Ai Weiwei: Reisender in Wartestellung

30. März 2014, 17:48
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Der regimekritische Künstler sitzt in Peking auf gepacktem Koffer, um nach Berlin zu seiner Ausstellung zu reisen. Freilich fehlen ihm noch die Reisepapiere

Ai Weiwei hat schon gepackt: Täglich mehren sich Zeichen, dass Chinas kritischer Konzeptkünstler erstmals seit drei Jahren zu einer Ausstellungseröffnung ausreisen darf, diesmal nach Berlin: Eine solche Wende wäre zugleich eine politische Geste Pekings kurz nach dem Deutschlandbesuch von Staatschef Xi Jinping. "Ich brauche für die Reise nicht viel mitzunehmen", so Ai. Ein Rucksack und ein Koffer reichten aus - "mit Zahnbürste, Medikamenten" und ein paar Unterlagen. Falls es dazu kommt, dass er im Berliner Martin-Gropius-Bau am 3. April seine weltweit größte Einzelausstellung eröffnen kann.

Dem 56-Jährige fehlt indes noch das Wichtigste: seine Reisepapiere. Am 3. April 2011 nahm ihm die Polizei den alten Pass weg, als er vom Airport Peking abfliegen wollte. Man verschleppte den Künstler ohne Haftbefehl, sperrte ihn an geheimen Ort ein und hielt ihn 81 Tage in ungesetzlicher Isolationshaft fest. Nach internationalen Protesten kam Ai frei, wurde aber noch ein weiteres Jahr unter Hausarrest gestellt. Die politischen Ermittler sollen ihn fälschlicherweise für einen Staatsumstürzler gehalten haben.

Als sie ihren Irrtum bemerkten, schoben sie den Vorwurf angeblichen Steuerbetrugs gegen die Künstleragentur Fake nach, die seine Frau Lu Qing managte. Nachdem sich solche indirekten Anklageversuche auch als unhaltbar erwiesen, beschlossen die Behörden, den Fall nach außen hin einfach zu vergessen.

Interne Schikanen blieben jedoch: "Ich kann seit drei Jahren China nicht verlassen und musste mehr als ein Dutzend Ausstellungen von Peking aus arrangieren." Jedes Mal, wenn er seinen Pass zurückverlangte, erhielt er von der Polizei "höflich ausweichende Antworten". Sie wüssten doch auch nichts, hieß es. Das werde "weiter oben entschieden".

Besuch aus Deutschland

Nun scheint es "oben" neue Bewegung zu geben: Vor drei Wochen wurde Ai aufgefordert, einen neuen Antrag für den Pass zu stellen. Er glaube, dass es jetzt eine Möglichkeit gibt, "ihn zu bekommen. Ich weiß aber nicht, wann." Vor drei Wochen hatte er auch Besuch von einem deutschen Rechtsanwalt, dessen Namen er nicht nennt. Dieser wollte sich Klarheit über die von Pekings Behörden einst gegen seine Künstleragentur erhobenen Steuervorwürfe verschaffen und über die Lage, in der Ai sich befindet.

Das alles dient offenbar als Vorbereitung, um dem Künstler schnell ein Visum zu erteilen, sobald er seinen Pass in Händen hält. Dann könnte alles sehr schnell gehen. "Die Deutschen sind sehr effizient", so Ai.

Chinas neue, seit Ende 2012 amtierende Parteiführung, scheint vom Konfrontationskurs gegen den mit vielen internationalen Preisen ausgezeichneten Künstler abgehen zu wollen. Die Polizei habe ihn seit mehr als einem Jahr nicht mehr zum "Teetrinken" eingeladen, sagt Ai, Teertrinken ist ein Synonym für polizeiliche Vorladungen. Als der neue deutsche Botschafter in Peking Ai vergangenen Oktober zum Nationaltag einlud, kam er und mischte sich unter die Gäste - darunter waren Vertreter von Partei und Regierung. Es gab allerdings keinen Eklat. Und: Ende Februar porträtierte ihn erstmals auch wieder eine chinesische Zeitschrift in positivem Licht. Das Pekinger Stadtmagazin Chengji. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 31.3.2014)

  • Die Schikanen der chinesischen Behörden haben etwas nachgelassen: Ai Weiwei hofft, nach Belin reisen zu können
    foto: erling

    Die Schikanen der chinesischen Behörden haben etwas nachgelassen: Ai Weiwei hofft, nach Belin reisen zu können

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