"Die Urkatastrophe war nicht die Entfesselung des Krieges, sondern der aufkeimende Nationalismus"

27. März 2014, 17:00
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Der Historiker Manfried Rauchensteiner über den Ersten Weltkrieg und die von ihm zusammengestellte Ausstellung "An Meine Völker!", die gegenwärtig im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek zu sehen ist

STANDARD: Josef Ritter von Karabacek, Direktor der k. k. Hofbibliothek, begriff, dass im Sommer 1914 Weltgeschichte geschrieben wurde: Er erbat je ein Exemplar des Manifests "An Meine Völker!" in allen Landessprachen und begann mit dem Aufbau einer Kriegssammlung. Die ÖNB besitzt daher 52.000 Dokumente und 38.000 Fotos über den Ersten Weltkrieg. Jahrzehntelang interessierte sich niemand für dieses Konvolut aus Plakaten, Druckwerken, Erlässen, Karten und Zeichnungen. Warum? Aus Scham?

Manfried Rauchensteiner: Nicht aus Scham. Nach dem Ersten Weltkrieg, der wider Erwarten verloren wurde, war einfach das Interesse nicht vorhanden. Der Bestand wurde lange Zeit nicht beachtet, obwohl man eigentlich hätte wissen müssen, dass er sehr interessant ist. Aber schon vor etlichen Jahren hat man ihn aufgearbeitet. Aufgrund dessen war es auch für mich möglich, nicht im Trüben zu fischen, sondern gezielt die interessantesten und wichtigsten Dokumente zu finden.

STANDARD: Die ÖNB bat Sie, aus dem Material der Kriegssammlung eine Ausstellung über den Ersten Weltkrieg zusammenzustellen. Barg diese Sammlung eigentlich Überraschungen für Sie?

Rauchensteiner: Im Rahmen eines derartigen Projekts hat man die Möglichkeit, Dokumente in die Hand zu nehmen, die man vorher nie gesehen hat oder von deren Existenz man nichts gewusst hat. Ich konnte daher die eine oder andere Aussage besser unterfüttern - zum Beispiel in Zusammenhang mit den Reaktionen auf das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914. Es gab Schock, Entsetzen und natürlich Staatstrauer, aber nicht überall. Die ÖNB erwarb kürzlich die Tagebücher des Josef Redlich, die eine ideale Ergänzung zur Kriegssammlung darstellen. Redlich war ein angesehener Reichsratsabgeordneter und 1918 kurz Finanzminister. Wir haben in der Ausstellung die Stelle aufgelegt, in der er schreibt, dass es in Wien am 28. und 29. Juni 1914 keine Trauerstimmung gab, dass in Grinzing und im Prater normale Musik gespielt wurde. Und in Ungarn wurde die Ermordung des gefürchteten Thronfolgers, Erzherzog Franz Ferdinand, sogar bejubelt.

STANDARD: Entscheidend für den Ersten Weltkrieg sind die Umstände, die ihn auslösten. Und gerade die Vorgeschichte spielt in der Kriegssammlung keine Rolle.

Rauchensteiner: Das ist klar: Die Sammlung setzt erst mit der Proklamation "An Meine Völker!" ein. Wir wissen aber, dass sie schon zwei Wochen vor Absendung der Kriegserklärung an Serbien formuliert gewesen ist. Von da an beginnen die Objekte in der Ausstellung zu sprechen. Die Plakate "An Meine Völker!" bilden die rote Linie. Es gibt insgesamt fünf Proklamationen - bis zur finalen Verlautbarung "An das deutsche Volk von Österreich!", mit der die Monarchie 1918 endet.

STANDARD: Das Attentat am 28. Juni 1914 in Sarajevo wäre beinahe schiefgegangen: Cabrinovic verfehlte das Fahrzeug des Thronfolger-Ehepaares, an Grabez fuhr der Konvoi infolgedessen zu schnell vorbei. Und auch Princip wäre gescheitert, wäre der Konvoi nicht in die falsche Gasse eingebogen.

Rauchensteiner: Das stimmt. Aufgrund eines verhängnisvollen Zufalls blieb gerade das Fahrzeug des Thronfolgers beim sogenannten Schiller-Eck stehen. Princip konnte auf einer Entfernung von zwei, drei Metern schießen.

