Die Kränkung eines Genies im Sand der sibirischen Wüste

31. März 2014, 19:02
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László F. Földénys "Dostojewski liest Hegel ..." (1998)

Fjodor Dostojewskis Verbannungsort Semipalatinsk lag in Sibirien. 1854 zählte die Stadt am Südrand der "großen nördlichen Abdachung" Asiens sechstausend Einwohner. Dostojewskis Haus lag inmitten öder Sanddünen. Zeit spielte keine Rolle. Schrieb der Russe nicht an den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, studierte er gemeinsam mit seinem Freund Alexander Wrangel die Schriften des Philosophen Hegel.

Man muss die Unbehaustheit Dostojewskis ermessen, um den Schock zu verstehen, in den ihn seine Hegel-Lektüre versetzt haben muss. Der ungarische Essayist László F. Földényi erkennt in Hegel, dem Vernunftdenker, den Heuchler. Hegel dachte nur in den größten Zusammenhängen. Wurde er historisch, nahm er die gesamte Weltgeschichte in den Blick.

Weniger erschlossene Weltgegenden wie Afrika oder Sibirien kamen für ihn nicht in Betracht. Die "nördliche Abdachung" Asiens sei kein Schauplatz für Historie, und damit war für den schwäbischen Dialektiker das letzte Wort über Sibirien gesprochen. Földényi (61), Autor eines Maßstäbe setzenden Wörterbuchs über Heinrich von Kleist, lässt keinen Zweifel daran, dass er Hegels Borniertheit für angstgetrieben hält. Voller Abscheu malt sich der Star des deutschen Idealismus die Vitalität des schwarzen Kontinents aus.

Der Essay Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus stellt die Passion eines russischen Intellektuellen zur Mitte des 19. Jahrhunderts vor den Horizont metaphysischer Obdachlosigkeit. Dostojewski war nicht nur in Sibirien gestrandet. Er glaubte sich von Hegel ins Nicht-Sein zurückgestoßen. Der Geist, personifiziert durch die reflexive Kraft des Philosophen, maß seinem, Dostojewskis, Leiden keinerlei Bedeutung bei.

Der ins Exil gedrängte, spirituell unerweckte Kopf war gleichsam mit einem Federstrich aus der Geschichte herausgefallen. Eigenartigerweise - der Schock musste halbwegs abgeklungen sein - strömte dem Russen aus der Tatsache der Zurücksetzung aber auch neue Kraft zu. Dostojewski lernte, den Aufenthalt in der "Hölle" als Chance zu begreifen. Er bekam einen neuen, geläuterten Begriff von der Erlösungsbedürftigkeit der Welt.

Nur wer das Leid in der Welt als Tatsache annimmt, wird Geschichte nicht von vornherein als sinnfälliges Geschehen betrachten. Hegel konnte sich in der Illusion wiegen, dass er die Welt nur vernünftig anzuschauen brauche - und sie blicke ebenso vernünftig auf ihn zurück.

Földényi, mit Erlebnisformen der Mystik durchaus vertraut, deutet das Blickgeschehen komplett um. Der Blick in den Spiegel offenbare den illusionären Grund unseres Wesens: "Unser Blick taucht in ein fremdes Auge, das jedoch leblos ins Nichts starrt."

Die Kränkung durch Hegels Propagierung des Fortschritts schließt, so Földényi, noch einen anderen Denkfehler ein. Man kann sich um die logische Einrichtung der Welt verdient machen. Der vernünftige Bau des modernen Rechtsstaates kann jedoch nicht vergessen lassen, dass seine Fundamente im Irrationalen wurzeln. Anders gesagt: Zur Schaffung des Rechtes selbst ist nicht unbedingt Recht erforderlich.

Dostojewskis Geste als Autor wird fortan die des Aufruhrs sein. Der wahre Rebell begehrt nicht gegen eine bestimmte Ordnung auf. Er nimmt das gesamte Dasein in den Blick. Er begreift instinktiv, dass es sich die Vernunft mit der Abschaffung des "allvermögenden" Gottes einfach gemacht hat. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 1.4.2014)

Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt.

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