Menschenrechtsaktivist: "Erneuerbare Energie rettet Leben in Afrika"

Interview1. April 2014, 09:09
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Golden Misabiko über die Auswirkungen von illegalem Uranabbau, was er von den Vereinten Nationen will und was er mit dem Kongo verbindet

Weil Golden Misabiko im Ostkongo nicht mehr sicher war, verließ er sein Heimatland. Der Menschenrechtsaktivist und Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation "Association africaine de défense des droits de l'homme" (ASADHO) in Katanga macht seit Jahren die Menschenrechtsverletzungen in dem afrikanischen Land öffentlich. Dafür musste er bereits zweimal in Haft, wo er gefoltert wurde.

Aus dem Exil in Südafrika setzt sich Misabiko vor allem für mehr Sicherheit in den illegalen Uranminen des Landes und mehr Wohlstand für den ressourcenreichen Kongo ein. Denn obwohl 80 Prozent des Rohstoffs Coltan, der für die Herstellung von Computern und Smartphones benötigt wird, aus dem Ostkongo stammt, ist das Land eines der ärmsten der Welt.

UN-Rückendeckung

Vergangene Woche bekam er in seinen Forderungen Rückendeckung vom Leiter der UN-Mission des Ostkongo, Martin Kobler. Während der Bergbaukonferenz in der Großstadt Goma im Osten des Landes versicherte Kobler, dass sich die Vereinten Nationen dafür einsetzen wollen, dass der Exportertrag von Ressourcen bei der Bevölkerung ankommen soll. Außerdem sollen bis Ende 2014 drei Minen legalisiert werden, um den Sicherheitsstandard heben zu können.

Im Gespräch mit derStandard.at fordert Golden Misabiko aber eine Revolution des Volkes und dass die Internationale Gemeinschaft die Verbrechen an der kongolesischen Bevölkerung klarer beim Namen nennt. Die Fragen stellte Bianca Blei.

derStandard.at: Welche Worte würden Sie wählen, um die Demokratische Republik Kongo zu beschreiben?

Misabiko: Wenn ich das Wort Kongo verwende, dann sehe ich vor mir ein großes und potenziell reiches Land. Aber zur gleichen Zeit sehe ich große Armut, was paradox im Vergleich zum Ressourcenreichtum ist. Andere Wörter, die mir einfallen, sind Krieg, Vergewaltigung, Missbrauch von Frauen, Kindersoldaten, Massaker, Genozid und Gräueltaten.

Ich liebe mein Land, obwohl ich diese negativen Wörter damit verbinde. Das ist auch der Grund, warum ich kämpfe. Ich will, dass sich etwas verändert. Ich werde nicht müde, den Menschen im Ausland zu erzählen, dass wir dem Kongo wieder Frieden bringen können.

derStandard.at: Ihr Name ist stark mit Ihrer persönlichen Geschichte verbunden. Sie waren zweimal politischer Gefangener im Kongo. Was war 2009 der Grund dafür, dass Sie festgenommen wurden?

Misabiko: Ich kann meinen Mund nicht halten, wenn ich sehe, dass unsere Ressourcen geraubt werden. Im Jahr 2009 erfuhr ich, dass der französische Atomkonzern Areva in den Kongo reisen wird. Es sollte eine Vereinbarung mit dem Präsidenten unterzeichnet werden, dass das Unternehmen die Rechte erhält, im gesamten Kongo nach Uran zu suchen und den Rohstoff abzubauen. Zuvor hatte ich bereits bei einem Besuch im Niger gesehen, was dieses Unternehmen mit seinem Engagement angerichtet hatte. Ich sah große Armut und Kinder mit Missbildungen. Ich hatte Angst, dass durch diese Vereinbarung unser Fluss Kongo ruiniert wird, Regenwald und Seen zerstört und Menschen getötet werden.

Ich verfasste deshalb mit meiner Menschenrechtsorganisation ASADHO einen Report an die Vereinten Nationen. Ich verglich die Situation im Niger mit der möglichen Zukunft des Kongos, um aufzuzeigen, in welche Richtung wir uns bewegten. Nach der Veröffentlichung holte mich der Geheimdienst und warf mich ins Gefägnis, da ich laut Regierung eine Gefahr für die staatliche Sicherheit darstellte. Die Studie stieß im Ausland allerdings auf große Unterstützung, und unter anderem aufgrund des Engagements von NGOs wie Amnesty International ließen sie mich wieder frei.

derStandard.at: Offiziell ist der Uranabbau in der Demokratischen Republik Kongo verboten. Was treibt die Menschen trotz der gesundheitlichen Gefahr in die illegalen Minen?

Misabiko: Diese Minenarbeiter haben keine Ahnung von Radioaktivität. Sie sehen sie nicht, und deshalb ist es schwer, ihnen davon zu erzählen und sie davor zu warnen. Vor allem rund um die 2010 offiziell geschlossene Mine Shinkolobwe findet illegaler Abbau von Uran statt. Aus der Stätte stammte unter anderem das Uran für die US-Atombomben, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Doch der Bedarf an den Mineralien ist noch immer so hoch, dass Menschen gezwungen werden, dort um rund einen Euro am Tag zu arbeiten - ohne Schutzmasken und nur mit Holzhacken.

