"Im Krieg gibt es zwei Seiten, im Terrorismus sind es 100"

Interview30. März 2014, 00:01
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Israels Präsident erklärt, warum es keine Alternative zu Verhandlungen mit den Palästinensern und dem Iran gibt

Der israelische Staatspräsident Shimon Peres beginnt am Sonntag einen dreitägigen Besuch in Österreich. Es ist eine der letzten Auslandsreisen seiner Amtszeit, die im Juli endet. Der jetzt 90-jährige Peres hat seit der Gründung Israels 1948 fast permanent wichtige politische Funktionen ausgeübt. Innerhalb Israels war er während seiner langen Karriere oft umstritten, aber als Staatsoberhaupt genießt er im In- und Ausland hohen Respekt. Im Vorfeld des Besuchs sprach Ben Segenreich in Jerusalem mit ihm.

derStandard.at: Herr Präsident, Israel war unzufrieden, als die österreichischen UNO-Truppen im letzten Sommer vom Golan abgezogen sind. Hat dieser Abzug die Lage im israelisch-syrischen Grenzgebiet verändert?

Peres: Die UNO hat eine wichtige Rolle bei der Befriedung der Region gespielt, aber heute ist Syrien gespalten. Ich bin nicht sicher, dass man es einen Staat nennen kann, ich bin nicht sicher, dass es dort eine Zentralregierung gibt.

derStandard.at: Israel hat über das letzte Jahr mehrmals Ziele in Syrien angegriffen. Besteht die Gefahr, dass das Chaos in Syrien auf Israel übergreift?

Peres: Das ist sehr schwer vorherzusagen, aber ich denke, Syrien hat schon so viele Fronten, dass es nicht noch eine zusätzliche haben will – sie haben genug Probleme mit sich selbst.

derStandard.at: Was wäre besser für Israel: dass der syrische Präsident Bashar al-Assad bleibt oder dass er gestürzt wird?

Peres: Das Beste für Israel ist, dazu kein Wort zu sagen.

derStandard.at: Sie fahren nach Wien, das jetzt der Schauplatz von Verhandlungen mit dem Iran ist. Premierminister Benjamin Netanjahu ist sehr skeptisch und kritisch gegenüber diesen Verhandlungen. Was halten Sie von den Verhandlungen und der Lockerung der Sanktionen gegen den Iran?

Peres: Präsident Hassan Rohani hat uns etwas Hoffnung gegeben, aber dann kam der Oberste Geistliche Führer Ali Khamenei und hat sie wieder zerstört. Ich meine, ein Staatschef kann nicht einfach sagen, dass er nicht weiß, ob es den Holocaust gegeben hat oder nicht. Dann soll er ein Seminar absolvieren – es ist wichtig für einen politischen Führer, zu wissen, was geschehen ist, das ist keine nebensächliche Geschichte. Der Gegensatz zwischen den beiden wirft einen Schatten auf die Verhandlungen.

Ich glaube, die ganze Welt will keine Kernwaffen in den Händen von unverantwortlichen Leuten sehen. Sie hängen Menschen auf; sie haben Terrorzentren im Iran; sie sagen, sie sind gegen Atombomben, aber sie bauen Atombomben und Trägerraketen. Es wurde eine Politik festgelegt, die sagt, beginnen wir mit diplomatischem Druck. Man hat sich dafür sechs Monate gegeben; die Verhandlungen gehen weiter, die Sanktionen gehen weiter, wenn auch auf einem verminderten Niveau. Ich denke, wir müssen diese sechs Monate abwarten und sehen, was die Ergebnisse sein werden.

derStandard.at: Sie reisen nach Europa, und dort gibt es Bewegungen in die Richtung von Sanktionen und Boykotts gegen Israel.