STANDARD: Wäre das Attentat missglückt: Wäre der Erste Weltkrieg dennoch ausgebrochen?

Rauchensteiner: Man hat zunehmend mit einem militärischen Konflikt in Europa gerechnet, aber er hätte auch woanders ausbrechen können. Es hätte beispielsweise einen deutsch-russischen Krieg geben können. Es war zudem nicht zwingend, dass sich aus einem Krieg gegen Serbien ein Weltkrieg ergab.

STANDARD: Franz Joseph meinte in "An Meine Völker!", dass es sein "sehnlichster Wunsch" gewesen sei, seine restlichen Jahre "Werken des Friedens zu weihen" und seine Völker "vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges" zu bewahren. War das glaubwürdig?

Rauchensteiner: Nun ja. Der Kaiser hat bereits 1912 während des Ersten Balkankriegs deutlich gemacht, dass er einen Krieg gegen Serbien als unausweichlich ansah. Schon damals gab es Drohgebärden: Die Russen leiteten eine partielle Mobilmachung ein, die Österreicher erhöhten die Bereitschaft in Galizien - ähnlich dem, wie man es derzeit in der Ukraine durchspielt. Abgesehen davon, dass Franz Joseph kein Kriegsgegner war, müssen wir seine körperliche Schwäche beachten. Er hatte gerade eine Lungenentzündung überlebt, womit eigentlich nicht mehr gerechnet worden war. Er fuhr nach Ischl, um sich zu erholen. Zwei Tage später traf die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers ein. Da nahm die Resignation überhand: Es ging eben in Richtung Krieg, der Konflikt ließ sich nach Ansicht des Kaisers offenbar nicht anders lösen.

STANDARD: Timothy Snyder meint, dass die Monarchie noch "Jahrzehnte weiterbestanden" hätte, wenn nach dem Attentat nichts unternommen worden wäre.

Rauchensteiner: Die Frage ist, ob es möglich gewesen wäre, das Zusammenleben der Völker Österreich-Ungarns durch eine Reichsreform neu zu regeln. Mein Standpunkt ist: Thronfolger Franz Ferdinand wollte nachgewiesenermaßen keinen Krieg gegen Serbien führen, weil es in der Folge zu einem Krieg mit Russland gekommen wäre. Er suchte den Ausgleich. Wenn er nicht ermordet worden und Franz Joseph nachgefolgt wäre, hätte er sicher versucht, den Dualismus Österreich-Ungarn zu beseitigen. Das hätte einen folgenschweren Konflikt mit Ungarn nach sich gezogen. Ob das die Lösung gewesen wäre? Ob das zum Bürgerkrieg geführt hätte? Ob andere eingegriffen hätten? Das sind alles Hypothesen. Aber theoretisch wäre die Habsburgermonarchie durchaus überlebensfähig gewesen.

STANDARD: Warum beharrte man auf der Erfüllung des Ultimatums?

Rauchensteiner: Die Situation begann bereits 1903 zu eskalieren. In Österreich meinte man irgendwann, dass den Serben nicht anders beizukommen sei als mit Krieg. Nach dem Attentat hat natürlich auch erregt, dass Serbien die Hintergründe nicht ernsthaft untersuchte. Die Attentäter wurden nicht verhaftet. Da gab es ein serbisches Versäumnis. Vom Ultimatum war niemand überrascht: England, Italien, Russland und wohl auch Serbien wussten schon vorab, dass ein solches gestellt werden würde.

STANDARD: Russland hatte Serbien Unterstützung zugesichert.

Rauchensteiner: Ja, Serbien hatte einen Blankoscheck. Man sah daher keine Notwendigkeit, irgendeinem österreichischen Druck nachzugeben. Das zeigt natürlich, dass der Wille vorherrschte, den Konflikt militärisch auszutragen.

STANDARD: Sie sprechen von einer "Kettenreaktion". Hätten die Strategen nicht wissen müssen, was man mit der Kriegserklärung an Serbien auslöste?

