Geschichtsbewusstes Giftspritzen

28. März 2014, 17:18
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Beim jüngsten Archivgespräch wurde der Band "Erledigungen - Pamphlete, Polemiken und Proteste" zum Thema Streit- und Spottschriften präsentiert und im Anschluss diskutiert

Es sei eine österreichische Tradition, das Schimpfen auf hohem Niveau, konstatierte der Direktor des Literaturarchivs der Nationalbibliothek, Bernhard Fetz, am Donnerstagabend im Rahmen seiner Einleitung zum jüngsten Archivgespräch von Nationalbibliothek, Wienbibliothek und DER STANDARD. Zum Thema Streit- und Spottschriften wurde mit Erledigungen - Pamphlete, Polemiken und Proteste der neueste, von Marcel Atze und Volker Kaukoreit herausgegebene Band der Reihe Sichtungen präsentiert. Anschließend diskutierte STANDARD-Redakteur Thomas Trenkler mit den Literaturwissenschaftlern Daniela Strigl und Rolf-Bernhard Essig, dem Juristen Christian Recht sowie Autor Josef Winkler.

Essig, der die Geschichte der Schmähung von der Antike über die Zeit des Investiturstreits bis zu Zola und schließlich Thomas Bernhard nachzeichnete, erklärte eine gewachsene Empfindlichkeit und damit einhergehende Klagefreudigkeit der Angegriffenen zu einem Symptom der jüngeren Zeit. Allzu rasch würden sich viele in die Arme von Mama Justitia flüchten. Dieser Gegenwartskritik konnten sich Christian Recht und Daniela Strigl nicht widerspruchslos anschließen. Gerade bei anonym verfassten Internetpostings würden wahrlich wilde Sitten herrschen. Zudem nütze eine Klage oftmals dem Angeklagten weit mehr, wie der Erfolg von Bernhards Holzfällen gezeigt habe.

Einig war man sich, dass sich auch anonyme Beleidigungen sehr wohl eine literaturwissenschaftliche Betrachtung verdienen. Nicht nur sind sie mitunter sprachlich durchaus gelungen, zudem können sie die Wirkung von Texten deutlich aufzeigen. Mit einem Hinweis auf Walther Rode betonte Strigl auch den Wert von Pamphleten als Mittel gegen die Packelei der Mächtigen.

Josef Winkler, der besonders als Kritiker Kärntner Zustände reiche Erfahrungen damit hat, der "Paragraphenschlinge" keinen Angriffspunkt zu bieten, ließ bei aller Wut auch die Freude am pointierten Angriff spürbar werden. Ob es Spaß macht, Schmähungen zu verfassen? "So ist es." (Dorian Waller, derStandard.at, 28.3.2014)

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