Der präpotente Zeuge und der Raub, der keiner war

31. März 2014, 13:20
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Ein Quartett soll einem jungen Mann in der U-Bahn 50 Euro geraubt haben. Das Schöffengericht glaubt ihm und seinen Freunden nicht und verurteilt nur einen Angeklagten wegen Nötigung

Wien - "Da wird er schauen, der Herr Jus-Student, sollte er eine Anklage wegen falscher Zeugenaussage bekommen", stellt Daniela Zwangsleitner, Vorsitzende des Schöffengerichtes im Raubprozess gegen vier Twens, fest. Dazu kann sie sich eine Anmerkung zum Zeugen V. nicht verkneifen: "Er ist auch ziemlich präpotent aufgetreten." Obwohl der angehende Akademiker bei der Polizei nicht die Wahrheit gesagt hat, hat er dennoch zur Wahrheitsfindung beigetragen. Und dafür gesorgt, dass es, nicht rechtskräftig, zwei Freisprüche, eine Verurteilung wegen Nötigung und eine wegen versuchten Suchtmittelhandels gibt.

Das Quartett, zwischen 20 und 27 Jahre alt, soll am 1. November in der U-Bahn-Station Margaretengürtel räuberisch aktiv geworden sein und 50 Euro von Luca S. erbeutet haben. Am ersten Verhandlungstag Anfang März schilderte das Opfer seine Version. Nach durchzechter Nacht sei er mit Freunden von der U-Bahn-Station Volkstheater zu jener am Schottenring gefahren - obwohl man eigentlich in die andere Richtung musste. Man habe dort Zigaretten kaufen wollen, lautete die Erklärung.

50 Euro Beute

Dann fuhr man weiter, die Angeklagten Dionis M., Adauris A., Joseph C. und Miguel H. seien im Zug unangenehm aufgefallen. Zusammen stieg man zufällig gemeinsam am Margaretengürtel aus, nach kurzem, durchaus freundlichem Smalltalk habe Erstangeklagter M. ihn plötzlich gegen die Wand gedrückt, erfolgreich 50 Euro verlangt, dann sei die Gruppe weggerannt.

Ganz so dramatisch wie ursprünglich bei der Polizei schilderte es das Opfer vor Zwangsleitner allerdings nicht mehr: Es seien nicht alle vier Angeklagten um ihn gestanden, wirkliche schlimm sei die Drohung auch nicht gewesen.

Sein Freund V., der ob seines Auftretens bei der Vorsitzenden keine Gutpunkte gesammelt hat, erzählte zunächst noch, er habe alles gesehen. Auf die bohrenden Nachfragen von M.s Verteidiger Christian Werner schwächt er ab - und muss schließlich gestehen, nur die Flucht erlebt zu haben, der Rest seien Erzählungen.

Angeklagter belastet sich

Während der Erstangeklagte leugnet, lieferte Zweitangeklagter A. eine durchaus lebensnahe Deutungsmöglichkeit des Vorfalls. Die Gruppe um das Opfer habe die vier Beschuldigten in der Station Schottenring nämlich um Drogen gefragt - die vier Männer sind dunkelhäutig. A. belastete sich selbst und schilderte, er habe Marihuana versprochen, seinen Lieferanten zunächst aber nicht erreicht.

Warum sein Freund M. das Opfer am Margaretengürtel plötzlich gegen die Wand gedrückt habe, konnte er nicht sagen - geflohen sei man, da man plötzlich fürchtete, Zivilfahndern in die Falle getappt zu sein. Erst daheim habe er bemerkt, dass M. den 50-Euro-Schein hatte.

Während die Staatsanwältin am Montag bei ihrer Raubanklage bleibt, fordern Werner und Astrid Wagner, die die drei anderen Angeklagten vertritt, Freisprüche. "Irgendwas war", gesteht Werner zu, "aber es dürfte zu Streitigkeiten bei einem Suchtgiftgeschäft gekommen sein", argumentiert er. Und Wagner betont, dass ihre Mandanten überhaupt nicht beteiligt gewesen seien - außer örtlich anwesend.

Zwei Schuld- und zwei Freisprüche

Nach zwanzig Minuten Beratung folgt der Senat, nicht rechtskräftig, zumindest teilweise der Argumentation der Verteidiger. Der Erstangeklagte wird wegen Nötigung, nicht rechtskräftig, zu sieben Monaten bedingt verurteilt. Der Zweitangeklagte erhält wegen versuchten Suchtmittelhandels acht Monate, davon einen - bereits in Untersuchungshaft verbüßten - unbedingt. Nummer drei und vier werden dagegen freigesprochen.

An den von Luca S. behaupteten Raub aus heiterem Himmel glaubt Zwangsleitner in ihrer Begründung gar nicht. Auch sie vermutet Suchtgift: Der seltsame Umweg des Opfers ist ihr suspekt. "Zigaretten wird es auch beim Volkstheater geben, und der Schottenring ist als einschlägiger Treffpunkt bekannt. Und Sie sind halt leider wegen Ihrer Hautfarbe angesprochen worden", sagt sie zu den teils vorbestraften Angeklagten.

Dass S. nicht aus Jux und Tollerei die Polizei alarmiert hat, glaubt sie ihm zwar. Aber einen Raub sieht sie zumindest im Zweifel nicht. (Michael Möseneder, derStandard.at, 31.03.2014)

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