Wo Weltenbummler in der Buchhandlung wohnen

Reportage28. März 2014, 17:23
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1951 eröffnete der Amerikaner George Whitman nicht nur eine englischsprachige Buchhandlung im Herzen von Paris, sondern auch einen Wohn- und Zufluchtsort für brotlose Schriftsteller und Reisende

Paris/Wien - Am frühen Morgen ist es nahezu mucksmäuschenstill in der Buchhandlung "Shakespeare and Company" am linken Seine-Ufer von Paris. Zu hören ist nur das regelmäßige Atmen der Schlafenden. Sie liegen auf Matratzen am Boden zwischen deckenhohen, prall gefüllten Bücherregalen aus dunklem Holz oder auf einer der alten Polsterbänke neben dem Klavier.

"Die meisten 'Tumbleweeds' stehen nur wenige Minuten vor 10 Uhr auf, wenn das Geschäft öffnet", sagt Tom. Der angehende Schriftsteller gehört heute zu den festen Mitarbeitern bei "Shakespeare and Company". Vor nicht allzu langer Zeit bewohnte er aber selbst die alten Gemäuer inmitten des Quartier Latin und schlief am liebsten über der Kinderbuchabteilung, in dem hinter schweren roten Vorhängen verborgenen Hochbett.

In den Fußstapfen von Allen Ginsberg

"Tumbleweeds" sind eigentlich die Büschel aus trockenem Gras, die in Westernfilmen über die vereinsamten Straßen rollen. Bei "Shakespeare and Company" werden diejenigen so genannt, die in der Buchhandlung wohnen. Das sind Künstler und Schriftsteller, Reisende, Studierende und Literaturbegeisterte. Sie alle nutzen den Shop als kostenlose Unterkunft, Zufluchtsstätte oder Inspirationsquelle und treten damit in die Fußstapfen von Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg, Henry Miller und Anaïs Nin. 50.000 Menschen sollen im Lauf der Jahre die Buchhandlung bewohnt haben. Manche blieben ein paar Tage oder Wochen, andere ein halbes Jahr.

Der 2011 verstorbene George Whitman eröffnete die englischsprachige Buchhandlung im Jahr 1951. Schon damals empfing er gerne Poeten und Weltenbummler und gab ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit. Seine Motivation erklärte er mit den Worten, die noch heute eine der Wände zieren: "Be not inhospitable to strangers, lest they be angels in disguise" (Sei nicht ungastlich zu Fremden, sie könnten verkleidete Engel sein). Seine Tochter Sylvia Whitman hat diese Tradition beibehalten. Wer bei "Shakespeare and Company" übernachten möchte, muss persönlich vorbeikommen und nachfragen. Eine Voranmeldung ist nicht möglich.

Ein Geschäft als Zuhause

Nach dem Credo "Give what you can, take what you need" (Gib, was du kannst, nimm, was du brauchst) müssen Bewohner der Buchhandlung zwei Stunden täglich aushelfen sowie beim Aufsperren und Schließen vor Ort sein. Die Tätigkeiten können von Kundenberatung über das Reparieren von Gitarren bis zum Spazierenführen von Colette, der Hündin, reichen. Am häufigsten besteht die Arbeit aber im Ein-, Aus- und Umräumen von Büchern.

Das Zuhause der "Tumbleweeds" ist ein Geschäft, das täglich bis 23 Uhr geöffnet und fast immer voll ist. Kunden und Touristen tummeln sich an den Regalen und staunen über die verwinkelte und pittoreske Einrichtung. Auf den schmalen, hölzernen Treppen drängen sich die Menschen: Sie sind neugierig auf das Obergeschoß, wo sich die Kinder- und Jugendbuchabteilung sowie eine große Sammlung gebrauchter Literatur befinden. Ein Klavier steht zur freien Verfügung; und fast immer findet sich jemand, der spontan zu spielen beginnt. Wo keine Regale stehen, hängen alte Gemälde oder unzählige vergilbte kleine Zettel mit Botschaften und Gedichten.

Das Herz des Obergeschoßes bildet der "Tea Party Room". Er verdankt seinen Namen der traditionellen Teestunde, die seit den 1950er-Jahren jeden Sonntagnachmittag allen offensteht, die Gedichte vorlesen und Tee trinken möchten. Am antiken Tisch vor dem französischen Fenster sitzt häufig jemand, der gerade geräuschvoll in eine der alten mechanischen Schreibmaschinen tippt.

"Zum Schreiben der schlechteste Ort"

"Shakespeare and Company" wird von vielen wegen der inspirierenden Atmosphäre geschätzt. Die Geschäftigkeit wird aber auch als Ablenkung empfunden. "Manche sagen, die Buchhandlung sei zum Schreiben der schlechteste Ort auf der Welt", sagt Tom. "Mich haben die vielen Menschen motiviert. Als ich hier wohnte, war ich sehr produktiv."

