Ein sanfter Kopfmensch im Militärbündnis

Kopf des Tages1. April 2014, 15:20
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Norwegens Ex-Regierungschef Jens Stoltenberg (55) ist ab Oktober Nato- Generalsekretär

Es wird in westlichen Demokratien nur wenige Familien geben, in denen Vater und Sohn gleichzeitig einer Regierung angehörten. Beim designierten Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg aus Norwegen war das 1990 so, als er mit gerade einmal 31 Jahren von der Chefin der Sozialdemokraten und Premierministerin Gro Harlem Brundtland als Umweltstaatssekretär ins Kabinett berufen wurde. Sein Vater Thorwald, ein gelernter Diplomat, war damals gerade zum zweiten Mal Außenminister, nachdem er kurz UN-Flüchtlingshochkommissar und in den 1980ern Verteidigungsminister gewesen war.

Mutter Karin, eine Genetikerin, war kurz davor Staatssekretärin: im Schifffahrts- und Wirtschaftsministerium. Auch seine beiden Schwestern traten als Aktivisten auf: die eine für die Freigabe weicher Drogen; die andere in der Gesundheitspolitik. Dass der heute 55-jährige Jens Stoltenberg einmal in der Politik landen würde, war in einer solchen Familie kein Zufall.

Weil sein Vater als Diplomat ins Ausland musste, hat Stoltenberg auch früh Auslandserfahrungen gemacht und Sprachen gelernt. Als Kind wuchs er in Belgrad und San Francisco auf, ging dann in Oslo in eine Rudolf-Steiner-Schule. In der Hauptstadt seiner Heimat studierte er Volkswirtschaft, arbeitete als Journalist bei der Arbeiterzeitung - und engagierte sich in der Partei. Nach mehreren Ministerposten wurde der zweifache Vater 2000 Regierungschef. Insgesamt zehn Jahre führte er diverse Koalitionen, im Herbst 2013 wurde er abgewählt.

Es war dies die späte Folge einer Debatte über die Schwächen der Polizei und bei der inneren Sicherheit nach einer Katastrophe, die Stoltenberg bei seinen Landsleuten persönlich die größte Hochachtung einbrachte: den Attentaten im Jugendlager von Utoya und in Oslo, bei dem der Rechtsextremist Anders Breivik 77 Menschen gezielt getötet hatte. Seine ruhige Art, wie der Premier die geschockte Nation zusammenhielt, und sein demonstratives Bekenntnis zu den Werten der Demokratie, gegen Hass und Gewalt, für eine tolerante Gesellschaft, machte weltweit Eindruck.

Und nun Nato-Generalsekretär, der wichtigste politische Posten der transatlantischen Militärallianz, die durch die jüngsten Spannungen mit Russland wegen der Ukraine vor einer schwierigen Bewährungsprobe steht. Der Job scheint wie geschaffen für einen besonnenen Menschen mit klarer Werthaltung. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 31.3.2014)


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