Der Tanz um die Blase

28. März 2014, 18:04
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Lecture-Performance: "Reize der Spekulation" im Wiener Tanzquartier

Wien - Das Geld. Es wird gewollt und verachtet. Ergaunert oder verdient. Gehortet oder verschwendet. Geld ist ein Fetisch, und es verdirbt den Charakter. Aber kann man ihm wirklich alles anlasten? Oder ist ein Charakter nicht schon verdorben, bevor er sich selbst am Geld verspekuliert?

Wer dieser Tage beim Tanzquartier Wien vorbeischaut und dort die unter dem Motto "Lures of Speculation" präsentierten Stücke und Vorträge zum Zocken erlebt, kann auf verschiedenen Ebenen erfahren, wie verführerisch das Spekulieren sein kann - zum Beispiel auch in der Sprache. Das bewies ein Forscherinnen-Verband im Auftrag des slowenischen Magazins Maska bei seiner Lesung aus einem "Spekulativen Glossar". Drei Vertreterinnen der Gruppe, darunter die Österreicherin Martina Ruhsam, stellten erfundene Begriffe wie "Restmoreorlessness", "Pregnant Boredom" oder "Zen Acceleration" vor und lieferten dazu so ausschweifende wie ironische Erklärungen.

Hätte die Sprache Gefühle, wie glücklich wäre sie über diese Spekulation auf ihre unerschöpflichen Möglichkeiten. Im Gegensatz wahrscheinlich zu vielen Lesern, wenn die sich solche Neologismen merken müssten. Was vom Publikum dieser Lecture-Performance aber nicht erwartet wurde. Daher hing es entspannt an den Lippen der Vortragenden.

Auf Spekulationen mit Worten setzt traditionell die Vermittlung neuer Ideen. So auch im Fall der "Gemeinwohl-Ökonomie", wie sie Attac-Mitgründer Christian Felber in einem Vortrag darstellte. Dieses neue Denkschema ist auf eine gerechtere Demokratie und ein besseres Wirtschaftssystem ausgerichtet. Felber redet allerdings nicht nur, er handelt auch: zum Beispiel durch die Gründung einer neuen Form von Bank.

Eine solche hätte die slowenische Künstlerin Saska Rakef gebraucht, die dem Publikum in einer so rasanten wie virtuosen Talkshow mit sich selbst das Drama ihrer ererbten Schulden vorrechnete. Und die aus der Türkei stammende, nun deutsche Künstlerin Begüm Erciyas bot ein trickreiches Spiel mit Banknoten über die Faszination des Geldes, bei dem das Publikum Charakterstärke beweisen konnte. In den Scores wird noch bis Samstag weiterspekuliert, dann in Diskussionen. Bis die Sprechblase platzt. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 29.3.2014)

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