Die fehlende Privatsphäre machte aber auch ihm manchmal zu schaffen. "Tumbleweeds" sind Tag und Nacht unter Menschen. Im kleinen Studio, das der Buchhandlung angeschlossen ist, teilen sie Kühlschrank, Wasserkocher und Badezimmer nicht nur untereinander, sondern mit den Mitarbeitern, die ständig ein- und ausgehen. Zähneputzen ist für sie eine gemeinschaftliche Tätigkeit. Ihr Hab und Gut müssen sie in einem überfüllten kleinen Abstellraum im Stiegenhaus verstauen.

Außergewöhnliche Idee

Trotz dieser Unannehmlichkeiten empfinden sie das Wohnen bei "Shakespeare and Company" als wertvolle Erfahrung. Auch Tom blickt gerne auf diese Zeit zurück: "Die Buchhandlung gibt deinem Alltag einen Sinn und bestimmt deinen Lebensrhythmus. Du gehst keinem nervigen Job nach, nur um Geld zu verdienen. Hier gibst du zwar deinen persönlichen Freiraum auf, aber du hilfst dabei, eine außergewöhnliche Idee aufrechtzuerhalten." Ähnlich denkt eine seiner ehemaligen Mitbewohnerinnen: "Ich glaube, es ist eine der besten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Es ist großartig, sich anderen Menschen innerhalb so kurzer Zeit so verbunden zu fühlen. Du bist Teil einer Familie."

Um 22.45 Uhr wird sich die ungewöhnliche Wohngemeinschaft wie jeden Abend einfinden, um gemeinsam mit den Angestellten das Geschäft zu schließen. Dann schieben sie die schweren Wägen mit den gebrauchten Büchern hinein, montieren die hölzernen Fensterverkleidungen, tragen die Postkartenständer und Holzbänke ins Geschäft, versperren die Türen von innen und machen die Lichter aus. Im Dunkeln tasten sich alle zur Holztreppe und hinauf in den "Tea Party Room", wo sie plaudernd den Tag ausklingen lassen. Die Angestellten verlassen irgendwann das Gebäude und gehen nach Hause. Die "Tumbleweeds" bleiben. (Christa Minkin, derStandard.at/DER STANDARD, 29.3.2014)


Die erste englischsprachige Buchhandlung namens "Shakespeare and Company" wurde schon 1919 in Paris von der Amerikanerin Sylvia Beach gegründet. Sie war Treffpunkt für große Persönlichkeiten der Literatur- und Kunstszene wie Gertrude Stein oder F. Scott Fitzgerald, und findet Erwähnung in Ernest Hemingways Roman "Ein Fest fürs Leben". 1941 musste Beach die Buchhandlung schließen.

George Whitmans Geschäft hieß zu Beginn "Le Mistral". Erst in den 1960er Jahren änderte er Sylvia Beach zu Ehren den Namen in "Shakespeare and Company". Seine Tochter ist ebenfalls nach der berühmten Buchhändlerin benannt.

Während sich um Sylvia Beach die Schrifsteller der "Lost Generation" tummelten, hielten sich in George Whitmans Pendant die Größen der "Beat Generation" auf. Lawrence Ferlinghetti war ein langjähriger Freund Whitmans, aber auch Allen Ginsberg, Gregory Corso und viele andere suchten die Buchhandlung auf. (cmi)


Links

Webseite von "Shakespeare and Company"

Blog eines ehemaligen "Tumbleweeds"

  • Die Buchhandlung "Shakespeare and Company" am linken Seine-Ufer von Paris.
    foto: molly dektar

    Die Buchhandlung "Shakespeare and Company" am linken Seine-Ufer von Paris.

  • Die Worte "Sei nicht ungastlich zu Fremden, sie könnten verkleidete Engel sein" zieren die Wand. Darunter ein Porträt von George Whitman mit einem weiteren Credo: "My country is the world, my religion is humanity" (Mein Land ist die Welt, meine Religion ist Menschlichkeit).
    foto: shakespeare&company/shoshan

    Die Worte "Sei nicht ungastlich zu Fremden, sie könnten verkleidete Engel sein" zieren die Wand. Darunter ein Porträt von George Whitman mit einem weiteren Credo: "My country is the world, my religion is humanity" (Mein Land ist die Welt, meine Religion ist Menschlichkeit).

  • Der "Tea Party Room". Aus dem Fenster sieht man hinunter zur Seine sowie auf die Kathedrale Notre-Dame.
    foto: molly dektar

    Der "Tea Party Room". Aus dem Fenster sieht man hinunter zur Seine sowie auf die Kathedrale Notre-Dame.

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