"Ich will keinen Jüngeren vor mir"

Interview28. März 2014, 18:34
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Dominic Thiem, Nummer 86 der Welt, hat die Rollen getauscht. Aus einem Gast ist ein Gastgeber geworden

Standard: Wie ist das Gefühl, im großen Tennis richtig angekommen zu sein?

Thiem: Super. Man sieht zum ersten Mal, dass sich die harte Arbeit ausgezahlt hat.

Standard: Gab es ein Schlüsselerlebnis? Oder war der Durchbruch ein schleichender Prozess?

Thiem: Es war keine bestimmte Partie, sondern die regelmäßige Qualifikation fürs Hauptfeld. Eine Wild Card bekommst du nur geschenkt, diese Siege sind weniger wert. Im Tennis geht es darum, konstant gute Leistungen über einen langen Zeitraum zu bringen. Das ist mir in den ersten drei Monaten des Jahres gelungen. Ich gehöre nicht mehr zu den Gästen, sondern zu den Gastgebern.

Standard: War die knappe Niederlage im Februar gegen Andy Murray nicht doch prägend? Ein Beleg dafür, mit einem der besten Spieler mithalten zu können?

Thiem: Sicher war es gut. Aber prägender war, sich für die Australian Open zu qualifizieren. Murray war eine einfache Aufgabe, da hast du null zu verlieren. Schwieriger ist es, bei den Australian Open vier Leute zu schlagen. Du musst den Alltag bewältigen. Die großen Matches kriegst du nur, wenn du die kleineren Aufgaben löst. Murray, Nadal oder Federer sind für mich die Zuckerln. Irgendwann sollen sie Normalität werden.

Standard: Sie sind der jüngste Spieler in den Top 100.

Thiem: Das ist gut so. Ich will keinen Jüngeren vor mir haben.

 


Standard: Sie besuchten unlängst in Miami, wie es Pflicht ist, die ATP-Schule. Was lernt man dort?

Thiem: Funktionäre halten Vorträge, man erfährt, wie die Organisation aufgebaut ist. Du lernst über Finanzen, bekommst Tipps, wie man das Geld anlegen kann. So weit bin ich noch nicht, aber ich mache keine Verluste mehr. Es wird vor Wettmafia und Doping gewarnt. Eine Benimmstunde ist verpflichtend. Es waren drei interessante Schultage.

Standard: Ihre Karriere scheint penibel geplant zu sein. Auffallend ist die Kontinuität. Günter Bresnik ist seit zehn Jahren ihr Trainer. Ist das der Grund für den Erfolg?

Thiem: Ja. Ich brauche Leute um mich, die mir vertrauen, denen ich vertraue. Es wäre fatal, dauernd das Umfeld zu wechseln.

Standard: Ihre Familie hat einiges in Kauf genommen. Der Opa veräußerte eine Wohnung, um die Karriere mitzufinanzieren. War das für Sie Belastung, Druck oder zusätzliche Motivation?

Thiem: Weder noch. Die Familie hätte mich auch gerne gehabt, wäre es schiefgegangen. Tennis ist nicht alles im Leben. Das haben meine Eltern immer betont. Wir hatten ja warme vier Wände, konnten essen, was uns schmeckt.

Standard: Gab es dennoch Momente des Selbstzweifels?

Thiem: Im Alter von zehn bis 18 hatte ich keine Zweifel. Dann spielte ich die erste Saison bei den Herren, habe bei Future-Turnieren siebenmal in der ersten Runde verloren. Da dachte ich mir: Hoppla, das ist schwieriger als erwartet. Ich war ein Star bei den Junioren, ein großer Fisch im kleinen Becken. Auf einmal ging es ums pure Überleben. Die Erwachsenen wollten es mir zeigen.

Standard: Lernt man aus Niederlagen mehr als aus Siegen?

Thiem: Vielleicht. Es hat mir gezeigt, dass du keinen Tag ausruhen darfst. Ans Scheitern dachte ich nie. Weil Tennis der einzige Beruf ist, den ich ausüben will.

