Der Papierpragmatiker

Interview28. März 2014, 17:20
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Der Pritzker-Preis 2014 geht an Shigeru Ban. Der japanische Architekt über Menschen in Not, Herausforderungen und seine pragmatische Liebe zu Papier

STANDARD: Sie wurden diese Woche von der Pritzker Foundation angerufen und haben erfahren, dass Sie der Pritzker-Preis-Träger 2014 sind. Was war Ihre erste Reaktion?

Shigeru Ban: Ich war überrascht. Diesen Preis zu gewinnen ist eine große Ehre! Wissen Sie, von 2006 bis 2009 bin ich selbst in der Pritzker-Jury gesessen, und ich kenne die komplizierten Prozesse und ewig langen Diskussionen, die hinter so einer Entscheidung stecken.

STANDARD: Warum ausgerechnet Sie?

Ban: Mir wurde gesagt, ein wesentlicher Grund sei die Kontinuität meiner Arbeit. Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich daran, temporäre Konstruktion in Krisenregionen und Katastrophengebieten zu errichten und die beiden scheinbaren Widersprüche Effizienz und Ästhetik miteinander zu vereinen.

STANDARD: Eine Ihrer Besonderheiten ist das Bauen mit Pappkarton und Papier. Wann hat das begonnen?

Ban: Das allererste Projekt aus Pappe war die Gestaltung einer Ausstellung über Alvar Aalto 1986. Das war in Japan, in der Nähe von Tokio. Ich wusste nur: Ich will nicht schon wieder mit Holz bauen. Also habe ich mich dafür entschieden, mit Papier und Pappe zu bauen. Das war das erste Mal, dass ein Architekt mit diesem Material gearbeitet hat.

STANDARD: Seit damals arbeiten Sie regelmäßig damit. Was ist das Faszinierende an diesem Baustoff?

Ban: Wie meinen Sie das? Nichts ist faszinierend daran. Es ist ein Baustoff wie jeder andere auch. Nur hatte vor mir noch niemand anderer daran gedacht, damit zu arbeiten. Das ist alles.

STANDARD: Das klingt sehr pragmatisch. Das glaube ich Ihnen nicht.

Ban: Ich kann es auch anders sagen: Ich bin ein Freund des Erfindens. Immer nur Trends und Modeströmungen zu folgen ist mir zu wenig. Schauen Sie sich einmal Buckminster Fuller oder Frei Otto an! Die sind auch nicht irgendwelchen Trends gefolgt, sondern haben ihre ganz eigene Sprache und Konstruktionsästhetik entwickelt. Sie haben sich von niemandem beeinflussen lassen, sondern haben ihren eigenen Stil kreiert.

STANDARD: Ihr eigener Stil also ... Und welcher Motor steckt da dahinter?

Ban: Als ich vor mehr als 30 Jahren begonnen habe, als Architekt zu arbeiten, war Bauökologie ein Fremdwort. Darüber hat niemand gesprochen. Für mich jedoch war das etwas ganz Natürliches, etwas ganz Selbstverständliches. Ich war immer schon daran interessiert, mit billigen, regionalen und wiederverwendbaren Materialien zu arbeiten. Daher der - wenn Sie so wollen - eigene Stil.

STANDARD: Woher nehmen Sie das Material?

Ban: Die Pappröhren sind ganz normale Produkte, die für die Papierindustrie hergestellt werden. Keine Sonderanfertigungen. Wir beziehen uns auf das, was schon am Markt da ist. Und das Gute daran ist: Papierfabriken gibt es überall auf der Welt.

STANDARD: Wie bestimmen Sie die Festigkeit?

Ban: Solche Röhren halten sehr viel aus. Wenn Sie schon einmal gesehen haben, wie viel Tonnen Papier auf so eine Röhre gewickelt werden, dann wissen Sie das. Im Laufe der Jahre haben wir die unterschiedlichen Produkte Festigkeitsprüfungen unterzogen und können uns auf bereits bestehende Daten stützen. Wenn ein neues Produkt dazukommt, müssen wir einen neuen Test machen.

