Das Buch als lebensnotwendige Nahrung

27. März 2014, 17:00
posten

Die Personale "Burn the Diaries" tritt anlässlich eines Filmabends in Dialog mit Louis Malle

Wien - Ein Wasserfleck an der Zimmerdecke, ein Espresso nebst Zigarette, ein Bücherstapel auf dem Schreibtisch: Solche Dinge werden meistens nur dann fotografiert, wenn man ein neues Smartphone testet. Unüblich ist es, derlei Bilder zu verschicken. Schon gar nicht per Post.

Genau das hat allerdings die amerikanische Künstlerin Moyra Davey getan. Die großformatigen Fotos der Serie Of Jane wurden zusammengefaltet und an Freunde oder auch Mitarbeiter des Mumok versandt. Mitsamt den Spuren ihrer Reise hängen sie nun an den Wänden im Untergeschoß des Mumok und laden ein, Daveys privaten Blicken in eine nur vermeintliche Leere zu folgen.

Of Jane ist Teil der ersten Personale Daveys in Österreich. Unter dem Titel Burn the Diaries präsentiert die in New York lebende Künstlerin außerdem ein gleichnamiges Buch, das vom Mumok herausgegeben wurde, sowie das 30-minütige Video My Saints. Zwischen den ungemein persönlichen Arbeiten lassen sich vielfältige Verknüpfungen ausmachen, gemeinsamer Nenner ist die Beschäftigung mit Erinnerung, Zeit, Geschichte, Lesen, Schreiben und Büchern als Objekten.

Bezeichnend für die Bibliophilie Daveys ist das Foto eines Bandes, der flankiert von Messer und Gabel auf einem Teller liegt: das Buch als Nahrung. Dieses Verständnis teilt Davey mit dem französischen Autor Jean Genet (1910-1986), auf den sich die Künstlerin in ihrer Personale vor allem bezieht.

Auf die Frage, ob es Bücher gebe, die ihn verändert hätten, antwortete Genet in einem Interview, man ernähre sich von allem Möglichen und die Veränderung passiere allmählich: "Man macht aus alledem etwas, das zu einem passt." In diesem Sinne dokumentiert die sensible Rezipientin Davey, was ihre Nahrung mit ihr macht, stellt Beziehungen zu Erinnerungen oder Träumen her.

Die Faszination für Genet ist dabei ambivalent. Genet fand im Gefängnis zur Romanschreiberei. Wegen Delikten wie Diebstahl oder Zuhälterei saß er mehrfach ein. Zeitlebens blieb Genet Heimatlosen und Randexistenzen verbunden.

Im Zentrum des Videos My Saints steht eine Passage aus dem Tagebuch des Diebes, in der Genet einen Mitsoldaten bestiehlt, nur um sich an dessen verzweifeltem Suchen zu delektieren. Dem Sadisten gefällt, wie der Kumpan fast schon im eigenen Körper nach den verschwundenen 100 Francs sucht. My Saints zeigt unter anderem die Reaktionen verschiedener Leser auf diese Passage.

Das Buch zu Burn the Diaries enthält nicht nur Daveys Lektüre-Dialoge, sondern auch Reflexionen der in Paris lebenden Schriftstellerin Alison Strayer, die Daveys Skript mit auf Reisen nahm und sich ihrerseits darin einfühlte. Strayer wird auch anlässlich eines Filmabends im Mumok anwesend sein, um den Dialog weiterzuspinnen. Gezeigt wird - neben My Saints - der erste Teil von Louis Malles selbstreflexiver Indien-Doku Phantom India: Unaufgeregt und pointiert reflektiert Malle die Verzerrungen, die sich durch subjektive Blicke und die Anwesenheit einer Kamera einstellen können. (rg, DER STANDARD, 28.3.2014)

Ausstellung bis 25. 5., Filmabend: 2. 4., 19 Uhr


Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung des Museums Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • "Mailer" nennt die amerikanische Fotografin, Filmemacherin und Autorin Moyra Davis ihre per Post verschickten Fotos.
    foto: mumok

    "Mailer" nennt die amerikanische Fotografin, Filmemacherin und Autorin Moyra Davis ihre per Post verschickten Fotos.

Share if you care.