"Der beste Werkzeugkasten ist das Denken"

4. April 2014, 09:07
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Führungskräften ist die Wirkung ihrer Taten oft gar nicht bewusst, sagt Berater Norbert Herbst (ICG). Einmal "oben " angelangt, wird oft vergessen, wie es war, "darunter " gearbeitet zu haben

In der Hierarchie ganz oben angelangt, denken viele, sie können es sich richten, wie sie möchten, sagt Norbert Herbst. Schnell sei dann vergessen, dass man früher auch mal "unten" gestanden und gearbeitet hat - für jemanden "dort oben". Die Erinnerung daran, wie es einem selbst in den Anfängen seiner Karriere ergangen ist, scheint im Kurzzeitgedächtnis zu stecken. Und an dieser Stelle kann dann "Führung von unten betrachtet" - eine Intervention, die Herbst anbietet - ganz nützlich sein. Der Berater und geschäftsführende Gesellschafter der ICG Integrated Consulting Group arbeitet mit Führungskräften unterschiedlicher Ebenen, jede für sich muss mit unterschiedlichen Herausforderungen fertigwerden - ob ganz oben oder im "Sandwich".

Die meisten Manager kommen, wenn sie bemerken, dass sie in einem zunehmenden Maß nicht mehr so wirkungsvoll sind, wie sie gerne wären, sagt Herbst. Es müsse allerdings betont werden, dass nicht alle Ratsuchenden so weit reflektiert seien und in Erwägung ziehen, das Problem könnte an ihnen selbst, möglicherweise an ihrem Führungsstil liegen. Vieles sei noch dem "mechanistischen Denken" verhaftet, viele sehen ihr Heil in "tools". Tools per se seien nicht schlecht, sagt Herbst, wenn man sie als Denkhilfe verwendet, um wieder handlungsfähig zu werden. Herbst: "Ich halte nicht viel von dieser zunehmenden 'Toolisierung', vor allem dann, wenn man diese Werkzeuge völlig unreflektiert anwendet. Der beste Werkzeugkasten ist immer noch das Denken selbst."

Ist Führung erlernbar?

"Reflexionsfähigkeit und -wille sowie Empathie", sagt Herbst, "sind für eine Führungskraft zentral. Aber auch das Bewusstsein für die Rolle, die man innehat, und die Verantwortung, die man trägt." Führung, sagt Herbst, ist in weiten Teilen erlernbar, allerdings nur, wenn die Führungskraft auch Interesse an Menschen und insbesondere an seinen Mitarbeitern habe. Darin liege auch das Geheimnis von Motivation: Nicht nur das Interesse an der Sache sei wichtig, sondern auch das Interesse an den Menschen, mit denen man gemeinsam bestimmte Ziele erreichen möchte.

Ein alltägliches Beispiel sei das ausführliche Gespräch mit einem Mitarbeiter. Viele Führungskräfte replizieren sogleich, dass sie ohnehin jeden Tag mit ihren Mitarbeitern reden würden. Herbst: "Es scheint fast so, als ob der feine Unterschied zwischen dem alltäglichen 'Reden' über Dringendes und einem ausführlichen 'Gespräch' über das 'Wichtige' nicht ausreichend bewusst ist." Zuhören sei hier wichtig, sagt er. Das brauche Zeit, Vorbereitung und vor allem Interesse an der Person und ihren Anliegen. Vielen Führungskräften sei das zu zeitraubend oder zu mühsam. Herbst: "Es gibt genug Chefs, die das nicht interessiert. Meist geht es dann nur noch um die Optimierung der eigenen Befindlichkeit und ein doch fehlgeleitetes Denken, man könne das dauerhaft auf Kosten der Befindlichkeiten anderer tun." Führungskräfte müssen sich dessen bewusst sein, dass ihre Ergebnisse vom Engagement ihrer Mitarbeiter abhängen, so Herbst.

Zumuten und ermutigen

Nicht zuletzt sei es für Führungskräfte entscheidend, die richtige Balance zwischen Denken und Tun zu finden, Führungskräfte könnten zuweilen ihren Mitarbeitern auch mehr zutrauen bzw. sie ermutigen, eigenständig (in einem gesetzten Rahmen) Entscheidungen zu treffen. "Mitarbeiter denken gerne mit", so Herbst. Viele Chefs, so Herbst weiter, machen den Fehler, die Intelligenz ihrer Mitarbeiter bei weitem zu unterschätzen.

Sie berücksichtigen nämlich weitaus mehr Wechselwirkungen (zum Beispiel in der Familie), als man von außen annimmt. "Weil es ihnen in einem speziellen Umfeld auch zugemutet wird", so Herbst. "Da steckt Mut drin, so wie in Ermutigung. Und Ermutigung ist etwas Triviales, das ist nichts Hochkomplexes." (Heidi Aichinger, LEADERSHIPSTANDARD, 29.3.2014)

  • Norbert Herbst.
    foto: ho

    Norbert Herbst.

  • Irgendwann haben alle für einen oder eine "dort oben" gearbeitet. Manche Chefs vergessen das.
    foto: www.istockphoto.com / drgrounds

    Irgendwann haben alle für einen oder eine "dort oben" gearbeitet. Manche Chefs vergessen das.

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