"Keine Alternative zum Karrieremachen"

28. März 2014, 17:00
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Massive Imperative an junge Frauen mit gesuchten Studien-Abschlüssen und gute Tipps rund ums Bewerben. Plus: Warum Angst vor "tricky questions" nicht nötig ist

Die Nachrichten vom Arbeitsmarkt sind für die derzeit studierenden Generationen grundsätzlich gut: Immer weniger Junge stehen der Nachfrage der Firmen nach gut Ausgebildeten - vor allem in den technischen Mangelberufen - gegenüber. Das heißt: die Jungen können wählen. Eine sprichwörtlich g'mahte Wies'n ist das für die Bewerberinnen und Bewerber aber nicht. Ganz ohne Plan klappt es mit dem Einfädeln nicht. Vor allem für die grundsätzlich "leiseren" jungen Frauen nicht, denn: Machtkampf bleibt schon an der Tagesordnung.

Möglichst viel Selbstbestimmung

Entsprechend klar geht Deloitte-Partnerin Gundi Wentner in die Diskussion an der TU-Wien zum Thema Karriereplanung: "Sie haben keine Alternative zum Karrieremachen!", sagt sie den jungen Frauen. Wozu etwas Schwieriges studieren, um dann nicht eine Position zu suchen, die möglichst viel Gestaltungsfreiheit, Verantwortung und Selbstbestimmung bringt? "Meinen Sie, es geht Ihnen mit weniger Geld, Fremdbestimmtheit, mit weniger Autonomie besser?"

Dabei will sie "Karriere" nicht als hierarchischen Aufstieg klassischer Prägung verstanden wissen, sondern als Grundstein möglichst freien Lebens, das der Beruf auch finanzieren kann - auch für die Kinder, so sie im Plan stehen. Und gleich: Teilzeit sei die wohl größte Karrierefalle, bleibt sie deutlich. Was sie offenbar jahrelang geärgert hat: Junge Frauen fragen immer: "Und was, wenn ich Kinder bekomme?"

Von Männern sei das nie zu hören, da reden selbst vierfache Väter lieber über ihre Hobbyerfolge im Reiten, Segeln, Bergsteigen. Frauen in Teilzeit sei eine Notwendigkeit, erzwungen aus fehlender Infrastruktur für die Vereinbarkeit von Job und Familie, bleibt sie hart.

Keine Angst vor "tricky questions"

Und zur Entängstigung: Vor Bewerbungsgesprächen mit "tricky questions" brauche niemand Angst zu haben, denn: Je tiefer ins Auge geblickt werde, um dann absurde Fragen nach Pinguinen mit Sombreros zu stellen, desto schlechter sei der Recruiting-Prozess: "In so ein Unternehmen wollen Sie vermutlich auch gar nicht." Saubere Bewerbung, ein paar richtige Zeilen Motivationsschreiben, ausreichend Vorinformation über das Zielunternehmen und Gesprächsbereitschaft auf Basis der fachlichen Qualifikation werde immer reichen, wenn der Bewerbungsprozess auf Augenhöhe stattfindet.

Wirtschaftsinformatik-Professorin Gertrude Kappel, die gemeinam mit IBM in der Vorwoche an der TU-Wien zur Diskussion geladen hatte, freute sich sichtlich, dass Mut und Selbstbewusstsein die Imperative der Diskutanten an die jungen Technikerinnen waren. Obwohl: Die Grazer Wissenschaftsberaterin Ute Riedler mahnte ein, sich zu überlegen, was es bedeute, als Frau im technischen Umfeld "Minderheit" zu sein. Nicht als "Opferhaltung", sondern als Bewusstsein, dass die Augen der männlichen Umwelt ein Bild tragen, das sehr oft in Diskriminierung und Versuche des Ausschlusses mündet.

Mentoren suchen

Riedler rät zuallererst zum Suchen eines Mentors, als Begleiter, Helfer, Türöffner. Und: "Wir müssen gekannt werden und in Netzwerke gelangen. Machen Sie sich sichtbar. Reden Sie mit, melden Sie sich zu Wort. Männer melden sich in Sitzungen dreimal so oft zu Wort wie Frauen. Frauen sind zurückhaltender - vor allem wenn sie in der Minderheit sind."

Ihr Appell, sich mit dem gesamten Leben zu beschäftigen, scheint die Jungen zu überfordern. Wer weiß mit 20+wie er später genau leben möchte?

Gehaltsfragen

Viel mehr Bedarf nach Klarheit herrscht beim zu erwartenden Einkommen: Was sollen die Kollektiv-Mindestentgelte bei Stellenanzeigen bedeuten? Kann ich doppelt so viel verlangen, soll ich? Dass diese Verwirklichung der Gesetzesinitiative von Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek nicht zu mehr Orientierung geführt hat, wird sehr deutlich.

