Die Archivierung des Krieges und des Gedenkens

27. März 2014, 17:00
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Die ÖNB macht im Internet ihre Materialien aus der Zeit von 1914 bis 1918 zugänglich

Wien - Die Wiener Zeitung berichtete am 29. Juni 1914 staatstragend auf ihrer mit Trauerrand umsäumten Titelseite: "Seine k. und k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Ferdinand wurde Sonntag, den 28. Juni d. J. Vormittag in Sarajevo durch einen Schuß schwer verletzt und verschied kurze Zeit darauf." Nachzulesen ist diese Meldung ganz einfach auf der Homepage der Österreichischen Nationalbibliothek: Das Projekt Anno (Austrian Newspapers Online) bietet unter anderem 58 Zeitschriften und 126 Zeitungen aus den Jahren 1914 bis 1918 an. Mehr als 840.000 gescannte Seiten stehen damit im digitalen Zeitungslesesaal der ÖNB als Primärquelle für die Recherche zur Verfügung - kostenlos, rund um die Uhr und im Originallayout. Volltextsuche gibt es noch nicht, aber man arbeitet daran.

Die ÖNB digitalisierte zudem weitere 75.000 Objekte zum Ersten Weltkrieg, darunter 6500 Plakate, 230 Kinder- und Jugendzeichnungen, 37.000 Fotografien der "Kriegspressequartier-Alben", 40 Bücher aus der Sammlung für Plansprachen, 200 Soldatenlieder und 1100 Flugblätter. Ab Mai wird das Material unter dem Titel Europeana Collections 1914-1918 im Netz zugänglich sein. Zusammen mit den Beständen aus neun weiteren Nationalbibliotheken entsteht ein gemeinsames virtuelles Archiv des Krieges, das rund 425.000 Dokumente vor allem von jenen Ländern versammelt, die noch auf unterschiedlichen Seiten der Front standen: Österreich, Deutschland, Italien, Großbritannien und Frankreich.

Die "Kriegssammlung" der ÖNB ist längst nicht abgeschlossen: Erst kürzlich wurden die Fotos und Tagebücher des Fliegerfotografen Franz Pachleitner (1890-1980) erworben. Der Graveur hatte sich 1914 freiwillig zur Fotoflieger-Abteilung gemeldet. Der größte Teil seiner Aufnahmen dokumentiert den Frontabschnitt zwischen Galizien und den Karpaten bis 1916. Pachleitner fotografierte bei waghalsigen Manövern aber nicht nur zu eroberndes Gebiet, er hielt auch das Kriegsgeschehen fest, den Alltag hinter der Front, die Zerstörungen und das Leid der Betroffenen. Carina Klemmer, die Enkelin von Pachleitner, hat die Tagebücher und Fotografien im Carinaverlag veröffentlicht, in der ÖNB stehen die Originalfotos für die Wissenschaft und die allgemeine Benützung zur Verfügung.

Von der ÖNB wird aber auch archiviert, was heuer, im Gedenkjahr 2014, im Internet zum Ersten Weltkrieg geschrieben wird. Das Web@archiv Austria sucht den österreichischen Webspace mit sogenannten Webcrawlern automatisiert nach diesem Thema durch (das bezeichnet man Event-Harvesting). Benutzer und Betreiber können auf www.onb.ac.at spezielle Seiten zur Archivierung vorschlagen. (trenk, DER STANDARD, 28.3.2014)

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Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung der Österreichischen Nationalbibliothek. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Der Fliegerfotograf Franz Pachleitner bannte den Ersten Weltkrieg auf Glasplatten: Blick auf das zerstörte Gorlice (1915) und ...
    foto: önb

    Der Fliegerfotograf Franz Pachleitner bannte den Ersten Weltkrieg auf Glasplatten: Blick auf das zerstörte Gorlice (1915) und ...

  • ... Essensausgabe auf dem Feld (vermutlich 1917).
    foto: önb

    ... Essensausgabe auf dem Feld (vermutlich 1917).

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