STANDARD: Was muss man alles beachten, wenn man mit Papier baut?

Ban: Sie meinen Feuer und Wasser?

STANDARD: Zum Beispiel.

Ban: Trinken Sie manchmal Orangensaft?

STANDARD: Aus dem Tetrapak?

Ban: Genau. Es gibt schon viele Methoden, wie man Papierprodukte wasserdicht und wasserfest machen kann. Das Gleiche trifft auch auf die Brandfestigkeit zu.

STANDARD: Wie lange halten Ihre Papierkonstruktionen?

Ban: Wie lange hält eine Betonkonstruktion?

STANDARD: Laut Betonlobby ewig.

Ban: Ja. Aber wir wissen alle, dass das nicht stimmt. Ein Gebäude aus Beton kann durch Wasser und Erdbeben leicht zerstört werden und ist schwierig zu reparieren. Beton hält keine 100 Jahre. Was die meisten Leute nicht wissen: Ein Haus aus Papier kann, wenn es gut gebaut ist, das stärkste Erdbeben überstehen, weil es sehr leicht konstruiert ist. Ein schweres Gebäude wird zusammenbrechen.

STANDARD: Papier hält also länger als Beton?

Ban: Mitunter ja. Wie gesagt: Die Technik ist nicht das Problem.

STANDARD: Sondern?

Ban: Die Vorschriften! Die Behörden haben keinerlei Erfahrung mit Papier- und Pappkonstruktionen und wollen sich damit auch nicht auseinandersetzen. Die Normen und Gesetze sind veraltet, und zwar diesbezüglich überall auf der Welt. Der Bewilligungsprozess ist extrem kompliziert.

STANDARD: Sie haben schon oft genug mit Papier gebaut. Erfahrungswerte sind da. Wie könnte man diesen Prozess vereinfachen?

Ban: Ich glaube nicht, dass man den Prozess vereinfachen kann. Es wird schwierig bleiben.

STANDARD: Lieben Sie Herausforderungen?

Ban: Würde ich sonst das tun, was ich tue?

STANDARD: Sie bauen einerseits für reiche, privilegierte Bauherren und weltbekannte Unternehmen und Institutionen, und andererseits für Menschen in Not.

Ban: Wir Architekten arbeiten fast immer nur für die Privilegierten. Sie haben Geld, Macht oder beides und beauftragen uns, ihnen Denkmäler zu bauen, die diese Macht symbolisieren. Das war schon immer so. Das ist die historische Rolle von Architekten ...

STANDARD: ... die Sie nun aufbrechen.

Ban: Wenn eine Naturkatastrophe passiert und in kurzer Zeit Notunterkünfte benötigt werden, ist meist weit und breit kein Architekt zu sehen. Dabei könnten wir hier vieles verbessern, wenn wir helfen. Also sollten wir das tun.

STANDARD: In welcher Rolle fühlen Sie sich wohler? Als Architekt der Reichen oder als Architekt der Menschen in Not?

Ban: In gewisser Weise gibt es da keinen Unterschied. Alles gleich.

STANDARD: Kein Unterschied?

Ban: Der einzige Unterschied ist: Bei den Reichen werde ich bezahlt und bei den Armen nicht.

STANDARD: In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Sie seien nicht daran interessiert, Geld zu verdienen.

Ban: Das stimmt. Aber ich habe nun mal ein Büro, und dieses Büro muss überleben. Ich spreche nicht gerne über Geld. Ich hasse es, mich um Business-Angelegenheiten und Honorare zu kümmern. Das macht alles mein Partner.

STANDARD: 1995 haben Sie den Verein Voluntary Architects' Network (VAN) gegründet. Was genau passiert da?

Ban: Genau das! Bauen für Menschen in Not. Wir arbeiten überall auf der Welt. Überall, wo es Krisen und Naturkatastrophen gibt, also nach Kriegen, Erdbeben, Bränden, Hurrikanen und Tsunamis, und wo man in kürzester Zeit Behausungen für viele tausend Menschen schaffen muss.

