"Wir haben lange in der Vergangenheit gelebt"

Interview1. April 2014, 13:33
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Trainer Mario Posch hat den Auftrag, die Vienna vor dem Abstieg zu bewahren. Alles umkrempeln will er deshalb nicht

derStandard.at: Die Vienna ist mittlerweile zwölf Spiele ohne Sieg und liegt sieben Punkte hinter Horn an letzter Stelle. Was gab den Ausschlag, ausgerechnet in dieser brenzligen Lage anzuheuern?

Posch: Ausschlaggebend war sicherlich die spezielle Herausforderung. Die Vienna ist ein Verein mit großem Potenzial und vielen Sympathisanten. Ich scheue auch nicht davor zurück, schwierige Herausforderungen anzunehmen, und möchte das Ganze ins Positive wenden.

derStandard.at: Der Auftritt der Vienna gegen Austria Lustenau war ein engagierter, am Ende stand man jedoch einmal mehr ohne Punkte da. Was gilt es in der immer aussichtsloser wirkenden Situation zu tun?

Posch: Dieses Match war für mich wichtig, um zu sehen, wie die Mannschaft agiert und reagiert. Man kann ihr keinen Vorwurf machen, dass sie nicht gewollt hätte. Sie ist allerdings sehr verunsichert und diese Verunsicherung gilt es nun so schnell wie möglich aus der Mannschaft herauszubringen. Wir dürfen nichts beschönigen, brauchen keine permanenten Durchhalteparolen oder irgendwelche Phrasen aus den Schubladen. Fakt ist, gut spielen allein reicht nicht, wir müssen so schnell wie möglich punkten und ich bin überzeugt, dass wir das tun werden.

derStandard.at: Wie wollen Sie die Verunsicherung aus den Köpfen bringen?

Posch: Wir werden den Spielern ganz einfach das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten wieder geben. Wir haben Spieler mit Potenzial. Es wird sicher Gespräche mit der Mannschaft und mit jedem Einzelnen brauchen. Die Leistung gegen Austria Lustenau und das was ich bisher von der Mannschaft gehört habe stimmt mich positiv. Ich bin grundsätzlich ein positiv denkender Mensch.

derStandard.at: Wo liegen die größten Schwachstellen im Team?

Posch: Das ist in dieser kurzen Zeit sehr schwierig zu beurteilen. Man muss eine Mischung finden zwischen dem was man schon gewohnt ist und Neuem. Es wird keinen Sinn machen, alles umzukrempeln. Ein wesentlicher Punkt sind Standardsituationen, da waren wir nicht sattelfest und das hat mir nicht gefallen. Das ist ein Punkt, wo wir ansetzen werden, offensiv wie defensiv.

derStandard.at: Genügt die individuelle Qualität um den Klassenerhalt zu sichern?

Posch: Ich glaube, ja. Mich stimmt postiv, wie die Mannschaft die ersten 20 Minuten gegen Lustenau von hinten heraus versucht hat zu agieren. Wir haben gute Fußballer in unseren Reihen. Jeder muss sein Potenzial abrufen, Vertrauen haben in das, was er kann und das auch umsetzen. Auf uns kommen nun mit Hartberg, Horn und Parndorf drei schöne Spiele zu, da ist alles möglich.

derStandard.at: Stimmt das Teamgefüge noch oder gibt es internen Hickhack?

Posch: Soweit ich das nach zwei, drei Treffen beurteilen kann, passt der Zusammenhalt.

derStandard.at: Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben?

Posch: Selbstbeschreibung ist immer etwas sehr schwieriges. Ich bin ein ... ich will nicht sagen Sportverrückter, ich liebe den Sport, den Fußball, der fasziniert mich absolut. Ich mache auch viel mit Jugendlichen, zum Beispiel Bewegungscamps, wo die Freude an der Bewegung im Vordergrund steht. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Ich bin keiner, der sagt, etwas muss so oder so gemacht werden. Ich habe es gern, wenn Mannschaften sich Dinge selbst erarbeiten und selbst Verantwortung übernehmen. Ich scheue nicht davor zurück, Entscheidungen zu treffen, aber ich glaube, heutzutage funktioniert alles nur mehr gemeinsam. Ich bin ein Teamplayer und höre mir gerne verschiedene Meinungen an. Nur so kann man sich gemeinsam weiterentwickeln.

derStandard.at: Sind Sie ein guter Psychologe?

