Ein wenig Phönix aus der Asche

27. März 2014, 17:50
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"Sugar Man" Sixto Rodriguez gastierte in Wien

Wien - Die Menschen lieben Märchen. Wenn sich darin - selten genug - niemand wehtut und die Welt durch moralische Erbauung ein bisschen besser wird, ist so eine Geschichte gleich noch besser. Das ist eine Gewissheit, die man aus einem Konzert von Sixto Rodriguez mit nach Hause nimmt. Die zweite Einsicht geht so: Auch ältere Menschen können bei Konzerten in eine als Vorstufe zum Erweckungserlebnis geltende Verzückung verfallen, die ansonsten Fans im Teenageralter als närrische Hysterie ausgelegt wird.

Erstaunlich, dass derart verhaltensunauffälliger Folkrock mit zur Zeit seiner Entstehung, also Ende der 1960er-Jahre, beliebter, immer leicht anklagender Deklamationsstimme, freundlich verblasenen Hippietexten aus dem Wassermannzeitalter und Schrubbgitarre für derartig wilde Szenen im Publikum sorgt. In der seit Monaten ausverkauften Wiener Stadthalle mag es deswegen die in die Jahre gekommene Generation X - und ein wenig auch W und das Y - kaum auf den Stühlen halten.

Weltstar mit 71

Sixto Rodriguez ist der Mann, der seit der 2013 mit einem Oscar gekrönten Kinodokumentation Searching For Sugar Man 40 Jahre nach einer erfolglosen Karriere als Songwriter mit nur zwei regulären Studioalben, Cold Fact (1970) und Coming From Reality (1971), nun mit 71 Jahren als später Weltstar auf die Bühnen zurückkehrt. Das macht er zwar schon seit gut 15 Jahren mit schöner Regelmäßigkeit. Zwischendurch ging er, wie man so schön sagt, den Weg von 99 Prozent aller Musiker und verdiente sein Geld in kreativitätsfernen Berufen wie Bauarbeiter. Die Legende aber, an die heute alle so gern glauben wollen, besagt, dass er als Phönix aus der Asche gestiegen ist. Und die Leute wollen nun einmal einen Phönix lieber als einen Bauarbeiter mit musikalischem Nebenerwerb.

In den Zeiten des Apartheidregimes wurde Rodriguez mittels Raubkopien ohne sein Wissen zur wichtigen musikalischen Stimme des südafrikanischen Protests. Man glaubte dort jahrzehntelang, dass er frühzeitig verstorben war. Die Suche nach ihm und seinem Schicksal, davon handelt Searching For Sugar Man. Am Ende der manipulativen Dokumentation geht alles gut aus, und Sixto Rodriguez kann sehr spät den ihm einst versagten Erfolg genießen.

Es sei ihm vergönnt. Menschen lieben Märchen. Und nach Standing Ovations fühlt man sich einfach besser. Aber jetzt einmal ehrlich, mit junger Begleitband an Basstrommelgitarre gebotene gebrechliche Rock-'n' -Roll-Hadern wie Lucille, Blue Suede Shoes oder Fever hätte es nicht gebraucht. Die Leute waren da sehr tapfer.(Christian Schachinger, DER STANDARD, 28.3.2014)

  • Sixto Rodriguez (71) begeisterte in der Stadthalle. 
    foto: christian fischer

    Sixto Rodriguez (71) begeisterte in der Stadthalle. 

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