Kleines Adriahoch über Nordirland

30. März 2014, 16:45
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Im Mai 2014 startet der Giro d'Italia in Belfast. Radrennen schauen ist dort beliebt, selber im Sattel sitzen noch kaum

Ein rauer Wind weht im Titanic Quarter in Belfast, jenem Ort, an dem vor über 100 Jahren das damals größte Kreuzfahrtschiff der Welt gebaut wurde. Heute boomt das Viertel: 2012, 100 Jahre nach der Titanic-Katastrophe, wurde hier das einem Eisberg nachempfundene Museum Titanic Belfast eröffnet, jetzt entstehen überall neue Bürokomplexe. Wenngleich der wichtigste Referenzpunkt dieses Stadtteils in der Vergangenheit liegt, soll er Nordirland den Weg in die Zukunft weisen.

Im Mai 2014 wird von hier die Radrundfahrt Giro d'Italia starten. Mehr als fünf Millionen Euro wird das Event kosten, allein das Belfast City Council steuert 500.000 Euro bei. Doch weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick sieht man, dass Belfast eine Radfahrerstadt wäre. Es gibt kaum Wege für die Radler, und bei dem regnerischen Wetter sind sowieso nicht viele unterwegs. Dennoch gelten die Iren beider Landesteile als radsportverrückte Leute - und wer könnte daran größeren Anteil haben als Dave Kane?

Der 74-jährige Radchampion fuhr mehrmals für Irland bei den Straßenweltmeisterschaften und gewann einst ein Amateurrennen gegen Eddy Merckx. 27 Jahre hielt er den Rekord für die schnellste Fahrt von Belfast nach Dublin - die 140 Kilometer legte er in etwas mehr als vier Stunden zurück. Er fuhr zusammen mit Tom Simpson, jenem Mann, der 1964 vollgepumpt mit Amphetaminen und Alkohol am Mont Ventoux zusammenbrach und starb. "Ich habe noch Kontakt zu seiner Frau", sagt Kane und blickt ein wenig traurig auf ein Porträt Simpsons. "Ein Jahr bin ich in einem Profiteam gefahren, aber den Sprung an die Spitze habe ich nicht geschafft", erinnert sich der hagere Mann mit dem Schnauzbart und den ins Gesicht gekämmten Haaren.

Irische Rad-Devotionalien

1982 eröffnete Kane dann ein Radgeschäft in Belfast. Über die Zeit hat sich so einiges angesammelt an Devotionalien: signierte Radtrikots, Urkunden, sogar ein Nachbau des Rennrads von Stephen Roche. Der Ire gewann 1987 die Tour de France und den Giro d'Italia. Kanes Vorbild ist trotzdem Sean Kelly, den sie hier alle nur "King Kelly" nennen. "Der ist blutüberströmt die Klassiker gefahren", schwärmt Kane.

Als die Giro-Organisatoren den Etappenverlauf bekanntgaben, konnte er sein Glück kaum fassen: Die Strecke führt direkt an seinem Shop vorbei. Und natürlich wird er an diesem Tag das Rennen vom Geschäft aus verfolgen. Für den Giro hat er bereits pinkfarbene Kapperln mit seinem Namen fertigen lassen - Dave Kane ist Kult.

Die Radler werden aber nicht nur an seinem Shop vorbeikommen, sondern auch an den tausenden Mauern und Mahnmalen, an denen politische Parolen prangen. Die protestantische paramilitärische Untergrundbewegung Ulster Defence Association etwa erinnert mit martialischen Graffiti an die Opfer des Nordirlandkonflikts. Und bis heute teilen sogenannte "peace walls" katholische und protestantische Viertel.

Für wetterfeste Amateure

Die Radprofis mag das wenig stören - ein Politikum ist es trotzdem. Im Vorfeld des Giro wird darüber diskutiert, ob man die politischen Statements abdecken und ein Flaggenverbot verhängen soll. Für die zweite Etappe dürfte das nicht aber nicht notwendig werden: Sie führt aus Belfast hinaus und über 218 Kilometer entlang der stillen Küste durch den Nordosten der irischen Insel - durch Landschaften, für die sich zunehmend auch wetterresistente Amateurradler begeistern können.

Trotz immer wieder aufflammender Unruhen in Belfast - wie zuletzt im Juli 2013 - scheint die Diskussion um die Sicherheit in der Stadt mittlerweile müßig: Laut einem Bericht der Uno ist Belfast weltweit nach Tokio die sicherste Stadt, längst kommen auch Iren sonder Zahl nach Nordirland zum Einkaufen, weil hier vieles einfach günstiger ist. Zum Start des Giro 2014 werden 140.000 Besucher erwartet, darunter 42.000 aus dem Ausland. Am 9. und 10. Mai wird die Welt wieder auf Belfast blicken - wie schon 1911 beim Stapellauf der Titanic. (Adrian Lobe", DER STANDARD, Album, 29.3.2014)

Diese Reise erfolgte auf Einladung des Irischen und Nordirischen Fremdenverkehrsamtes (www.visit-belfast.com ;

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