Zorn und Zeit

27. März 2014, 18:03
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Leif Ove Andsnes im Musikverein

Wien - Mit den kanonisierten Werken der Klassik ist das so eine Sache. In manchen Aufführungen gerinnt das Miteinander von Interpretationstradition, gestalterischer Genauigkeit und dem Bemühen, Maß zu halten, zu einem Kunstwerk. Makellos steht es da. Man bestaunt es wie eine perfekte Marmorstatue. Beethoven war der freie Radikale, der große Zornige der Musik. Im Kopfsatz seiner Appassionata gibt es unvermittelte, ungebremste Ausbrüche von Wut und blinder Raserei, wie es sie davor und eigentlich auch danach in der Musik nicht gegeben hat.

Was macht Leif Ove Andsnes beim ersten massiven Wutausbruch im siebzehnten Takt des Stücks? Er beginnt ihn mit einem warmen, perfekt austarierten Mezzoforte-Akkord und steigert die Dynamik dann formvollendet bis zum Beginn des nächsten Taktes. Beethoven hätte notiert gehabt: Fortissimo von Beginn an. Die Stelle ist nackte Gewalt, pure Raserei. Beim grundsympathischen Norweger leider nicht.

Und so war es im ganzen Konzert. Man kann, man muss über Andsnes' Beethoven-Abend im Musikverein sagen: Er war perfekt. Andsnes ist ein genauer Gestalter und ein großer Lyriker. Aber hat man Verspieltheit je wohlerzogener erlebt als im ersten Thema des Kopfsatzes der B-Dur-Sonate op. 22? Hat man Lebhaftigkeit je musterknabenhafter erfahren als im Marsch der A-Dur-Sonate op. 101? Zwei Zugaben; Begeisterung für den wohltemperierten Perfektionisten. (end, DER STANDARD, 28.3.2014)

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