Posch: Ich bin kein Psychologe, sondern in erster Linie Trainer, aber ich bin sehr offen für diese Dinge. Man muss auch in diesem Bereich arbeiten. Ein wesentlicher Punkt ist, dass man auf die Spieler eingeht und vermittelt, dass keiner gegen sie ist, sondern dass man miteinander arbeiten muss.

derStandard.at: Noch stehen zehn Runden aus. Genug Zeit, um Ihre Vorstellungen bei der Vienna zu implementieren?

Posch: Man kann immer Ideen einbringen. In der Folge wird man sehen, ob diese auch umgesetzt werden können. Das werden wir in der Zusammenarbeit feststellen. Ich habe eine gewisse Vorstellung, wie es funktionieren sollte, aber man muss aufpassen, die Spieler nicht mit aller Gewalt in etwas reinzupressen. Wir werden uns gemeinsam etwas erarbeiten und dann wird man eine Handschrift erkennen.

derStandard.at: Läuft Ihr Vertrag bis Saisonende oder darüber hinaus?

Posch: Mich interessieren momentan nur diese zehn noch ausständigen Spiele, alles was danach kommt, sei einmal dahingestellt.

derStandard.at: Können Sie sich noch an Ihre zwei Länderspieleinsätze 1992 erinnern?

Posch: Ja natürlich. Ich möchte die Zeit als Aktiver und die Erfolge, die ich feiern durfte, nicht missen, aber ich bin keiner, der in der Vergangenheit schwelgt. Meine Fußballerkarriere ist seit mittlerweile 14 Jahren beendet. In diesen Jahren hat sich im Fußball sehr viel getan. Wir leben im Jetzt, müssen nach der Zeit gehen. Fußball ist ein Gegenwartsgeschäft und es hat keinen Sinn, den Spielern zu erzählen, dass früher alles besser war. Gerade in Österreich haben wir lange in der Vergangenheit gelebt.

derStandard.at: Max Merkel soll damals über Sie gesagt haben: "Der Schönste war der Schlechteste."

Posch: (lacht) Das habe ich damals nicht mitbekommen, aber es freut mich, wenigstens etwas Positives gehabt zu haben. Mich interessieren solche Aussagen nicht wirklich. So etwas darf man auch nicht zu ernst nehmen. Wenn mich solche Dinge als Spieler belastet hätten, hätte ich nicht erreicht, was ich geschafft habe. 

derStandard.at: Welches Spielsystem präferieren Sie?

Posch: Im Moment wollen alle so spielen wie Salzburg. Großes Kompliment an Red Bull, Roger Schmidt und sein Team, weil sie wirklich einen höchstmodernen Fußball spielen. Er hat es geschafft, aus einer sehr guten individuellen Klasse an Spielern eine hervorragende Mannschaft zu formen. Es gibt viele verschiedene Arten zu spielen, Fußball hat viele Facetten. Vor nicht allzulanger Zeit war Ballbesitz alles, siehe FC Barcelona. Die Italiener wiederum spielen taktisch hervorragend, auch wenn es zum Anschauen nicht so attraktiv ist. Systemtechnisch muss man den Fußball an die Mannschaft anpassen und schauen, wie sie sich am wohlsten fühlt. Der liebste Fußball, wie auch immer der aussieht, ist mir der erfolgreiche und den würde ich mir auch für die Vienna wünschen. (Thomas Hirner, derStandard.at, 1.4.2014)

Mario Posch, geboren am 18. Juli 1967 im steirischen Bad Radkersburg, spielte als Aktiver für SV Leibnitz Flavia Solva, FC Tirol, Bayer Uerdingen und Sturm Graz. Er kam auf zwei Einsätze im ÖFB-Team. Seine Trainerkarriere begann beim SC Schwanenstadt, danach gab es Engagements bei Schwadorf, Admira und Wr. Neustadt, wo er jeweils über weite Strecken als Co-Trainer fungierte. Seit wenigen Tagen lenkt er die Geschicke des First Vienna FC auf der Hohen Warte.

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First Vienna FC

  • Posch: "Ich scheue nicht davor zurück, Entscheidungen zu treffen, aber ich glaube, heutzutage funktioniert alles nur mehr gemeinsam. Ich bin ein Teamplayer und höre mir gerne verschiedene Meinungen an. Nur so kann man sich gemeinsam weiterentwickeln."
    foto: hofer

    Posch: "Ich scheue nicht davor zurück, Entscheidungen zu treffen, aber ich glaube, heutzutage funktioniert alles nur mehr gemeinsam. Ich bin ein Teamplayer und höre mir gerne verschiedene Meinungen an. Nur so kann man sich gemeinsam weiterentwickeln."

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