Internet: Ein "Add-on" für Proteste

28. März 2014, 18:12
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Neue Technologien haben die Protestkultur verändert

Sechs Felder ausfüllen, vier Klicks, Formular abschicken: Protest. So einfach kann es gehen. Wie hier beschrieben, etwa um sich an der Petition für einen parlamentarischen U-Auschuss zur Aufklärung des Hypo-Debakels zu beteiligen – was inzwischen weit über 100.000 Österreicher über die Parlamentshomepage getan haben. Würden die auch auf die Straße gehen?

Das aktuelle Beispiel zeigt, wie Internet und neue Technologien die Protestkultur verändert haben. Doch was bedeutet politisch zu sein heute im Vergleich zu früher? Und hat das Netz neue gesellschaftliche Strukturen geschaffen oder ist es doch nicht mehr als eine Plattform, auf der unter ständiger Überwachung träger Widerstand im Schreibtischsessel betrieben wird?

"Das Internet ist ein Feld für Klassenkämpfe, geschaffen vom Feind. Es für eine neue Kulturform zu halten, ist nicht mehr als großartig dumm", sagt die Dokumentarfilmerin und Journalistin Tina Leisch gleich eingangs der Podiumsdiskussion, die Donnerstagabend im Rahmen der "Winter School" der Universität Innsbruck veranstaltet wurde. Das Thema: "Politik 2.0" – wie sich zeigte, trennen die Fragen, die sich darum spinnen nicht nur Netz-Freund und -Feind, sondern  vor allem auch die Generationen.

Technikpessimismus ist "Bullshit"

Denn mit ihr am Podium saßen der Ethnologe und Risikoforscher Gilles Reckinger und zwei junge Frauen: Katharina Nocun, bis November politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland und die Aktivistin Claudia Schütz vom Bündnis "Innsbruck gegen Faschismus". Auch Reckinger zeigte sich skeptisch: Das Internet sei schließlich eine militärische Erfindung und könne als solche nicht unschuldig sein.

Nocun hält dagegen, Technikpessimismus sei schon rein technisch betrachtet "Bullshit". "Das Internet ist ein Add-on für soziale Bewegungen. Wogegen sich Gesellschaft und Politiker wehren müssen, ist die Überwachung." Dass die großen Revolutionen ohne Internet auskamen, lässt sie als Gegenargument nicht gelten: "Vielleicht wäre auch die französische Revolution früher, schneller oder mit weniger Leidensdruck vonstattengegangen, hätten die Menschen damals die Möglichkeiten von heute gehabt."

Internet: Wichtiger Faktor für Vernetzung

Auch Schütz hält das Internet für einen wichtigen Faktor der Vernetzung. Sie führt nicht nur internationale Beispiele wie "Gezi-Park" und "Occupy Wall Street" an, sondern kann auch auf eigene Erfahrung zurückgreifen: Schütz war beteiligt an der Organisation der Bewegung gegen das Treffen der Deutschen Burschenschaft in Innsbruck – die darin resultierten, dass die Veranstaltung nicht im öffentlichen Raum abgehalten werden durfte. "Wichtig ist für die Zukunft, dass sich Protest nicht immer nur gegen etwas richtet, sondern positiver wird und beginnt, Alternativen aufzuzeigen."

Dennoch: "Wir machen den Anschein, breit politisch zu diskutieren, aber eigentlich sind die Vernetzungen doch nur elitär und bildungsbürgerlich", sagt Leisch und spricht damit an, was Reckinger die "Milieuspezifik in der Nutzung des Internets" nennt. Flüchtlinge beispielsweise hätten keinen Zugang zum Internet und dadurch auch keine Möglichkeit, sich an dort geführten Debatten oder organisierten Protesten zu beteiligen.

Worauf sich dann doch alle einigen konnten: Politisch zu sein, dass bedeute heute wie gestern, sich nicht der vermeintlichen Ohnmacht zu ergeben. "So wie Kunst nicht nur in Galerien stattfindet, wird Politik nicht nur im Parlament gemacht. Sondern auch auf der Straße und zunehmend im Netz", sagt Nocun. (Katharina Mittelstaedt, derStandard.at, 28.3.2014)

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