Wenn die Menschen nach Hause kommen, sind sie krank. Sie bluten aus dem Mund und husten. Viele Ärzte haben Angst, zu veröffentlichen, was sie an diesen Menschen gesehen haben. Sie haben Angst davor, mit dem illegalen Minengeschäft in Verbindung gebracht zu werden. ASADHO gewann aber zum Glück Ärzte für den Kampf gegen den illegalen Abbau. Sie gaben uns Bilder und Untersuchungsergebnisse, aber sie wollten nicht, dass ihre Namen veröffentlicht werden. Ich will, dass Afrika frei von Uranabbau wird. Jeder Landstrich, der für Minenarbeit verwendet wird, ist tot. Erneuerbare Energiequellen zu finden hat nicht nur etwas mit Umweltschutz zu tun, sondern auch mit dem Überleben der Menschen in Afrika.

derStandard.at: Offiziell ratifizierte der Ostkongo alle Menschenrechtskonventionen. Trotzdem passieren noch immer massive Menschenrechtsverletzungen im Land. Wie kann die internationale Gemeinschaft sicherstellen, dass sich die Regierung an ihre eigenen Zusagen hält?

Misabiko: Das Land Kongo ist das Opfer einer fürchterlichen Führung. Zwischen 1965 und 1997 litt die Bevölkerung unter Joseph Mobutu. Er erlaubte keine politischen Gegner, jeder, der gegen ihn etwas sagte, fand sich im Gefängnis wieder. Und dieser Diktator unterzeichnete die internationalen Konventionen. Ein Diktator kann Menschenrechte per se nicht respektieren. Mobutu gelang durch einen Putsch an die Macht, das selbst war bereits illegal. Dasselbe geschah 1997 mit Laurent Kabila, der Mobutu putschte. Dabei geschahen unzählige Menschenrechtsverletzungen, Massaker und Gräueltaten. Kongo wurde ein Gebiet der Angst und des Terrors. Nach dem Mord an seinem Vater kam Joseph Kabila an die Macht, der bis heute das Land fest im Griff hat.

Obwohl sich viele NGOs für Menschenrechte im Kongo einsetzen, ist das Problem, dass viele dieser Organisationen von ihren Regierungen finanziell unterstützt werden. Diese befinden sich oft in einem guten bilateralen Verhältnis mit dem Diktator. Deshalb werden die Organisationen alles tun, um das nicht zu gefährden. Dabei sollten sie die Verbrechen im Kongo beim Namen zu nennen, ohne Rücksicht auf das Regime in Kinshasa zu nehmen. Selbst die Vereinten Nationen wollen den Diktator nichts anhaben, weil dieser brav seine Mitgliedsbeiträge an die UNO zahlen.

derStandard.at: Bei einer Umfrage im Ostkongo gaben nur 0,2 Prozent der Befragten an, dass sie sich durch die UN-Blauhelme beschützt fühlen. Können die Vereinten Nationen überhaupt einen politischen Umschwung bringen?

Misabiko: Obwohl Menschenrechtsaktivisten bereits 1996 vor Menschenrechtsverletzungen warnten, als die Rebellengruppen im Osten Kongos ihren Marsch auf Kinshasa begonnen hatten, um Mobutu zu stürzen, schwieg die internationale Gemeinschaft. Zehn Jahre später litt die Bevölkerung unter dem fürchterlichen Regime von Joseph Kabila. Menschen wurden einfach auf der Straße erschossen. Erst zwei Jahre danach machte das Rote Kreuz auf die vielen Flüchtlinge nach einer Rebellenoffensive aufmerksam, die zum Teil nach Ruanda flüchteten. Damals waren bereits geschätzterweise 2,5 Millionen Menschen tot. Die internationale Gemeinschaft reagierte zu langsam.

derStandard.at: Wie kann dieser Umschwung nun herbeigeführt werden?

Misabiko: Ich glaube, dass wir Frauen und Männer auf die Straße bringen müssen, die für ihre Rechte demonstrieren, wenn sich im Kongo etwas ändern soll. Die Bewegung kann zwar von Auslandskongolesen unterstützt werden, doch muss die Hauptbewegung aus dem Land selbst kommen. Den Leuten ist bereits bewusst, dass Joseph Kabila nicht an der Macht bleiben darf. Jetzt ist die Zeit für Revolution. Jedes Mal, wenn ich in einer Stadt bin und Kabila auch dort ist, demonstriere ich mit anderen Kongolesen. Soll uns das Regime dabei töten - zumindest sehen die Menschen dann, was mit uns passiert. Wir dürfen kein Blut fürchten, wenn wir weiteres Blutvergießen verhindern wollen. (Bianca Blei, derStandard.at, 1.4.2014)



Golden Misabiko (56) studierte in Lubumbashi Wirtschaft. Vor seinem Engagement arbeitete er als Lehrer und Buchhalter. Misabiko war Vorsitzender der African Association for the Defence of Human Rights.
  • Noch immer arbeiten illegale Minenarbeiter in den Uranminen rund um Shinkolobwe.
    foto: ap photo/schalk van zuydam, file

    Noch immer arbeiten illegale Minenarbeiter in den Uranminen rund um Shinkolobwe.

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