterschlagen und für persönliche Zwecke verwendet hatte. Joeng-u Seunim wurde seines Amtes enthoben und musste den Tempel verlassen. Zwei Jahre später besuchten wir in Chollabuk-do einen Tempel und machten eine Wanderung zu nahegelegenen Eremitagen, kleine Tempel, die mit dem Haupttempel verbunden sind und sich in den Wäldern um den Haupttempel befinden. Gerade als ich die Stiegen zu einer Eremitage hinaufstieg, sah ich eine Frau, die mir bekannt vorkam. Da fiel es mir ein, es war die Frau, die als die Geliebte von Joeng-u Seunim galt und vor zwei Jahren mit ihm den Tempel verlassen hatte. Auch sie hatte mich erkannt und wich meinem Blick aus. Und dann stand plötzlich Joeng-u Seunim vor mir und begrüßte mich herzlich. Der Orden hatte offensichtlich schützend seine Hand über das schwarze Schaf (vielleicht sollte man im buddhistischen Kontext ein anderes Tier als Metapher heranziehen, also z.B. schwarzer Elefant) gelegt und er wurde Abt der kleinen, aber gut besuchten Eremitage, ein begehrtes Amt. Sein Jeep stand auf dem Tempelparkplatz, sein Wohnkomplex, in den er uns einlud, war sehr geräumig und er erzählte mir, dass er kürzlich eine Auszeichnung erhalten hatte. Ich biss mir schnell auf die Zunge und auch meine Frau, die seine Geschichte kannte, ließ sich nichts anmerken. Wir tranken unseren Tee und machten uns bald auf den Weg.

    Nüchtern und arbeitssam

    Hae-san Seunim ist ein Mönch, der tiefe Meditation und Gelehrsamkeit miteinander verbindet. Fast zwanzig Jahre studierte er Pali in Indien und gilt heute in Südkorea als einer der besten Übersetzer. Unter anderem übersetzte er den Pali-Kanon Samyutta Nikaya. Buddhistische Mönche in Südkorea übersetzen nicht nur buddhistische Texte sondern auch hinduistische wie z.B. die Upanishaden. Hierbei wird eine Tradition weitergeführt, die vor knapp 2000 Jahren in Asien begonnen hat. Der Blick über den eigenen doktrinären Tellerrand ist dafür verantwortlich, dass z.B. viele Sanskrittexte, die in Indien schon lange verloren sind, noch in anderen Sprachen wie z.B. dem Chinesischen existieren.

    Hae-san Seunim legt großen Wert auf Einhaltung der buddhistischen Regeln und ist ein sehr nüchterner, arbeitssamer Mönch. Verband ihn in Indien noch eine Freundschaft mit Hyeon-muk Seunim (siehe oben), lebten sie sich mit der Zeit auseinander, ihre Charaktere und Einstellungen waren einfach zu verschieden.

    Die Kinder und das Karma

    Frau Lee Ji-hae und der Mönch Hae-min Seunim lernten sich in einem Tempel kennen und verliebten sich ineinander. Sie war von diesem Mönch, der so offen, so unorthodox war, begeistert. Stundenlang unterhielten sie sich über buddhistische Philosophie und Geschichte, auch persönliche Themen wurden bald angesprochen. "Seine ausgeglichene, ruhige Art haben mich verzaubert, so einen Mann habe ich mir immer gewünscht." Hae-min Seunim und Frau Lee Ji-hae beschlossen zu heiraten, den Bund für das Leben einzugehen. Zusammen zogen sie nach Indien, zwei Söhne brachte seine Frau zur Welt, während sie ihr Studium abschloss. Danach zogen sie wieder nach Südkorea, wo sie endgültig von der Realität eingeholt wurden. Finanzielle Sorgen begannen sie zu plagen, ein drittes Kind war unterwegs und Hae-min Seunim konnte keine Arbeit finden. Er war sehr früh, nach der Schule, dem Orden beigetreten, und kannte nichts, außer dem Leben hinter den Klostermauern. Vor der Geburt des dritten Kindes arbeitete Frau Lee Ji-hae für den Lebensunterhalt und sie lebten von Ersparnissen, die jetzt aufgebraucht waren. Hae-min Seunim besuchte einen Computerkurs und ließ sich umschulen, doch fand er erst nach langem Suchen eine Arbeit. Das Familienleben hatte einen Tiefpunkt erreicht. "Was soll ich machen, das ist wahrscheinlich mein Karma und ich muss da durch," meinte eine sichtlich resignierte Frau. Jetzt lebt sie mit ihren Kindern in Daegu, ihr Mann arbeitet in Seoul und sie sehen sich ungefähr ein bis zwei Mal pro Monat. Scheiden lassen will sie sich nicht, aber das Zusammenleben funktioniert auch nicht. "Es wird so wohl die beste Lösung sein", seufzt sie. (Alexander Reisenbichler, derStandard.at, 1.4.2014)

    *Seunim bedeutet Mönch, die übliche Anrede, die ersten beiden Silben (wie hier Gak-seong) stellen den buddhistischen Namen dar, den man beim Eintritt in den Tempel verliehen bekommt, da man seinen weltlichen Namen ablegen muss.

    • Alle buddhistischen Tempel werden von vier himmlischen Königen bewacht. Mehr Bilder gibt's in dieser Ansichtssache.
      foto: alexander reisenbichler

      Alle buddhistischen Tempel werden von vier himmlischen Königen bewacht. Mehr Bilder gibt's in dieser Ansichtssache.

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