Rauchensteiner: In Deutschland war die Stimmung für den Krieg. Kaiser Wilhelm gab das Signal, die Regierung zog voll mit. Die Achse Wien- Berlin hielt. Aber man schätzte die Briten falsch ein. Man hat damit gerechnet, dass Russland den Mittelmächten den Krieg erklären wird, man hat auch mit Frankreich gerechnet. Aber dass die Briten zur Entente stehen: Das war so nicht erwartet worden. Mitte August 1914 konnte Österreich gar nichts mehr selbst entscheiden. Es war ein Gefangener der Bündnissituation. Die Gegner der Mittelmächte konnten schließlich das gesamte Bündnis aktivieren, während Österreich-Ungarn und Deutschland zur Kenntnis nehmen mussten, dass das verbündete Italien seine Neutralität erklärte. Noch im Frühjahr 1914 hatten die Italiener in den Raum gestellt, dass sie, wenn es zu einem Krieg kommen sollte, die österreichischen Truppen an der russischen Front unterstützen würden. Zudem würden drei italienische Armeekorps an die deutsche Westfront gebracht werden. Und sie selber wollten Nizza zurückerobern, das sie 1860 an Frankreich verloren hatten. Aber dann forderten sie von Österreich große territoriale Zugeständnisse: Südtirol bis zur Brennergrenze, den Raum Triest, zudem Istrien und Dalmatien. Diesen Forderungen wollte Kaiser Franz Joseph 1915 nicht nachgeben und ließ verlauten: "Dann werden wir eben in Ehren untergehen."

STANDARD: Schätzte Österreich seine Kampfstärke falsch ein? Die Deutschen lästerten ja über den schlecht ausgestatteten "Kameraden Schnürschuh".

Rauchensteiner: Man hat sicher um eine gewisse Schwäche der k. u. k. Armee gewusst, aber dass sie derart "schwach" war, wussten die Deutschen nicht. Daher wurde später ein deutscher Offizier in Wien platziert, der nachrichtendienstliche Tätigkeiten ausübte, damit man nicht noch einmal auf die "Auster-Ungarn" hereinfällt. Es gab tatsächlich einen markanten Mangel an Maschinenwaffen und an schwerer Artillerie. Das hing nicht nur mit der Budgetierung zusammen: Die Militärs konnten sich nicht einigen, welche Geschütze angekauft werden sollten. Man zog dann zwar nach, aber diese Defizite haben sich nie ausgleichen lassen.

STANDARD: Wie sind eigentlich die Massendesertionen in der österreichischen Armee zu erklären?

Rauchensteiner: Dass so viele Truppen desertieren würden, konnte man nicht wissen. Denn Österreich hatte seinen letzten Krieg 1866 geführt. Das war ein neues Phänomen. Als ersten Akt des Widerstandes gab es Selbstverstümmelungen, von Spätherbst 1914 bis in den April 1915 folgten massenhaft Desertionen an der russischen Front - am stärksten bei den Tschechen und Ruthenen. Bei keiner anderen Armee gab es derart viele Desertionen. Interessant ist, dass die Tschechen an der italienischen Front nicht desertierten. Aber den Krieg gegen Russland, die Führungsmacht aller Slawen, sahen viele als problematisch an.

STANDARD: Im Sommer 1916, drei Monate vor seinem Tod, willigte Kaiser Franz Joseph ein, dass der deutsche Kaiser die oberste und entscheidende Instanz innerhalb des Bündnisses wurde. Gab Österreich-Ungarn damit auch die Verantwortung für all das ab, was noch folgte?

Rauchensteiner: Das war schon ein enormer Souveränitätsverzicht: Die Entscheidung über Krieg und Frieden wurde dem deutschen Kaiser übertragen. Österreich hat sich untergeordnet. Anders kann man es nicht sehen. Schon Ende 1914 war bezweifelt worden, ob Österreich-Ungarn den Krieg fortsetzen kann. Man hatte bereits eine Million Soldaten - Tote, Verwundete und Kriegsgefangene - verloren. 1916 war man tatsächlich nicht mehr in der Lage, den Krieg fortzusetzen. Österreich-Ungarn brauchte in dieser militärischen Notsituation die deutsche Führung. Die Deutschen halfen zudem mit Geld, Medikamenten und Nahrungsmitteln aus. Aber die Verantwortung für den Krieg haben wir damit nicht abgegeben. Kaiser Karl wollte die Entscheidung Franz Josephs sofort rückgängig machen. Denn diese Form der Unterordnung und der deutschen Dominanz war ihm zuwider. Aber es gelang ihm nicht.

