Ein Afghane in Wien auf der Suche nach Mister Bean

30. März 2014, 09:00
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Hamayun Mohammed Eisa war in seinem Leben viel auf der Flucht und jahrelang von seiner Frau getrennt. Sein Ziel, Menschen zu unterhalten, hat er dennoch nie aus den Augen verloren.

Wien - Viele Jahre hat Hamayun Mohammed Eisa "nur überlebt", wie der gebürtige Afghane sagt. Einmal war es sehr knapp: Mujahedin nahmen seinen Bruder und ihn in Afghanistan fest und verhörten die beiden. Bei der Flucht über den Hindukusch verirrten sie sich. Hamayun Eisas Bruder erfror. Er selbst verlor zwei Zehen.

Doch der 47-Jährige ist kein Mensch, der viel jammert. Lieber schwärmt er - zum Beispiel von Wien und vom Theaterspielen. Dass er nun in Österreich lebt, seit wenigen Monaten sogar als anerkannter Flüchtling mit Arbeitserlaubnis, bedeute für ihn endlich "leben, nicht überleben".

Diese Worte fallen auch in dem Theaterstück "Ausnahmezustand Mensch Sein", das sich an William Shakespeares "Der Sturm" anlehnt. Der Wiener Kunst- und Sozialraum Brunnenpassage der Caritas bringt es in Kooperation mit dem Volkstheater am 4., 5. und 6. April 2014 auf die Bühne. Das Stück befasst sich mit dem Innenleben von Prospero, dem Herzog von Mailand, der mit seiner Tochter auf einer Insel gestrandet ist.

Schauspieler, Vater und Flüchtling

Hamayun Eisa trägt darin einen langen Monolog in seiner Muttersprache Dari vor. Insgesamt sind rund 30 Laienschauspieler an der Inszenierung des Regisseurs Daniel Wahl beteiligt. Vieles erinnert Eisa an sein eigenes Leben. Ein Leben zwischen Kabul, Moskau und Wien - als Schauspieler, Vater und Flüchtling.

"Als ich ein Kind war, ging ich oft ins Kino. Da habe ich mir indische Filme angesehen", erzählt er. Oft habe er Geschichten von der Leinwand in der Schule nachgespielt. Nach dem Schulabschluss erhielt er ein Stipendium für die Kunstuniversität in Kabul. Als eines Tages eine Delegation des russischen Kulturministeriums nach Afghanistan reiste, suchte sie von 300 Bewerbern 20 aus, die an die renommierte Russische Akademie für Theaterkunst Gitis in Moskau durften. Hamayun Eisa war einer von ihnen.

In seinen Moskauer Studienjahren lernte er seine zukünftige Frau kennen. Die junge Russin "war sofort in mich verliebt", sagt Hamayun Eisa mit verschmitztem Lächeln. "Und ich habe mich dann auch langsam in sie verliebt." In Afghanistan herrschte in diesen Jahren Krieg. 1987 lief Eisas Visum in Russland aus, er wurde abgeschoben, floh kurz darauf wieder nach Moskau, lebte dort dann aber illegal. Er schlug sich als Kaufmann durch. In dieser Zeit sei es "sehr schwierig" gewesen. Polizisten hätten ihn geschlagen, er sei ausgeraubt worden.

Ein Araber mit Rauschebart

Ein paar Mal ging er in den Folgejahren zurück nach Afghanistan, floh aber wieder nach Russland. Er wurde Vater, doch sein Sohn, so sagt er, wurde in beiden Ländern ausgegrenzt. Eines Tages erhielt Hamayun Eisa in Moskau ein Filmangebot: Er spielte einen Araber mit Rauschebart und langen Kleidern, der gegen den damaligen US-Präsidenten Bush kämpfte.Während er mit der Hand den langen Bart in die Luft zeichnet, lacht er auf.

Hamayun Mohammed Eisa hielt sich zu diesem Zeitpunkt nach wie vor illegal in Russland auf. In Afghanistan sah er keine Perspektive und konnte auch aus politischen Gründen dort nicht leben. 2007 ging er mit seinem Sohn, inzwischen ein Teenager, nach Österreich. Was er damals noch nicht ahnen konnte: Die Mutter des Buben würde erst sechs Jahre später nachkommen dürfen.

In Österreich wohnten Vater und Sohn zunächst in einer Flüchtlingspension im Burgenland. Das Leben bestand aus Schlafen und Essen "und sonst nichts". Eines Tages bat er die mobilen Berater der Caritas, die wöchentlich vorbeikamen, ob er nicht anderswo seine Fähigkeiten einsetzen könne. Eine Woche später kam der Anruf von der Brunnenpassage in Wien, dass man ihn dort brauchen könnte. Die Inszenierung am Volkstheater im April ist bereits die dritte größere Theaterproduktion in Wien, an der Mohammed Eisa mitwirkt. Auch im Brut und bei den Wiener Festwochen ist er - der sich zusätzlich im Einzelhandel ein Einkommen aufbauen will - bereits aufgetreten. Obwohl seine Deutschkenntnisse noch ausbaufähig sind.

Lieblingsrolle ohne Worte

Für seine Lieblingsrolle bräuchte er aber sowieso keine Worte. "Als mein Sohn klein war, hat er gesagt, ich bin wie Mister Bean. Ich wusste nicht, wovon er spricht, und suchte danach, was er mit diesem Mister Bling - ich habe es nicht ganz verstanden - meinte. Eines Tages fand ich in Moskau dann eine Videokassette mit Mr. Bean." Inzwischen ist Hamayun Eisas Sohn 21 Jahre alt, er studiert, "und ich kann gar nicht mehr mit ihm diskutieren, weil er seinen Horizont so sehr erweitert hat", sagt der Vater. Doch die Idee von Mr. Bean, der die Menschen zum Lachen bringt, ist Hamayun Eisa geblieben. "Ich wäre gerne einmal so eine Art Mister Bean", sagt er. "Ein afghanisch-österreichischer Mister Bean." (Gudrun Springer, DER STANDARD, 29.3.2014)

  • 2007 kam der gebürtige Afghane Hamayun Mohammed Eisa nach Österreich. Nun spielt er für das Volkstheater.
    foto: fischer

    2007 kam der gebürtige Afghane Hamayun Mohammed Eisa nach Österreich. Nun spielt er für das Volkstheater.

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