Coach Wolfgang Wieland lenkt um: Es gehe doch darum, etwas zu finden, das einen nachhaltig begeistere. Das Berufsleben gleiche einem Marathon, erscheint als Bild, nicht einem kurzen Sprint, der super durch das erste Bewerbungsgespräch führt. Dass das wohl ratsam sei, macht auch Seda Özsen, TU-Absolventin und nun bei IBM, klar: Sie habe sich in gut 30 Bewerbungsgespräche begeben. Es bedürfe eben auch der Erfahrungen, der Übung. Bekanntlich: Bloß weil man etwas weiß, kann man es noch nicht.

Wentner bleibt hart auf der Frauenthematik: Wichtig sei, sich über die Chancengleichheit im Unternehmen zu erkundigen. Wenn die Führungsriege geschlossen aus Männern bestehe, dann würde sie dort nie hingehen, dann werde das sehr schwer.

Und worauf schauen Firmen wirklich? Herrschen die idealisierten Bilder eierlegender Wollmilchschweine im perfekten Business-Outfit, die alles können und alles wollen? Darf man wirklich sagen, dass man auch noch leben möchte, wie perfekt muss man auftreten, wie viele Coaching-Stunden investieren für das situativ fehlerfreie Erscheinen?

Nicht künstlich coachen

Bloß nicht auf einen Termin hincoachen, rät Coach Wieland. Reinhild Sluga (Recruiting Lead IBM) sucht auch "Wunderwuzzis", weiß aber, dass es die nicht gibt. Sie appelliert ganz stark: "Bewerben Sie sich, auch wenn Sie nicht zu 100 Prozent der Stellenausschreibung entsprechen." Männer hätten kein Problem damit, eine 30-prozentige Nichtpassung gut zu argumentieren, Frauen seien viel zu zurückhaltend.

Wichtig sei aber der erste (gemailte) Eindruck: klassisch fehlerfreier Lebenslauf plus Motivationsschreiben plus gute Vorinfo über die Zielfirma gehörten auch dazu. Die vielzitierten Sozialkompetenzen (sehr gesucht und angeblich spielentscheidend) zeigten sich dann im Bewerbungsgespräch. Wobei: Alles, was man erfüllen zu müssen glaubt wie "Teamfähigkeit", werde natürlich nach tatsächlichem Erfahrungsschatz hinterfragt. Also: Schwindeln ist nicht günstig.

Dress-Code

Bange Fragen nach dem Dress-Code und der Farbe der Bluse, der Krawatte, beantwortete Bosch-Personalchefin Johanna Hummelbrunner am Career Day der TU-Wien für die "TUtheTOPs" in der Vorwoche lässig: Gepflegt ist basic, aber im Abendkleid braucht niemand zu erscheinen. Man gehe ja nicht zum Cocktail, die Herren nicht zu ihrer Trauung. Welche Persönlichkeit, welche sozialen Kompetenzen notwendig seien, um wirklich herauszustechen, wird von diesem Podium differenziert beantwortet: je nach Position. Aber: Was man trägt, signalisiere wohl, welche Position man anstrebe.

No-Gos

Die No-Gos klingen so, als müsse man sie gar nicht mehr erwähnen, aber offenbar machen die versammelten Personalisten am Career Day schlechte Erfahrungen: Pünktlichkeit wird eingemahnt. Ebenso erneut eine zumindest gewisse Vorinfo zum Zielunternehmen. Bloß zu sagen: "Ich bin technischer Mathematiker, was haben Sie denn für mich?" kommt besonders schlecht an.

Ob ein PhD einige Jahre Berufserfahrung schlage? Auch da kann weder Sabine Moser (Infineon) noch Martina Pitterle (Accenture) noch Clementine Waldburg-Zeil (IBM) Eindeutiges sagen: je nach Position. Aber von allen der Appell an Frauen: "Trauen Sie sich doch mehr zu. Auch wenn Sie einige Kriterien nicht erfüllen - sagen Sie uns, dass Sie das noch nicht so können!"

Das so oft eingeforderte "entrepreneurial mindset", also besonders unternehmerisch denkende, allseits innovationsbereite Mitarbeiter, sind kein großes Thema. Pitterle stellt klar: Konzerne haben Hierarchien - es gehe darum, in seinem Bereich initiativ zu sein. Gemeinsamkeit aller Personalistinnen: Sie googeln nicht alles hinsichtlich der Kandidatinnen - dafür haben sie gar keine Zeit.

Gezielte Ansprache über soziale Netzwerke finde aber statt. Also: ein elektronisches Profil hilft. Dass jeder Patzer im virtuellen Ich gleich auffalle, klingt da aber recht unwahrscheinlich. (Karin Bauer, DER STANDARD, 29./30.03.2014)

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