STANDARD: Und es gelang ihm auch nicht, einen Waffenstillstand zu bewirken.

Rauchensteiner: Er wollte Friedensgespräche anbahnen, fand aber keine Partner. Denn keiner wollte zurückstecken. Es musste wohl etwas Herzeigbares geben, das die Anstrengungen und die Verluste eines derart langen Krieges rechtfertigte. Kaiser Karl hätte nur eine Möglichkeit gehabt: Den Bruch des Bündnisses mit Deutschland und das Angebot eines Sonderfriedens. Doch das wäre für ihn nie infrage gekommen. Er sah sich als deutscher oder deutsch-österreichischer Fürst. Ein Bündnisbruch hätte sich auch nicht mit seinen ethischen Grundsätzen vertragen.

STANDARD: Warum skizzieren Sie in der Ausstellung 16 Themenfelder - und verzichten auf eine Chronologie von 1914 bis 1918?

Rauchensteiner: Ich konnte im Prunksaal nicht die gesamte Geschichte des Krieges erzählen. Wir haben daher versucht, eine Reihe von beherrschenden Themen herauszugreifen, die häufig in einer chronologischen Darstellung zu kurz kommen. Es ist kein ausschließlicher Krieg der Männer, es ist auch ein Krieg der Frauen: Er wird ganz besonders in der Heimat entschieden. Und dort ist der Fokus.

STANDARD: Gibt es eine Lehre, die man speziell aus dem Ersten Weltkrieg ziehen kann?

Rauchensteiner: Ja! Die Urkatastrophe war nicht die Entfesselung des Krieges, sondern der aufkeimende Nationalismus. Wenn sich Völker national determinieren, wenn sich die Menschen nur noch einer Nationalität zugehörig fühlen und ein größeres, multinationales Gefüge nicht mehr als sinnvoll ansehen, dann wird es gefährlich. Insofern bin ich derzeit gar nicht fröhlich. Denn der Nationalismus scheint in Europa wieder eine bestimmende Kraft zu werden. (Thomas Trenkler, Spezial, DER STANDARD, 28.3.2014)

Manfried Rauchensteiner (71), geboren in Villach, studierte Geschichte und Germanistik, von 1966 an arbeitete er im Heeresgeschichtlichen Museum, das er von 1992 bis zu seiner Pensionierung 2005 leitete. 2013 erschien bei Böhlau sein umfangreiches Buch "Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie".

Die Ausstellung An meine Völker! Der Erste Weltkrieg 1914-1918 ist bis 2. November im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, 1., Josefsplatz 1, zu sehen. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21Uhr, im Sommer (Juni-September) auch Mo 10-18 Uhr. Der umfangreiche Katalog (siehe Abb.) kostet 29,90 Euro. Am Sonntag, 30. März, freier Eintritt für alle, die mit dem STANDARD unter dem Arm kommen (Gratisführungen um 10.30, 14 und 15 Uhr).

Link
www.onb.ac.at


Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung der Österreichischen Nationalbibliothek. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Wählte die interessantesten Dokumente der riesigen Kriegssammlung aus: Manfried Rauchensteiner in der Ausstellung "An Meine Völker!" über den Ersten Weltkrieg im Prunksaal der ÖNB.
    foto: önb

    Wählte die interessantesten Dokumente der riesigen Kriegssammlung aus: Manfried Rauchensteiner in der Ausstellung "An Meine Völker!" über den Ersten Weltkrieg im Prunksaal der ÖNB.


  • Isonzofront im September 1915: gefangengenommene italienische Soldaten bei Flitsch/Bovec.
    foto: önb

    Isonzofront im September 1915: gefangengenommene italienische Soldaten bei Flitsch/Bovec.

  • Bereits in den ersten Kriegsmonaten verlor Österreich-Ungarn eine Million Soldaten (Tote, Verwundete und Kriegsgefangene): Wenig froh machende Weihnachtspostkarte des Verlags M. Schulz in Prag von 1914.
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