Heinisch-Hosek: "Politik besteht nicht nur aus Freibier-Spendieren"

Interview31. März 2014, 11:19
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Die Unterrichtsministerin kann nachvollziehen, dass die SPÖ als Seniorenpartei gilt

STANDARD: Wenn Sie sich einmal in Ihre Schulzeit zurückversetzen würden: Wie empfänden Sie als Schülerin den Umstieg zur Zentralmatura?

Heinisch-Hosek: Meine Matura ist schon sehr lange her, das war im Jahr 1980. Das Herangehen an die neue Matura ist absolut nicht vergleichbar. Ich finde die neue Reifeprüfung spannender, weil sie ganzheitlich ist. Leider erzählen mir auch heute noch Schüler, die sich auf die neue Matura vorbereiten, dass sie noch immer nach den alten Schulbüchern unterrichtet werden. Dafür habe ich null Verständnis, denn die neuen Schulbücher gibt es schon seit Jahren.

STANDARD: Auch wir wurden zwei Jahre lang mit solch veralteten Büchern vorbereitet. Woran kann es da scheitern?

Heinisch-Hosek: Entweder liegt es an der Informationspolitik, oder vielleicht wurde der Unterschied als nicht so groß angesehen und das Angebot vom Bifie nicht gut angenommen. Und es kann niemand dazu gezwungen werden, an einer Weiterbildung teilzunehmen.

STANDARD: Bei der neuen Matura wird viel Wert auf Grundkompetenzen gelegt. Welche Kompetenzen sind Ihrer Meinung nach sinnvoller: Dinge analysieren zu können oder Fakten zu wissen?

Heinisch-Hosek: Hilft es dir im Leben eher weiter, die Ottonen aufzählen zu können oder geschichtliche Daten zu interpretieren? Das eigenständige Denken ist hilfreicher als das ausschließliche Reproduzieren von Jahreszahlen. Reines Allgemeinwissen kann auch ohne Lehrer erlernt werden, das Anwenden und Schaffen von Querverbindungen muss jedoch im Unterricht gelehrt werden.

STANDARD: Kommen wir auf das Datenleck des Bifie zu sprechen.

Heinisch-Hosek: Das ist kein Datenleck, das ist mir wichtig zu betonen! Es ist ein massives Datenproblem aufgetreten, das aller Voraussicht nach auf einen kriminellen Akt zurückzuführen ist.

STANDARD: Früher waren Sie selbst Lehrerin. Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen?

Heinisch-Hosek: Ob Sie es glauben oder nicht: Ich wollte schon als Volksschulkind Lehrerin werden. Mich hat fasziniert, wie unsere Lehrerin meine Klasse begleitet hat - genau so wollte ich auch werden.

STANDARD: Sehen Sie in Ihrer früheren Tätigkeit auch Ihre Qualifikation als Unterrichtsministerin?

Heinisch-Hosek: Darum geht es nicht. Es kann genauso jemand Schulfremdes das Ressort leiten - obwohl die Innensicht durch 18 Jahre Unterricht sicherlich hilft.

STANDARD: Ihre Partei ist unter Jugendlichen als Seniorenpartei verschrien, vor allem weil keine jungen Politiker in der SPÖ vertreten sind.

Heinisch-Hosek: Wir sind eine sehr traditionelle Partei mit einer langen und wechselhaften Geschichte, darunter auch das Parteiverbot während der NS-Zeit. Die SPÖ ist ein großer Tanker, der sich teilweise leichter manövrieren lassen würde durch ein gemischtes Team aus Jung und Alt. Im etablierten Bereich stehen junge Leute zum Teil auf nicht wählbarer Stelle. Wir verbessern uns langsam, das gestehe ich ein. Hinsichtlich unserer Programmdiskussion wünsche ich mir, dass sich die SPÖ noch mehr für junge Leute öffnet.

STANDARD: Bei der Nationalratswahl 2013 wurde das veraltete Image der SPÖ ebenfalls deutlich: Bei unter 29-Jährigen lag die SPÖ nur auf Platz vier. Worauf ist das zurückzuführen?

Heinisch-Hosek: Das hat viele Gründe: Teilweise liegt es an den Inhalten, auch am nicht sonderlich großen Interesse an der Politik von einigen Jugendlichen. Ich will damit nicht sagen, dass ein Großteil der Jugendlichen politikverdrossen ist, das glaube ich nicht - aber vielleicht bringen wir die Informationen manchmal nicht interessant genug an. Nur: Politik besteht halt nicht nur, wie das manche sehen, aus Fotos auf Facebook zu laden und Freibier zu spendieren. Ein wichtiger Schritt wäre dennoch, aktiver im Social-Media-Bereich zu sein.

STANDARD: Dort sind Sie derzeit vor allem für ein Youtube-Video bekannt, das mehr als 120.000 Mal angeklickt wurde. Darin verweisen Sie während des SPÖ-Bundesparteirates eine junge Gastrednerin sehr forsch der Bühne. Bereuen Sie Ihre Reaktion im Nachhinein?

Heinisch-Hosek: Ich habe bereits mit der Gastrednerin gesprochen. In dieser Situation hatte ich Zeitdruck, deswegen stehe ich auch zu der Vorgangsweise. Der Ton war allerdings nicht in Ordnung, dafür habe ich mich entschuldigt. (Philipp Koch, Sarah Lehner, DER STANDARD, 31.3.2014)

GABRIELE HEINISCH-HOSEK (53) ist Unterrichtsministerin und Frauenvorsitzende der SPÖ. Von 1985 bis 2002 lehrte sie an der Schwerhörigenschule Wien.

  • Für reines Auswendiglernen brauche es keinen Lehrer, für Analysekompetenzen jedoch umso mehr: Gabriele Heinisch-Hosek im Interview mit Philipp Koch (17) und Sarah Lehner (18).
    foto: christian fischer

    Für reines Auswendiglernen brauche es keinen Lehrer, für Analysekompetenzen jedoch umso mehr: Gabriele Heinisch-Hosek im Interview mit Philipp Koch (17) und Sarah Lehner (18).

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