Claude lässt es krachen

30. März 2014, 16:35
1 Posting

Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung - Heute die Tom Ford-Kampagne: Warum Claude Weissenbach Christian Krachts rotes Sakko liebt

Glamour! Immer schon hatte sich Claude Weissenbach zu den glanzvollen Dingen des Lebens hingezogen gefühlt und die große Geste geliebt. Als sein italienisches Kindermädchen Chiara Maria Geburtstag feierte, hatte er sich als Siebenjähriger schon beim ersten Morgenlicht in den Park der Weissenbachs aufgemacht und im Rosengarten die Köpfe von an die hundert Stück "Boule de Neige" abgeschnitten. Aus diesen hatte er dann im Rasen vor dem Fenster von Chiara Maria die Worte "Ti amo" geformt.

Chiara Maria Ferrarmani war, neben der Köchin Waltraud und dem Gärtner Hans-Theodor, in Claudes Kindheit die einzig stabile Bezugsperson gewesen. Sein Vater Peter Paul Weissenbach, Alleininhaber des schwäbischen Damenstrumpfherstellers Femitex, hatte die Familie verlassen, als Claude sechs Jahre alt gewesen war. Er hatte sich erst einer indischen Sekte angeschlossen, dann einige Jahre in Südamerika gelebt und war schließlich in der Dominikanischen Republik bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Nicht erst seit dieser Zeit hatte seine Frau Florence, selbst Erbin eines beträchtlichen Vermögens, Zuflucht beim Alkohol gesucht. Sie verließ ihr Schlafzimmer meist erst am frühen Nachmittag und irrlichterte dann einige Stunden unruhig in der Weissenbachschen Villa am Nordufer des Bodensees herum. Im Sommer ließ sie sich gern im Park ihre Staffelei aufstellen und versuchte dann die Abenddämmerung in wässrigen Farben einzufangen, eine immer leerer werdende Flasche Pernod an ihrer Seite.

Als Claude vierzehn Jahre alt war, fand die treue Umsorgung von Chiara Maria ein Ende, und er wurde ins Elite-Internat auf dem nahegelegenen Schloss Salem verfrachtet. Anfänglich noch etwas unsicher, fand Claude bald Anschluss – der erfolgreiche deutsche Schriftsteller Christian Kracht zählte dort zu seinem Freundeskreis. Bei den exzessiven Festen, die sogar der strenge Direktor Bernhard Bueb nicht immer zu verhindern wusste, durfte Claude manchmal Krachts rotes Sakko tragen. Er liebte es! Claude fühlte sich darin, als ob er von tausend Händen getragen würde. (Stefan Ender, derStandard.at, 29.3.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet wird fotografiert von Lukas Friesenbichler.

Share if you care.