STANDARD: Wo und wie finden Sie Ihre freiwilligen Helfer?

Ban: Es gibt keine Dauermitglieder. Ich sammle die Freiwilligen vor Ort, manchmal auch aus ganz Japan. Helfer aus dem Ausland müssten wir einfliegen lassen, und das können wir uns nicht leisten.

STANDARD: Sie sind nun der siebente japanische Architekt, der mit dem Pritzker-Preis für Architektur ausgezeichnet wird. Was macht japanische Architektur so attraktiv?

Ban: Was japanische Architektur auszeichnet? Das weiß ich nicht. Aber Nationalitäten sind in der Pritzker-Preis-Jury kein Thema. Das weiß ich noch von früher.

STANDARD: Würden Sie sich denn als japanischen Architekten bezeichnen?

Ban: Nein. Ich habe in Japan keine Erziehung genossen. Ich habe in Kalifornien und in New York City studiert. So gesehen bin ich ein internationaler Architekt.

STANDARD: Und wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ban: Im Flugzeug. Da bin ich privat. Kein Scherz! Da kann ich all das machen, wozu ich sonst nie Zeit habe: Skizzen anfertigen, Filme schauen und schlafen. Und ich liebe es, zwischen den Zeitzonen unterwegs zu sein. Das gibt meinem Leben den gewissen Kick.

STANDARD: Wissen Sie schon, was Sie mit den 100.000 Dollar Preisgeld machen werden?

Ban: Ich werde weiterhin das tun, was ich bisher getan habe. Daran wird sich nichts ändern. Die Arbeit wird bestenfalls wachsen.

STANDARD: Also?

Ban: Ach, Sie meinen die 100.000 Dollar?

STANDARD: Genau.

Ban: Ich werde das Geld in meine NGO-Aktivitäten investieren. Da gibt's genug zu tun. (Wojciech Czaja, Album, DER STANDARD, 29./30.3.2014)

Shigeru Ban, geboren 1957 in der Präfektur Tokio, studierte Architektur am Southern California Institute of Architecture (SCIARC) in Los Angeles sowie bei John Hejduk an der Cooper Union's School of Architecture in New York City. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen das Curtain Wall House in Tokio (1995), der japanische Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover, das Centre Pompidou II in Metz (2010), die Cardboard Cathedral in Christchurch, Neuseeland, (2013) sowie das kürzlich fertiggestellte Tamedia-Holzbürohaus in Zürich (2014). Mit seinem Verein Voluntary Architects' Network (VAN) baute er bereits Wohnsiedlungen, Schulen und Kirchen in Japan, China, Indien, Sri Lanka, Haiti, in L'Aquila in Italien sowie auf den Philippinen. Shigeru Ban wird den Pritzker-Preis am 13. Juni im Rijksmuseum in Amsterdam entgegennehmen

Links

Architekt Shigeru Ban: Meister des Pappkartons

Ansichtssache: Shigeru Ban bekommt Pritzker-Preis

www.pritzkerprize.com

  • "Pappkarton? Das sind ganz normale Produkte. Da ist nichts Faszinierendes daran", sagt Shigeru Ban. "Es ist ein Baustoff wie jeder andere auch. Nur hatte vor mir noch niemand anderer daran gedacht, damit zu arbeiten. Das ist alles."
    foto: ap/richard drew

    "Pappkarton? Das sind ganz normale Produkte. Da ist nichts Faszinierendes daran", sagt Shigeru Ban. "Es ist ein Baustoff wie jeder andere auch. Nur hatte vor mir noch niemand anderer daran gedacht, damit zu arbeiten. Das ist alles."

  • Temporäre Hualin-Volksschule in Chengdu, China, fertiggestellt 2008.
    foto: li jun

    Temporäre Hualin-Volksschule in Chengdu, China, fertiggestellt 2008.

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