Gratisnachhilfe: Kosmetische Maßnahme

Kommentar28. März 2014, 09:45
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Weichenstellungen hätten schon vor Jahren passieren müssen

Für eine Nachhilfestunde zahlt man in Österreich im Schnitt 21 Euro. Ein Fünftel aller Schülerinnen und Schüler ist laut einer Studie der Arbeiterkammer darauf angewiesen. Von den 210.000 Betroffenen bekommen aber 40.000 die Nachhilfe nicht, und zwar deshalb, weil die Eltern sie nicht bezahlen können.

In Anbetracht der Zahlen ist die Ankündigung der Wiener SPÖ, Gratisnachhilfe für Pflichtschüler einführen zu wollen, zu begrüßen. Denn ja, es soll keine Chancenungleichheit geben, nur weil das Geldbörsel mancher Eltern dicker ist als das anderer.

In Wahrheit ist die angekündigte Maßnahme jedoch nur eine kosmetische. Seit 2007 stellt die SPÖ bundesweit die Bildungsministerin. Die Konzepte liegen in der Schublade: gemeinsamer Unterricht aller Sechs- bis 14-Jährigen, weg vom dualen Schulsystem, hin zu einer Schule, in der alle Kinder gleichermaßen gefördert werden. In der Praxis scheitern die Verantwortlichen an der Umsetzung: zu viele Kritiker, zu viele Widerstände – vor allem beim Koalitionspartner ÖVP. Von flächendeckenden Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht keine Spur.

Es ist ein Armutszeugnis, wenn die Stadt Wien nun extra in die Tasche greifen muss. Noch dazu wird die Maßnahme eineinhalb Jahre vor der nächsten Wien-Wahl präsentiert, bei der die SPÖ die absolute Mehrheit wiedererlangen will. Gratisnachhilfe für Schüler? Ein Wahlzuckerl mit bitterem Beigeschmack. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 28.3.2014)

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