"Es ist Gott sei Dank nicht so dramatisch"

Interview27. März 2014, 17:37
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Mit temporären Filialschließungen kam Rewe in der Ukraine und in Russland bislang glimpflich davon. Sanktionen lehnt Vorstandschef Hensel ab

Russland und die Ukraine gehören zu den heißesten Märkten von Rewe International. Der Chef des größten Handelskonzerns in Österreich, Frank Hensel, spricht sich gegen eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland im Krim-Konflikt aus. Sie würden Probleme nicht lösen, sondern zur Eskalation beitragen.

Im Jahr 2013 stiegen die Rewe-Umsätze in Russland wechselkursbereinigt um 36 Prozent auf rund 830 Millionen Euro und in der Ukraine um fast 14 Prozent auf 140 Millionen Euro. Von Wiener Neudorf aus verantwortet Hensel für den Kölner Konzern auch die Märkte Tschechien, Slowakei, Bulgarien, Kroatien, Rumänien und Italien. Der Erlös der Rewe-Gruppe stieg 2013 um 2,9 Prozent auf 50,6 Milliarden Euro.

STANDARD: Ist der Streit Russland - Ukraine etwas, wo Sie sagen, das hat mit Rewe International gar nichts zu tun, oder machen Sie sich doch Sorgen um Ihre Filialen in Russland und in der Ukraine?

Hensel: Es wäre stark übertrieben, wenn ich sagte, dass uns das nicht berührt. Was das Wirtschaftliche betrifft, ist es Gott sei Dank nicht gar so dramatisch.

STANDARD: Sondern?

Hensel: In Russland laufen die Geschäfte normal weiter, wir stellen keine Änderung im Konsumverhalten fest. Russland ist der viel größere Markt als die Ukraine, wir haben im Großraum Moskau 92 Billa-Filialen.

STANDARD: Und in der Ukraine?

Hensel: Dort haben wir aktuell 33 Standorte. Wir sind schwerpunktmäßig in Kiew vertreten, haben einige Filialen im Osten des Landes, keine auf der Krim.

STANDARD: Und wirtschaftlich?

Hensel: Da hatten die Demonstrationen in Kiew unmittelbar Auswirkungen auf unser Geschäft. Wir haben drei Filialen direkt am Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz, dem Zentrum der Proteste. Die hatten wir aus Sicherheitsgründen temporär geschlossen. Seit Ende der permanenten Demonstrationen sind sie aber wieder offen.

STANDARD: In der Ukraine konnten Sie den Bruttoumsatz im Vorjahr um 9,23 Prozent auf umgerechnet 140 Millionen Euro steigern, in Russland gar um 28,56 Prozent auf 830 Millionen. Wie das?

Hensel: Insbesondere in Russland kommt das aus dem vorhandenen Netz. Wir haben in beiden Ländern stark in die Filialen investiert, das trägt jetzt Früchte.

STANDARD: Tschechien ist das einzige in Ihrer Verantwortung stehende Land im Osten mit Stagnation.

Hensel: Da spielt der Wechselkurs eine große Rolle. Die tschechische Krone hat insbesondere im letzten Quartal 2013 stark verloren. Wechselkursbereinigt hatten aber wir ein Plus von 2,3 Prozent.

STANDARD:Das ist dennoch deutlich niedriger als in anderen osteuropäischen Ländern?

Hensel: Tschechien ist ein extrem wettbewerbsintensiver Markt. Deshalb werten wir die 2,3 Prozent Plus als großen Erfolg, zumal wir Marktanteile gewonnen haben.

STANDARD: Wie viel Prozent des österreichischen Sortiments findet sich in Ihren Osteuropa-Filialen?

Hensel: Ein eher geringer Anteil. Wir richten die Märkte weitgehend nach den Ansprüchen der Kunden in den jeweiligen Ländern aus. Den Trend, dass die Menschen beim Einkauf Wert auf Produkte aus dem Land legen, beobachten wir nicht nur in West-, sondern auch in Osteuropa.

STANDARD: Wie hält es Rewe mit Elektrotankstellen?

Hensel: Wir hatten E-Tankstellen schon zu einer Zeit, als sie sonst noch niemand hatte. Im Außendienst haben wir aber gemerkt, dass Elektroautos für unsere Bedürfnisse noch nicht die Lösung sind. Aber wir verfolgen die Entwicklung sehr genau.

STANDARD: Und für Ihre Kunden ...

Hensel: ... spielt E-Mobilität noch keine große Rolle. Weil wir aber annehmen, dass Elektroautos an Akzeptanz gewinnen, lassen wir bei jedem neuen Markt, bei jeder Generalrenovierung Infrastruktur für Elektrotankstellen legen.

STANDARD: Diskonter wie Hofer nutzen teils Benzin und Diesel als Lockmittel, Sie künftig Strom?

Hensel: Nicht als Lockmittel. Ich glaube, dass das in wenigen Jahren eine Basisdienstleistung sein wird. Wir setzen in der E-Mobilität dabei auf Schnellladestationen, weil nur das für die Kunden, die bei uns einkaufen, Sinn macht. Was ich nicht ausschließe: dass wir unseren Stammkunden unter Umständen Aktionen anbieten mit unseren Kundenkarten, wo man zum Einkauf dann den Strom gratis bekommt. (Günther Strobl, DER STANDARD, 28.3.2014)

Frank Hensel (55) ist seit 2005 Vorstandschef der Rewe International AG (Billa, Merkur, Penny, Adeg, Bipa). Der Betriebswirt aus Deutschland war für Rewe in China, Ungarn und Italien, ehe er nach Wien kam. Hensel hat drei Kinder.

  • Rewe-International-Chef Frank Hensel pilgert nicht zum Kreml wegen der Ukraine-Krise. Aber er plädiert für Besonnenheit und drängt auf eine politische Lösung.
    foto: apa/hans-klaus techt

    Rewe-International-Chef Frank Hensel pilgert nicht zum Kreml wegen der Ukraine-Krise. Aber er plädiert für Besonnenheit und drängt auf eine politische Lösung.

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