Peres: Der Grund ist nicht, dass sie Israel bestrafen wollen; sie wollen wirklich den Frieden fördern, und das kann man verstehen. Ich bin dagegen, Strafmaßnahmen einzusetzen, um den Frieden zu fördern, aber lassen sie uns nicht vergessen: Europa hat einen sehr interessanten Vorschlag gemacht. Sie sagen: Wenn Israel und die Palästinenser Frieden schließen, bieten wir ihnen einen speziellen Status in der EU an, und wir unterstützen sie wirtschaftlich. Das ist ein großartiger Vorschlag, sehr attraktiv.

derStandard.at: Fürchten Sie, dass Israel international immer mehr isoliert wird, speziell angesichts der zusammenbrechenden Gespräche mit den Palästinensern?

Peres: Ich glaube nicht, dass das passiert. Ich weiß, es gibt einige, die protestieren; nicht alle aus guten Gründen, nicht alle mit sauberen Händen, aber die USA isolieren Israel nicht, auch die Europäer nicht.

derStandard.at: Viele halten den Siedlungsausbau für ein Haupthindernis bei den Verhandlungen mit den Palästinensern. Warum kann Israel nicht für die Dauer der Verhandlungen den Siedlungsausbau stoppen?

Peres: Die israelische Position ist ein bisschen differenzierter. Wir sagen: Der Platz, wo über den Stopp des Siedlungsausbaus entschieden werden muss, sind die Verhandlungen. Dafür haben wir einige Monate bekommen, also lasst uns die Verhandlungen zu Ende führen. Denn es ist sehr schwierig, den Siedlungsausbau zu stoppen, weil wir – und auch die Araber –wissen, dass es zwei oder drei Stellen geben wird, wo die Siedlungen bleiben werden.

derStandard.at: Sind die Verhandlungen mit den Palästinensern jetzt in Gefahr zusammenzubrechen?

Peres: Als ein Mensch, der einige Jahre in seinem Leben verhandelt hat: Jeder Tag bringt die Gefahr, denn jeder versucht, das meiste herauszuholen. Das ist natürlich. Am Anfang waren es diskrete Verhandlungen, jetzt sind sie offen geworden, und durch die Rhetorik kommt man in extremere Positionen. Ich denke, die Verhandlungen sollten wirklich still geführt werden, sonst beschuldigt jeder den anderen, und es entsteht eine Krisenstimmung. Was ich von Verhandlungen gelernt habe, ist, dass man zuerst einmal das eigene Volk überzeugen muss. Wenn das eigene Volk sagt: "Ja, wir sind bereit zum Frieden, wir sind bereit, einen Preis zu bezahlen, aber warum bezahlen wir so viel, ihr seid naiv, warum vertraut ihr der anderen Seite?" – dann ist es sehr schwer, sie zu überzeugen. Es gibt zwei Sachen im Leben, die kann man nur erreichen, wenn man ein bisschen die Augen zudrückt: die Liebe und den Frieden.

derStandard.at: Wenn die Gespräche zusammenbrechen, was kommt danach?

Peres: Das wäre kompliziert und gefährlich, aber so wie man das Leben nicht abbricht, so bricht man Verhandlungen nicht ab. Ich glaube nicht, dass die Palästinenser oder wir eine wirkliche Alternative haben. Nach 66 Jahren und sieben Kriegen, was haben die Kriege erreicht? Die Palästinenser haben Boden verloren. Der größte Feind der Palästinenser und Araber ist heute ihr eigener Terror. Tief in ihrem Herzen wissen sie: Es ist nicht Israel, das ihnen all diese Probleme bereitet, es sind die Terrororganisationen. Im Krieg gibt es zwei Seiten, im Terrorismus sind es 100. (Ben Segenreich, derStandard.at, 30.3.2014)

  • Shimon Peres: "Es gibt zwei Sachen im Leben, die kann man nur erreichen, wenn man ein bisschen die Augen zudrückt: die Liebe und den Frieden."
    foto: ap/scheiner

    Shimon Peres: "Es gibt zwei Sachen im Leben, die kann man nur erreichen, wenn man ein bisschen die Augen zudrückt: die Liebe und den Frieden."

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