"Theater bedeutet für mich Aufdeckung"

Interview27. März 2014, 18:25
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Der Choreograf Lemi Ponifasio aus Samoa über die Hintergründe seines neuen Stücks "The Crimson House"

STANDARD: Seit wann ist Überwachung ein Thema für Sie?

Ponifasio: Die erste Geschichte, die ich je gelesen habe, handelt von Überwachung: Adam und Eva. Das Thema ist nicht neu! Gott ist auf dem Posten! Die Performance The Crimson House kommt zwar aus einem Nachdenken über Überwachen und Facebook und so weiter, aber sie thematisiert das nicht, sondern vielmehr die Entscheidungen, die wir treffen. Mein Theater ist nicht "über etwas". Ich halte ja keinen Vortrag. Jeder kennt die Nachrichten über Überwachung. Warum soll ich die wiederholen?

STANDARD: "The Crimson House" bezieht sich auf einen Mythos?

Ponifasio: In der samoanischen "Geschichte" wurde das erste Haus von Gott auf die Erde gestellt. Es war rot von dem Blut der Menschen, die er getötet hatte. Deswegen: "Das blutrote Haus" - als Sitz Gottes, von dem aus er die Menschen beobachtete. Da liegt die Verbindung zu Adam und Eva. Das Problem mit der Überwachung heute ist der unmerkliche Wechsel der Machtverhältnisse. Aber das entscheiden nicht Gott, oder die Regierungen, oder die Banken. Jeder kann entscheiden.

STANDARD: Daran glaubt aber nicht jeder, oder?

Ponifasio: Sobald du glaubst, du könntest nicht entscheiden, solltest du, glaube ich, sterben. Also müssen wir den Leuten sagen, dass sie entscheiden können. Die Welt ist nicht gegeben, sondern wir haben sie geschaffen. Entscheiden heißt teilnehmen. Schwierig wird es, wenn wir uns an ein System gewöhnen. Unser System hat kein Gesicht. Und wenn, dann das einer Miss Universe oder eines Barack Obama. Ein demokratisches System lebt von der Beteiligung der Bevölkerung. Aber die Leute partizipieren nicht.

STANDARD: In Ihrem Stück "Tempest", das 2007 bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wurde, haben Sie mit einem politischen Aktivisten gearbeitet. Was ist Aktivismus?

Ponifasio: Aktivismus bedeutet zu handeln. Im Leben. Es geht nicht darum: Nieder mit der Regierung! Das ist nicht Aktivismus, sondern politischer Aktionismus und Machtverschiebung. So ist Theater aber nicht. Wer Theater macht, sagt, das normale Leben ist nicht gut genug für mich. Ich muss eine andere Vision bringen. Deswegen ist es politisch. Aktivismus heißt, wie gibt man den Leuten das Gefühl, "aktiviert" zu sein und zu sagen: Ja, ich kann etwas verändern.

STANDARD: Wie heißt das konkret?

Ponifasio: Ich bin an einer Kultur der Anteilnahme interessiert. Im Weiteren liegt alles in der Verantwortung jedes Einzelnen. Die meisten meiner Tänzer kommen von Inseln, die durch den Klimawandel zerstört wurden. Ich habe eine Performance mit dem Titel Birds with Sky Mirrors gemacht, in der es darum geht. Also nicht um die Umwelt. Aber darum, was es unter dieser Voraussetzung bedeutet zu existieren.

STANDARD: Sind diese Stücke auch als Unterhaltung gemeint?

Ponifasio: Nein. Ich ziehe dir das Gewand aus. Theater bedeutet für mich nicht Verschleiern, sondern Aufdeckung. Mich freut die Notwendigkeit, mich mit schwierigen Fragen zu konfrontieren. Ich habe viel gelernt. Die Performance ist eine gute Lehrerin in Sachen Weisheit, weil sie nicht auf Information angewiesen ist. Ich bin kein Informationsservice, und wenn jemand etwas nicht versteht - tut es mir leid. Aber oft mag ich meine Arbeit gar nicht.

STANDARD: Wann zum Beispiel?

Ponifasio: Sobald ich denke, das Publikum könnte sie für zu schwierig halten. Und manchmal sind meine Inhalte nicht gerade schön. Aber es ist unwichtig, ob man sich daran erfreut oder nicht. Denn die Frage des Gefallens oder Nichtgefallens ist bloß Teil der Konsumkultur. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 28.3.2014)

Lemi Ponifasio (geboren 1962 auf Samoa) leitet das neuseeländische Ensemble Mau (dt.: "Vision" oder "Revolution"). Seine Stücke sind unter anderem im Pariser Théâtre de la Ville und bei den Berliner Festspielen zu sehen.

  • foto: ross giblin


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