"Warten vergeblich auf ein österreichisches Apple"

Interview24. März 2014, 10:23
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Fondsmanager Friedrich Erhart schöpft bei der Liquiditätssituation an der Wiener Börse Hoffnung, erwartet aber kaum neue Börsengänge auf dem heimischen Markt

STANDARD: In New York oder Frankfurt wurden zuletzt neue Rekordmarken an den Aktienmärkten gefeiert. Wien ist davon noch weit entfernt. Warum?

Erhart: Aktuell notiert der ATX ziemlich genau bei 2500 Punkten, exakt 50 Prozent unter dem Allzeithoch von 2007. Woran das liegt? In der Krise werden die Investoren immer risikoscheuer und meiden auch Randmärkte wie Österreich. Und die Liquidität an der Wiener Börse ist auch nicht gerade ein Ruhmesblatt. Wir haben uns seit 2007 bei den Umsätzen in etwa gefünftelt. Das ist sicher ein Kriterium.

STANDARD: Bleiben damit gerade große, institutionelle und internationale Anleger fern?

Erhart: Es gibt in Wien gerade einmal zwei Titel mit einer Marktkapitalisierung von über zehn Milliarden Euro, die OMV und die Erste Group. Dann kommen noch die Voestalpine und die Raiffeisen Bank International mit zwischen fünf und zehn Milliarden Euro. Große internationale Investoren fangen erst ab dieser Größe oder ab fünf Milliarden an zu kaufen.

STANDARD: Welche Rolle spielt die hohe Bankenlastigkeit am Wiener Finanzplatz, wenn man etwa die schwache Performance relativ zum deutschen Markt sieht?

Erhart: Die heimischen Aktienindizes bestehen zu rund 40 Prozent aus Finanztiteln. Das ist natürlich eine ganz andere Branchenzusammensetzung als etwa der Dax. Das ist aber auch, wie etwa Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Der Dax ist ein Performance-Index, da werden die Dividenden reinvestiert eingerechnet. Wenn man dabei pro Jahr drei bis vier Prozent Dividendenrendite unterstellt, macht das natürlich auch einiges aus.

STANDARD: Wie steht es aktuell um den Wiener Börsenplatz?

Erhart: Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer. Zum Jahresbeginn waren die Umsätze deutlich besser. Da spielt natürlich die Raiffeisen-Kapitalerhöhung eine Rolle. Aber wenn die Osteuropa-Fantasie wieder anzieht, besteht auch die Hoffnung, dass Wien wieder stärker in den ausländischen Fokus kommt. 80 Prozent der Unternehmen hat ein Osteuropa-Exposure. Dieser Bonus ist zu einem Malus geworden in der jüngsten Vergangenheit, und ich denke, dass das wieder ins Positive drehen kann.

STANDARD: Aber heimische Bankaktien werden doch weiter mit relativ hohen Abschlägen zum Buchwert gehandelt? Aktionäre bleiben also auch angesichts der Krim-Krise misstrauisch.

Erhart: Das trifft vor allem auf die Raiffeisen Bank International zu, die mit einem Preis-Buchwert-Verhältnis von 0,6 extrem günstig bewertet ist. Die Ukraine ist zwar schon auf null abgeschrieben. Was in den Kurs aber noch nicht eingerechnet ist, wäre eine weitere Eskalation. Das Russland-Geschäft macht doch etwa 40 Prozent der Erträge der Raiffeisen aus. Das hat Investoren verunsichert.

STANDARD: Liegt bei den Bank- aktien und damit beim ATX das Schlimmste bereits hinter uns?

Erhart: Aus heutiger Sicht gehe ich auf alle Fälle davon aus. Sollten die Börsen weiter freundlich sein, dann bin ich fest davon überzeugt, dass wir auch in Wien eine Outperformance erleben sollten. Der ATX hat am Tag vor der Lehman-Pleite 3300 Punkte gehabt. An die 5000 glaube ich nicht, damals war der Markt überteuert. Man hat geglaubt, dass die Kurszuwächse in die Zukunft zu extrapolieren sind. Allerdings hat Wien auch Vorteile: Trotz der kleinen Börse haben wir viele "Global Player", die in ihren Segmenten Weltmarktführer sind, von Lenzing bis Wienerberger. Es gibt gut ein Dutzend Weltmarktführer, die qualitativ in ein internationales Portfolio gut passen würden.

STANDARD: Wie kann man der Finanzlastigkeit entgehen? Global betrachtet spielte die Musik zuletzt gerade bei Technologiewerten.

Erhart: In Österreich haben wir leider keine große Auswahl an Technologieunternehmen, etwa Kapsch und die AT&S. Diese Aktien haben aber gerade einmal ein Indexgewicht von einem halben Prozent im Index ATX Prime. Ich habe aber die Möglichkeit, in österreichische Unternehmen zu investieren, die nicht an der Wiener Börse notieren, wie etwa die Austria Micro Systems (steirischer Halbleiterhersteller, der in der Schweiz notiert, Anm.). Wir warten alle vergeblich auf ein österreichisches Apple. Wirklich große Börsenzugänge erwarte ich aber nicht. Wir müssen uns weiter mit dieser Indexzusammensetzung abfinden. Aber als Fondsmanager muss man ja nicht auf dem Index kleben. Man kann ja auch bei der Branchenzusammensetzung abweichen.

Friedrich Erhart (50) ist seit 1990 Fondsmanager des Pioneer Austria Stock. Vor seinem Wechsel in die Fondsbranche arbeitete der gebürtige Wiener in der Industrie.

  • Fondsmanager Friedrich Erhart ortet einen kleinen Hoffnungsschimmer in Wien
    foto: pioneer investments

    Fondsmanager Friedrich Erhart ortet einen kleinen Hoffnungsschimmer in Wien

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