Kandidat Sisi, der Unbekannte

Kommentar27. März 2014, 18:00
19 Postings

Ägyptens Präsident in spe ist eine Projektionsfläche für die Wünsche seiner Fans

Mit der Präsidentschaftskandidatur von Abdelfattah al-Sisi geht Ägypten in ein neues Abenteuer: Die meisten Ägypter und Ägypterinnen wünschen sich nach drei Jahren politischer Berg-und-Tal-Fahrt, dass das Land mit dem zurückgetretenen Armeechef an der Spitze in ruhigere, postrevolutionäre Fahrwasser eintreten wird. Man muss kein Sisi-Anhänger sein - von außen fällt das auch relativ schwer -, um den Ägyptern zu wünschen, dass sich dies erfüllen möge: und zwar ohne dass sie auf ihre Träume von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie verzichten müssen. Aber was genau man von einer Präsidentschaft Sisi zu erwarten hat, weiß keiner, weder innerhalb noch außerhalb Ägyptens.

Abdelfattah al-Sisi trat erstmals in den Wochen nach dem Sturz Hosni Mubaraks 2011 als jüngstes Mitglied des Obersten Militärrats ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, als dessen Sprecher er manchmal fungierte - tatsächlich war er Militärgeheimdienstchef. Mit seinen 59 Jahren ist er zwar nicht besonders jung, verkörpert jedoch jene neue Generation von ägyptischen Militärs, die nicht mehr in Kriegen gegen Israel gekämpft haben. Ganz nach oben kam er im August 2012 durch den Muslimbruderpräsidenten Mohammed Morsi, den er dann im Juli 2013 stürzte, mit einem breiten Konsens der Bevölkerung und besonders der Eliten. Sisi galt zuvor manchen als Muslimbrüder-Verbündeter in der Armee.

Wenn man zu erkunden versucht, was Sisi so populär macht, stößt man zumeist auf Emotionen: Er gebe den Ägyptern - die er in seiner Rede am Mittwochabend als "Großes Volk Ägyptens" ansprach - die Würde zurück, heißt es immer wieder. Dazu gehört wohl auch, dass er denen, die Ägypten "nicht respektieren", "Konsequenzen" androhte. Es ist viel zu früh, um daraus ein allgemeines hermetisches Denken Sisis abzuleiten, wonach Ägypten gerettet werden soll, indem in erster Linie Feinde identifiziert und bekämpft werden. Aber eine stärkere Aussage, die seine Anhänger daran erinnert, dass Ägypten Teil einer globalisierten Welt ist und dass es für seinen Aufschwung gute Partner überall braucht, wäre wohltuend gewesen.

Sisi ist ein Kind der Armee, auch seine internationalen Kontakte, besonders in die USA, hatten zumindest ihre Basis in seiner militärischen Herkunft. Die große und völlig offene Frage ist, wie mächtig ein Sisi ohne Uniform ist und ob er die Armee in seine Präsidentschaft mitnehmen oder hinter sich lassen wird - und will. Und natürlich, ob diese Armee, wenn Präsident Sisi sich abzukoppeln versucht, das überhaupt zulassen wird. In Berichten hieß es, dass Sisi die ägyptische Wirtschaft mit mehreren großen Projekten, zum Beispiel im Wohnungsbau, ankurbeln will. Mit Interesse wird man beobachten, welche Rolle Armee-Unternehmen dabei spielen.

Auch wenn er von einer Welle der Popularität getragen wird und die Wahl leicht gewinnen wird, ist Sisi noch weit davon entfernt, ein Präsident aller Ägypter, eine integrative Figur für eine schwer gespaltene Gesellschaft zu werden. Zwar sagte er in seiner Rede, dass er jeden Ägypter, der nicht vor Gericht angeklagt sei, als Partner betrachte. Angesichts des derzeitigen Agierens der ägyptischen Justiz ist das jedoch nicht beruhigend. Die "Terroristen" werde er auch ohne Uniform weiter bekämpfen, sagte Sisi. Ein Terrorist ist man im heutigen Ägypten aber ziemlich schnell. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 28.3.2014)

Share if you care.