Standard: Wie schaut bei Ihnen das Verhältnis zwischen Talent und Fleiß aus? Thomas Muster hatte das Image des Arbeiters.

Thiem: Er hatte das Talent zum Arbeiten. Keine Ahnung, wie das bei mir ist. Es gibt Bücher, in denen behauptet wird, dass Talent nichts bedeutet.

Standard: Ist Ihre Vorhand ein Geschenk Gottes?

Thiem: Nein, die wurde jahrelang strapaziert, damit sie funktioniert. Im Tennis gibt es keine Gottesgeschenke. Es gibt nicht den Naturschlag, der nie trainiert wurde.

Standard: Müssen Spitzensportler verrückt sein? Sepp Resnik, mit dem Sie ab und zu zusammenarbeiten, zählte einst zu den extremsten Typen, er absolvierte Ultratriathlons. Was bringt er Ihnen?

Thiem: Man kann als Spitzensportler durchaus normal sein, muss kein Schwein sein. Es geht mir darum, mit fairen Mitteln besser als der Gegner zu sein. Aber etwas Spezielles musst du haben. Ich trainiere seit zehn Jahren in Tennishallen, das ist ein bisserl verrückt. Man muss es aber durchziehen. Resnik hat mir viel gebracht. Wir sind raus in die Natur gegangen, haben in der Finsternis Baumstämme geschleppt, sind durchs eiskalte Wasser gelaufen.

Standard: Haben Sie etwas vermisst in ihrer Jugend?

Thiem: Zwischen 15 und 19 war es nicht einfach. Andere machten Party, ich stand in der dunklen Halle. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Es lohnte sich.

 


Standard: Worin sehen Sie den größten Verbesserungsbedarf? Was fehlt zu Nadal oder Djokovic?

Thiem: Man muss sich an den Allerbesten orientieren. Die Beinarbeit, jeder einzelne Schlag ist verbesserungswürdig. Matches auf ganz hohem Niveau fehlen am meisten. Ich muss mich an die Tour gewöhnen.

Standard: Jürgen Melzer und Stefan Koubek wurden immer an Muster gemessen. Ihnen bleibt das erspart, weil sie der übernächsten Generation angehören.

Thiem: Das ist ein großer Vorteil, die Gnade der späten Geburt.

Standard: Wie stellen Sie sich die nächsten zehn Jahre vor?

Thiem: Ich will an die absolute Spitze. So schnell wie möglich. Ich muss sogar die Nummer eins in den Mund nehmen.

Standard: Am nächsten Wochenende debütieren Sie in Bratislava gegen die Slowakei im Daviscup. Sie sollen der Leader sein, den Sport in Österreich wiederbeleben. Ist das zu viel verlangt?

Thiem: Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Den Druck hat ja das gesamte Team. Mein Ziel ist es, zu punkten. (Christian Hackl, DER STANDARD, 28.3.2014)

Dominic Thiem (20) wurde am 30. September 1993 in Wiener Neustadt geboren. Mutter Karin und Vater Wolfgang sind ausgebildete Tennistrainer, sein jüngerer Bruder Moritz übt auch schon. Betreut wird Rechtshänder Dominic von Günter Bresnik. Thiem zählte zu den weltbesten Jugendlichen, in der neuen Rangliste wird er ungefähr 80. sein. Er hat schon 250.000 Dollar verdient.

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  • Dominic Thiem ist angekommen und möchte sich an den Besten orientieren. Vorbilder hat er keine. Er will als Spitzensportler völlig normal bleiben. Es gibt keine Notwendigkeit, ein Schwein zu sein. "Ich will fair siegen."
    foto: reuters/burke

    Dominic Thiem ist angekommen und möchte sich an den Besten orientieren. Vorbilder hat er keine. Er will als Spitzensportler völlig normal bleiben. Es gibt keine Notwendigkeit, ein Schwein zu sein. "Ich will fair siegen."

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