Leidenschaft, die Leiden schafft

28. März 2014, 05:30
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Anlagen in Kunst und Wein locken immer mehr Investoren an. Doch die Investments eignen sich für renditehungrige Glücksritter nur bedingt

Wien - Rekorde sind auf den Finanzmärkten ein untrügliches Signal für Interesse. Wenn die Preise von Aktien oder Anleihen auf neue Höchststände steigen, haben sich Anleger von den rosigen Aussichten überzeugen lassen. Zuletzt haben gerade alternative Märkte abseits der Wall Street mit Rekorden aufgewartet. Davon zeugen millionenschwere Kunstauktionen und rekordhohe Umsätze bei den Auktionshäusern Sotheby's und Christie's. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg schrieb jüngst von einer "Kunst-Welle", die den Markt erfasst habe, und berief sich etwa auf einen Index von Artnet, der die Werke von zeitgenössischen Künstlern abbildet und seit 2003 um 430 Prozent zugelegt habe.

Kein Wunder also, dass Banken von JPMorgan in New York bis zu HSBC in Hongkong angefangen haben, die Sammelleidenschaft ihrer Kunden mit Beratung und Research zu begleiten. Auf Indizes werden handelbare Wertpapiere angeboten. Bei der Großbank Barclays etwa ist vom Trend zu "Treasure Assets" die Rede, zu Schätzen. Bis zu 20 Prozent des Vermögens werden der Bank zufolge gerade in Schwellenländern in Anlagen wie Kunst, Wein oder Oldtimern investiert.

Wein, Marken, Renditen

"Bei Investitionen in emotionalen Vermögenswerten gibt es aber enorme regionale Unterschiede", betont Elroy Dimson, Finanzprofessor an der London Business School, der zuletzt ein umfangreiches Forschungspapier zu Wein als Investment verfasst hat. Während Käufer aus Hongkong und Singapur den Markt für teure Weine dominieren, sind Gemälde in China, Schmuck in Indien oder Oldtimer in Saudi-Arabien die Anlageobjekte der Wahl.

Dimson - der aus einer Familie von Weinhändlern stammt - hat die Investmenterträge für Wein seit 1900 analysiert, dank Daten zu Auktionsergebnissen. Sein Ergebnis präsentierte er kürzlich auf Einladung des Spängler IQAM Research Center an der Wirtschaftsuniversität Wien: Demnach war Wein mit einer Rendite von 4,1 Prozent nach Abzug der Inflation ein besseres Geschäft als etwa Anleihen oder auch Kunst oder Briefmarken. Doch auch diese Anlageklassen haben zinszahlende Schuldscheine geschlagen. Laut Sotheby's hat im abgelaufenen Jahr eine Kiste Château Latour à Pomerol 1961 einen Wert von über 167.000 Dollar erzielt.

Doch wie aussagekräftig sind diese vergangenen Ertragsdaten? Auch Dimson spricht von einer "Obergrenze". Er hat etwa ausschließlich Bordeaux-Weine analysiert, von fünf Châteaus (Haut-Brion, Lafite-Rothschild, Latour, Margaux, Mouton-Rothschild). Viele Kunstindizes sind auf einige wenige Künstler oder Epochen beschränkt. "Dazu haben Fonds und Indizes im Kunstbereich mit dem großen Problem der Bewertungskriterien zu kämpfen", betont Gunter Vogl, Autor des Buches "Kunst als Geldanlage" und selbst leidenschaftlicher Sammler. Denn vielfach seien die Kunstschätze zu überhöhten Preisen in den Portfolios von Fonds gelegen, als diese etwa in der Finanzkrise 2008 in Probleme schlitterten.

Dazu handelt es sich oft nicht um homogene Produkte. Ein Unternehmen kann seine Aktien in kleine Teile stückeln, die alle gleich sind. Gemälde von ein und demselben Künstler sind aber Zustand, Qualität oder schlicht der Phase unterschiedlich zu bewerten: "Jeder Künstler hat auch schwächere Werke", betont Vogl. "Solange man die Kunstwerke nicht verkaufen muss, geht es gut." Doch muss ein Investor schnell verkaufen, fallen auch die Preise rapide.

Das Bewertungsproblem ist jetzt auch bei der Essl-Sammlung offenkundig. Wegen Problemen bei der Baumarktkette Baumax will Karlheinz Essl die Werke an die Republik verkaufen, ein Verkauf am freien Markt sei kaum möglich, glaubt der leidenschaftliche Sammler. Denn wenn die knapp 4900 Werke ungeordnet auf den Markt kommen würden, ließen sich die von Essl erhofften Preise niemals realisieren.

Ganz unabhängig ist der Markt für emotionale Vermögenswerte damit nicht von der Geldwirtschaft. In den USA etwa mussten Milliardäre wie Hedgefondsmanager im Zuge der Krise auch ihr Kunstvermögen auf den Markt werfen. "Die Überschussliquidität der Wall Street geht ganz klar auch in den Kunstmarkt", betont Vogl. In einer Krise kann sie daher wieder auch abfließen.

Aus rein finanzieller Sicht haben Kunst oder Wein einen entscheidenden Nachteil: Sie zahlen keine Zinsen. Doch im Vergleich zu der Anleihe eines Versicherers schmückt ein Kunstwerk wenigstens das Wohnzimmer und auch ein Wein lässt sich besser genießen. "Es gibt auf dem Kapitalmarkt Wege, sicherer oder schneller an den Profit zu kommen als über Kunst", glaubt auch Vogl, "doch gerade für Kunstfans geht es auch um den Genuss der Werke." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 28.3.2014)

  • Weine erzielten zuletzt Rekordpreise bei Sotheby's. Laut dem britischen Finanzforscher Elroy Dimson eignen sich gerade etablierte Châteaus für die Geldanlage Briefmarken wie die Pony Express aus 1861 (Bild) sind oft Teile von millionenschweren Sammlungen, zuletzt hat vor allem China eine Sammelleidenschaft entdeckt.
    foto: ap/robert a. siegel auction galleries

    Weine erzielten zuletzt Rekordpreise bei Sotheby's. Laut dem britischen Finanzforscher Elroy Dimson eignen sich gerade etablierte Châteaus für die Geldanlage Briefmarken wie die Pony Express aus 1861 (Bild) sind oft Teile von millionenschweren Sammlungen, zuletzt hat vor allem China eine Sammelleidenschaft entdeckt.

  • Es sind Werke von Superstars, wie die Skulpturen von Tony Cragg, die bei Auktionen in New York und London regelmäßig für neue Rekorde sorgen.
    foto: galerie thaddaeus ropac

    Es sind Werke von Superstars, wie die Skulpturen von Tony Cragg, die bei Auktionen in New York und London regelmäßig für neue Rekorde sorgen.

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