ORF-Studie: Unterhaltung braucht Qualitätskriterien als Leitbilder

27. März 2014, 13:16
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Universität Zürich untersuchte "Unterhaltung als öffentlich-rechtlichen Auftrag" - "Kein Rezept für Qualität", aber "kontinuierlicher Diskurs" gefordert

Wien - "Unterhaltung ist für mich ein Grundnahrungsmittel", ist ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner überzeugt. Und genau wie beim Essen sei der "Diskurs über Geschmack ein weites Feld". Anlass dieses kulinarischen Vergleichs ist die Studie "Unterhaltung als öffentlich-rechtlicher Auftrag", die am Donnerstag präsentiert wurde. Fazit: "Es gibt ein Recht auf Unterhaltung und unterschiedlichen Geschmack."

Die Frage, ob Unterhaltung nur ein Fall für "Couch Potatoes" ist, oder auch "Spiegel unserer Alltagswelt, unserer Konflikte, Spannungen, Krisen und Auseinandersetzungen" sein kann, vielleicht aber auch "nur ein lukratives Geschäftsmodell" ist oder aber vielmehr "ein besonderer Teil der öffentlichen Kommunikation, der ebenso wie Information über politisches Zeitgeschehen gesellschaftlich relevant ist und die Wahrnehmung unserer Lebenswelt prägt", sollte in der aktuellen Public-Value-Jahresstudie des ORF untersucht werden, wie es in der Einleitung derselben heißt.

Definition

Untersucht hat das Feld ein Team der Universität Zürich unter der Leitung von Gabriele Siegert, die gleich zu Beginn der Vorstellung der Studie zu umreißen versuchte, was Unterhaltung überhaupt ist. So sei sie wahlweise ein Merkmal des Medienangebots, das Ergebnis der Medienrezeption oder das Ziel der Produzenten. Eine treffende Definition könne lauten: "Was eine intendierte Unterhaltungssendung vom übrigen Programm unterscheidet, ist entweder der fiktionale Charakter des Handlungsverlaufs oder die Inszenierung einer Handlung, die von der Intention her dem Vergnügen dienen soll."

Zu unterscheiden sei zwischen "fiktionaler Unterhaltung" wie etwa Spielfilmen oder Soaps, beispielsweise Michael Hanekes "Das weiße Band" oder die TV-Serie "Schnell ermittel", "nonfiktionaler Unterhaltung als Fernsehinszenierung" wie etwa die "Millionenshow" oder "Helden von Morgen" sowie "nonfiktionaler Unterhaltung als Übertragung" wie etwa die "Opernball"-Eröffnung oder der "Villacher Fasching". Siegerts Fazit: "Es gibt keinen klaren Schnitt zur Kultur."

Kulturelle und soziale Funktionen

Neben der Demokratierelevanz, die durch Informationssendungen gewährleistet wird, übernehmen Medien auch kulturelle und soziale Funktionen, wie es in der Studie heißt. Unterhaltungssendungen dienen demnach auch der "Selbstbeobachtung und Beschreibung der Gesellschaft". In puncto Qualität habe Unterhaltung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen allerdings mit Negativmeinungen zu kämpfen: "Da Qualität aber häufig nicht unter Berücksichtigung der Gattung oder des Genres gemessen wird, sondern absolut, hat Unterhaltung einen schweren Stand", so die Studie. Während Qualitätskriterien im Journalismus fest etabliert seien, gebe es im Bereich der Unterhaltung keine allgemein vergleichbaren Standards.

Bei Qualitätskriterien komme es aber auch immer auf die Perspektive an, wie Studien-Ko-Autor Bjorn Rimscha erklärte: So würde Qualität aus Sicht von Produzenten, Distributoren, Nutzern und schließlich Kritikern jeweils unterschiedlich bewertet. "Aus Perspektive der Rezipienten wird als qualitativ hochwertig angesehen, was verständlich ist, ästhetische Qualität hat, Involvement auslöst, unterhält, unbedenklich ist, glaubwürdig ist und Rollenvorbilder präsentiert", so die Studie. Für Kritiker hingegen zählten "gesellschaftliche Relevanz, Engagement der Fernsehmacher, humaner Umgang mit Menschen, kritische Erkundung der Realität und Förderung der Urteilsfähigkeit in gesellschaftlichen Fragen".

Qualität mehr Ziel als Zustand

Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass es bei einer breiten Vielfalt von Unterhaltungssendungen keine geben kann, die alle Kriterien gleichermaßen erfüllt. Dennoch sollten Programmmacher öffentlich-rechtlicher Anstalten "auf Qualitätskriterien als eine Art Leitbilder zurückzugreifen, die in den Produktionsalltag von Sendern als Selbstverpflichtung Eingang finden". "Qualität ist mehr ein Ziel als ein Zustand", unterstrich Siegert. Schließlich gebe es im Unterhaltungsbereich "keine Art von Rezept für Qualität". Vielmehr entstehe und wandle sich diese im Diskurs, der kontinuierlich geführt werden müsse.

Schauspieler Cornelius Obonya, der bei der Präsentation der Studie ebenfalls am Podium saß, wehrte sich "gegen die ewigen Kategorisierungen, die zu Schachtelung führen". Letztendlich sei alles Unterhaltung, was eine gute Geschichte erzähle - ob das nun eine gute Dokumentation, ein Shakespeare-Stück oder ein Krimi sei. "Gegen den Strich" gehen ihm allerdings diverse Castingshows, die wenig dazu beitragen würden, "die Gesellschaft weiter zu bringen". "Das ist purer Voyeurismus." Man müsse sich als öffentlich-rechtlicher Sender einfach "trauen, dass um 20.15 Uhr einmal nicht so viele Zuseher dabei sind", so der Schauspieler in Hinblick auf späte Sendeplätze anspruchsvoller Produktionen.

Haltung

Die TV-Sender müssten Haltung zeigen. Für Zechner wiederum gehe es beim Fernsehen - ebenso wie bei der Nahrungsaufnahme - um Vielfalt. Wie bei einem Muskel brauche es "Anspannung und Entspannung, sonst klappt der Körper zusammen". Kultur sei Teil der Unterhaltung, Unterhaltung sei Teil der Kultur. Man wolle zeigen, wie vielseitig Qualität sein könne. Jedenfalls will sie die Unterhaltung nicht missen.

In Hinblick auf die Entwicklung neuer Stoffe und Sendungen sei es wichtig, das "Recht auf Entwicklung, aber auch das Recht auf Irrtum" zu wahren, sagte Zechner. "Wir wollen, dass kreative Leute Geschichten erzählen. Das sind nicht Almosen, sondern ein gemeinsamer Ausdruck einer Haltung." In diesem Zusammenhang wies Obonya einmal mehr auf die "Verteilungsungerechtigkeit im österreichischen Film" hin. "Es kann nicht sein, dass das fünftreichste Land der EU, das immer gerne die Kultur vor sich herträgt, die Kreativen zum Betteln verurteilt." Ansonsten werde Kultur in der Zukunft irgendwann zum Orchideenfach. (APA, 27.3.2014)

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